Die Redaktion empfiehlt: »Kameraden« von Benoit Abtey, Jean-Baptiste Dusséaux, Mayalen Gout Graphic Novel zur Russischen Revolution

18. September 2017

Der Erste Weltkrieg, die Revolutionswirren in Russland, der Bürgerkrieg zwischen der Roten Armee und den sogenannten Weißen, danach der Krieg gegen Polen – zwischen 1917 und 1921 stand Russland in einer Periode gigantischer Umwälzungen. Das ist Thema der Graphic Novel »Kameraden«, die im Splitter-Verlag als schöner Hardcover-Band erschienen ist.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Soldaten, der sich während all dieser Wirren in eine schöne junge Frau verliebt, der den jungen Josef Stalin kennenlernt und in dessen Person sich alle möglichen geschichtlichen Ereignisse bündeln. Die junge Frau entpuppt sich als Tochter des Zaren, historische Personen wie Lenin und Trotzki spielen wichtige Rollen – in »Kameraden« entfaltet sich ein riesiges historisches Drama, das aufs Engste verknüpft wird mit einer persönlichen Geschichte.

Schon klar: Das ist kein Genre-Comic, wie ich ihn an dieser Stelle üblicherweise vorstelle. Es handelt sich um eine sehr ernsthafte Graphic Novel, die mit verschiedenen künstlerischen Mitteln arbeitet. Wenn man sich auf »Kameraden« einlässt, erhält man eine spannende Geschichte, die vor allem in künstlerischer Hinsicht fasziniert.

Der auf dem Informationstext des Verlags gezogene Vergleich zu dem Roman- und Kino-Klassiker »Doktor Schiwago« ist berechtigt – und lockt doch ein wenig in die Irre. »Doktor Schiwago« spielt in der selben Zeit und erzählt ebenfalls eine große Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Russischen Revolution und des sich anschließenden Bürgerkrieges. Die Abläufe der Handlung sind aber gleichmäßig, die Liebesgeschichte steht immer im Vordergrund. Bei »Kameraden« verläuft die Handlung in Sprüngen, bei denen man als Leser echt aufpassen muss.

Von Benoit Abtey und Jean-Baptiste Dusséaux stammt der Text dieser Graphic Novel. Sie zeichnen die Liebes- und Lebensgeschichte eines einfachen, aber tapferen Soldaten, der immer stärker in die Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts hineingezogen wird. Er lernt – ganz gegen seinen Willen – viele historische Persönlichkeiten kennen, nicht nur in Russland, sondern auch in Polen und Deutschland. An dieser Hauptperson entlang skizzieren die beiden Autoren die Entwicklung einer revolutionären Bewegung bis hin zu einer Bürgerkriegsarmee und zu einem repressiven Staatswesen.

Die Sprünge in der Handlung sind allerdings nicht einfach zu verfolgen. Wer sich mit der Russischen Revolution gar nicht auskennt, dürfte seine Schwierigkeiten haben, die Handlung komplett zu verstehen. Grundlagen sollten für die Lektüre vorhanden sein, vielleicht genügt auch die parallele Lektüre von Wikipedia-Artikeln. Und womöglich wird sich jemand, der sich auskennt, vor allem an der gar zu positiven Darstellung des Zaren stören – solche Dinge sehe ich aber als Freiheit der Autoren.

Mir gefiel die grafische Gestaltung der Graphic Novel: Mayalen Goust liefert einen klaren Zeichenstil, der das Leben am Zarenhof ebenso zeigt wie die Brutalität des Krieges. Eine eindrucksvolle Farbgebung, die mal blass wirkt, dann wieder ein knalliges Rot in den Schnee zeichnet, trägt dazu bei, dass die jeweiligen Szenen eine klare Optik erhalten. Manchmal wirken die Bilder fast fiebrig, die Konturen der handelnden Figuren scheinen zu zittern.

»Kameraden« ist keine leichte Kost. Er bringt eine Abfolge historischer Ereignisse, die vor genau hundert Jahren begonnen haben, in einen neuen Zusammenhang. Damit macht er hoffentlich auf diese Epoche neugierig. Ich fand die Geschichte spannend, künstlerisch ist sie ohnehin auf einem hohen Niveau. Wer eine ungewöhnliche Graphic Novel mag, sollte einen Blick riskieren. (Auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages steht eine kostenlose Leseprobe bereit.)

Kameraden
Abtey, Benoît/Dusséaux, Jean-Baptiste
Splitter Verlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783958395565