Clark Darlton Er war Guckys Vater

Weitere Infos
Perrypedia Wikipedia

Walter Ernsting war ein Kind der Kriegsgeneration. 1920 in Koblenz geboren, geriet er in die Mühlen des nationalsozialistischen Systems, das er stets entschieden ablehnte. Während viele seiner Altersgenossen begeistert mitmachten, ging er lieber zum »Swingtanzen«. Während des Krieges wurde Ernsting zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, schließlich zur Wehrmacht. Jahrelang war er an der Ostfront, geriet gegen Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft, und nur der Traum von der Reise zu den Sternen, eines besseren Lebens, ließ ihn die Lager in Sibirien überleben.

1950 kehrte Ernsting nach Deutschland zurück, er war krank und geschwächt. Anfangs schlug er sich als Übersetzer für die britischen Besatzungsbehörden durch, bis er eine Entdeckung machte, die sein Leben verändern sollte: amerikanische Science Fiction-Magazine mit grellbunten Titelbildern, die sich die Soldaten schicken ließen. Fasziniert tauchte Ernsting in die neuen Welten ein – und wurde mit mehreren Magazinen beim Rastatter Pabel-Verlag vorstellig.

Die Romanreihe »Utopia Großband« entstand. Das Ende des altehrwürdigen deutschen Zukunftsromans in der Manier von Hans Dominik war besiegelt, die Zukunft gehörte der Science Fiction. Im Zeitalter von »Star Wars« scheinen Weltraumabenteuer eine Selbstverständlichkeit, in der Trümmerwüste der Nachkriegszeit waren sie eine Sensation, ein Urknall.

Bald war Ernsting das Übersetzen und Herausgeben nicht genug. Er wollte selbst schreiben. Der Verlag lehnte ab. Wer wollte schon deutsche Autoren lesen? Ernsting griff zu einer List: Er reichte die Übersetzung des Manuskripts »We against the Future« eines gewissen Clark Darlton ein. Es erschien prompt einige Monate später als «UFO am Nachthimmel«. Hinter Clark Darlton verbarg sich natürlich niemand anderes als Ernsting selbst. Der Trick gelang auch deswegen, weil Clark Darlton zu dieser Zeit wirklich als Dolmetscher tätig war. Zwei Jahre später erhielt der Roman den HUGO.

Weitere Romane folgten. Den Lesern gefielen sie, trotz oder vielleicht gerade weil sie nicht dem Klischee der Science Fiction entsprachen: Ernsting pfiff auf gigantische Zukunftstechnik, sie war ihm stets nur Mittel zum Zweck, um seine Geschichten befreit von den Fesseln der Gegenwart erzählen zu können. Ernsting ließ Menschen aus Fleisch und Blut agieren, sinnierte über das Wesen der Zeit nach – ein Thema, das ihn nie wieder loslassen sollte. Blindes unterwerfen unter Autoritäten verabscheute Ernsting fast genauso sehr wie Gewalt. Die Jahre im Krieg und in Gefangenschaft hatten ihn zum Pazifisten werden lassen.

Er gilt als »großer alter Mann« des deutschen SF-Fandoms. Mit einigen Freunden gründete er 1955 den Science Fiction Club Deutschland e.V. (SFCD), der heute noch existiert und legte den Grundstein für Zeitschriften wie »Andromeda« sowie »Andromeda Nachrichten«, die es ebenfalls noch gibt. Ohne sein Engagement wäre die deutschsprachige Science-Fiction-Szene nie so geworden, wie sie sich bis heute präsentiert.

Dann kam das Jahr 1960. Ernsting und sein Schriftstellerkollege Karl-Herbert Scheer legten dem Moewig-Verlag das Konzept für eine neue Science-Fiction-Serie vor. Sie sollte von einem amerikanischen Astronauten handeln, der auf dem Mond auf Außerirdische stößt. Sein Name: Perry Rhodan. Die Serie übertraf alle Erwartungen. Der Verlag hoffte auf 30 Ausgaben, bis heute sind es fast 2800 geworden.

Ernsting prägte PERRY RHODAN entscheidend. Ihm ist zu großen Teilen der pazifistische Zug der Serie zu verdanken, die Tatsache, dass PERRY RHODAN eine positive Vision der Zukunft darstellt, eine Fortschreibung unserer Gegenwart, die in einer besseren Welt mündet. Mit dem Mausbiber Gucky schuf Ernsting eine Figur, die in ihrer Popularität sogar Perry Rhodan selbst Konkurrenz macht. Dabei ist Gucky gewissermaßen Alter Ego des Autors: Der Mausbiber ist ein Schalk, stets zu Streichen aufgelegt, und in seinen Entscheidungen humaner, als die meisten Menschen es für sich beanspruchen können. Ein feinfühliger, humorvoller Subversiver wie Ernsting selbst.

Neben dem Zeichner Johnny Bruck und ihm gehörte niemand aus der »ersten Generation« so lange dem PERRY RHODAN-Team an. Zeitweilig schrieb er für die ATLAN-Serie, wo er die Abenteuer des Arkoniden Atlan um viele Facetten bereicherte. Außerdem wirkte er an »Dragon« mit, der ersten deutschen Fantasy-Reihe. Damit war Ernsting ebenfalls ein Trendsetter – in den 70er-Jahren war Fantasy ein Genre, das im deutschsprachigen Raum völlig unbekannt war.

Seit 1981 schrieb er nur noch wenige Romane, auch deshalb, weil er zu dieser Zeit nach Irland umgezogen war und die Manuskripte per Post verschicken musste. Diese waren hauptsächlich Romane, in denen der Mausbiber Gucky im Mittelpunkt stand. In den neunziger Jahren zog er sich endgültig von der Serie zurück, verfolgte sie aber weiterhin als kritischer Leser und Ratgeber.

Am 15. Januar 2005 starb Walter Ernsting in einem Salzburger Krankenhaus.