Dagny oder Ein Fest der Liebe (kartoniertes Buch)

ISBN/EAN: 9783938803851
Sprache: Deutsch
Umfang: 285 S.
Einband: kartoniertes Buch
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Fast wäre es leichter aufzuzählen, was in diesem Roman nicht vorkommt, denn Zurab Karumidze hat alles in sein großes postmodernes Spiel gepackt, dessen er nur irgend habhaft werden konnte. Immerhin aber hat er uns eine zentrale Figur geschenkt, Dagny Juel. Die gab es wirklich, sie wurde am 4. Juni 1901 in Tiflis von einem nicht erhörten Liebhaber erschossen. Sich selbst erschoß er dann auch. Am 8. Juni 1901, ihrem 34. Geburtstag, wurde Dagny in Tiflis beerdigt. Dagny Juel war Norwegerin, sie lernte früh Edvard Munch kennen und wurde sein Modell (etwa für die berühmte 'Madonna'). Später traf sie auf August Strindberg, der sie erst liebte und dann in einem Drama vernichtete. Schließlich aber heiratete sie den Bohemiensatanisten Stanislaw Przybyszewski, mit dem sie in dem Berliner Künstlerkreis um die Kneipe 'Das Schwarze Ferkel' unterwegs war. Przybyszewski verkaufte sie dann an seinen Jünger Wladyslaw Emeryk, der sie nach Tiflis mitnahm. Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen geschrieben, die Karumidze immer wieder zitiert; diese Passagen wurden für die deutsche Fassung eigens aus dem Norwegischen übersetzt. Wer tritt sonst noch auf in diesem Roman? Zunächst der georgische Mystiker Georges Gurdjieff und der georgische Volksdichter Wascha-Pschawela. Weiter ein sprechender Rabe vom Saturn, der Maler Niko Pirosmani, ein tibetanischer Schamane, August Strindberg und viele andere. Sie alle nehmen an einem 'Fest der Liebe' teil, das dann gründlich schiefgeht, weil sich der junge Revolutionär Koba einmischt, der ein Auge auf Dagny geworfen hat. Er wird später als Josef Stalin in die Geschichte eingehen. Und natürlich spielt das georgische Nationalepos, DER RECKE IM TIGERFELL von Schota Rustaweli, eine wichtige Rolle. Der Roman erschien zuerst 2011 in Tiflis. Er wurde in englischer Sprache geschrieben, eine Übertragung ins Georgische gibt es (noch) nicht. Bislang wurde er nur ins Türkische übersetzt.
Zurab Karumidze (geb. 1957) ist einer der bekanntesten Autoren Georgiens. Sein Werk umfaßt Romane, Kurzgeschichtensammlungen, Novellen sowie ein Buch über Jazz, das den wichtigen georgischen Literaturpreis SABA gewann. Darüber hinaus ist er Herausgeber und Mitherausgeber einiger Essaybände über die georgische Politik und Kultur. Sein Roman DAGNY OR A LOVE FEAST wurde 2012 auf die Longlist des 'Dublin International Literary Award' gewählt. Zurab Karumidze lebt in Tiflis und ist als außenpolitischer Berater der georgischen Regierung tätig. Er wird voraussichtlich zur Buchmesse nach Frankfurt kommen.
Ich fürchte, mein Englisch reicht nicht aus für die Aufgabe, der ich mich jetzt stelle - ich bin kein Muttersprachler. Außerdem weiß ich nicht mal genau, was mich über diese mysteriöse Frau aus Skandinavien schreiben läßt, die vor über hundert Jahren in meine südkaukasische Heimatstadt kam, um dort von einem ihrer Anbeter erschossen zu werden. Dazu bin ich ein übler Bursche - >Ich weiß nicht, was Liebe ist< -, und mit meiner Leber stimmt was nicht, weil ich zuviel trinke. vielleicht trinke ich aber auch nur, weil ich nicht weiß, was Liebe ist, oder ich weiß nicht, was Liebe ist, weil ich trinke? Na bravo! Paulus, der dreizehnte der zwölf Apostel, redete mit Menschen- und mit Engelszungen und wußte, was Liebe ist. Vor langer Zeit schrieb er an die Korinther: 'Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.' Wichtiger noch: 'Die Liebe ist langmütig und freundlich. sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit.' Und was kann ich daraus für mich ableiten? Ich persönlich freue mich des Alkohols, in dem gewiß manche Wahrheit ist, wie das lateinische Sprichwort feststellt, auch wenn er durchweg eher profaneres Zeug enthält, destilliert aus Trauben, Malz, Weizen, Beeren oder sonst etwas, das mein Gehirn wäscht, einhüllt und beerdigt. und, ja, Liebe ist auch drin, aber, soweit ich das rausschmecken kann, nur ein Prozent von den vierzig, besonders wenn man allein trinkt. Um mich also bei Paulus zu bedienen: Wie ich die Liebe verstehe, kommt dem gleich, wie ein tönend Erz oder eine klingende Schelle das Geräusch verstehen, das sie hervorbringen. Oder, noch genauer: Meine Kenntnis der Liebe entspricht der Erfahrung der Liebe von, sagen wir, Eric Dolphys Flöte, wenn der Typ den alten Jazz-Standard "You Don't Know What Love Is" auf ihr spielte. Zweifellos ist die Flöte ein ganz außergewöhnliches Instrument. Sie wurde von einem tiergestaltigen Geschöpf, halb Ziegenbock, halb Gott, erfunden, um diesen einen Moment zu feiern, da alle Materie im Verlauf eines einzigen goldenen Nachmittags überschnappte. Einige gälische Barden meinen, die beste Flöte werde aus dem Schenkelknochen eines liebestollen Reihers gefertigt. Vielleicht sind deshalb fast alle Flötisten ein bißchen wahnsinnig wie der berühmteste von ihnen, Ian Anderson von Jethro Tull. Doch der verrückteste war ein Russe, Wladimir Majakowski. Einmal hat er sogar den irren Versuch unternommen, die eigene Wirbelsäule wie eine Flöte zu spielen. Stellen Sie sich vor, wie er da auf einem Bein steht, das andere angezogen, und mit fest geschlossenen Augen in seine Wirbelsäule bläst >Flying so high, trying to remember