Zeiten und Welten bei PERRY RHODAN NEO (Teil drei) Ein Werkstattbericht von Michael H. Buchholz

26. Oktober 2016

Vorbemerkung der Redaktion: Als einer von zwei Exposéautoren steuert Michael H. Buchholz die Geschicke von PERRY RHODAN NEO. Vor allem in jüngster Vergangenheit zeichneten sich seine Romane durch originelle Spielereien mit der Zeit und ihren Erscheinungen aus.

Davon handelt auch sein Werkstattbericht. Wegen seiner Länge haben wir ihn in drei Teile gegliedert. Vorgestern brachten wir Teil eins, gestern kam Teil zwei, heute bringen wir Teil drei.

Beim Verfassen der Exposés der 130er-Bände ergab es sich, dass ich mir mein Exposé für PERRY RHODAN NEO 133, »Die Raumzeit-Rochade«, selber schreiben durfte. Da der Roman losgelöst vom übrigen Geschehen spielen würde, brauchte ich dieses Mal keine Rücksicht auf die Geschichten der Autorenkollegen zu nehmen. Dichterische Freiheit, hm ...

Ich stand vor der Frage, wie eine .52er-Gewehrpatrone, ein Ohrclip in Form eines altägyptischen Henkelkreuzes, ein Desperado mit Patronengurten, ein Pteranodon, ein Speer sowie Anathema di Cardelah miteinander in Einklang zu bringen waren. Mir wurde schnell klar, dass ich quasi die Sicht von der »anderen Seite des Spiegels« würde schildern können. Ich würde die Gelegenheit zu erzählen haben, was sich rund um Atlan, aber von diesem unbemerkt abgespielt hat, als er 1864 in die Gegend von Vicksburg kommt.

Als Protagonisten suchte ich mir einerseits Rico aus, der schon viel zu lang aus der Handlung verschwunden war, und auf der anderen Seite Tuire Sitareh, dessen kosmische Bedeutung ich noch weiter hervorzuheben gedachte. Etliche Andeutungen in früheren Romanen hatten ja schon anklingen lassen, dass diese Figur eine noch unerschlossene Tiefe besaß, und so ergriff ich begeistert die Gelegenheit, ein wenig mehr Licht auf den Lebensweg dieser schillernden Figur zu werfen.

Im Roman thematisiere ich die schon vor langer Zeit von Frank Borsch angelegten Eigenheiten Ricos, namentlich seine akzentbehaftete Redeweise und seinen auffällig starren Blick. So kam ich auf die Idee, dass der so spanisch klingende Name Rico womöglich gar nicht das Originalwort darstellt, sondern eine von Rico selbst vorgenommene akzentverfärbte Redeweise sein könnte. Doch welches Urwort hatte er hier für sich verfremdet?

Rico entstammt den Werkstätten des Geisteswesens ES. Woraus diese Entität genau hervorgegangen ist, wissen die Leser noch nicht genau; sie können es aber vermuten. Es hängt mit den Liduuri zusammen. Da die Liduuri eine dem Ägyptischen sehr nahe Sprache benutzten, lag es nahe, in deren Umfeld nach einer Übersetzung der originalen Rico-Bedeutung zu suchen.

In meinem altägyptischen Wörterbuch stieß ich auf die Vokabeln »rk« oder – mit Vokal versehen – »rik« und das Wort »chu«. Beide Begriffe zusammengenommen – ich konnte es kaum fassen, so sehr flashte es mich! – bedeuteten soviel wie »Die Ausnahme der Zeit«.

Wow, dachte ich. Was für ein Name. Rico alias Rikchu und die Ausnahme der Zeit. Wie ungeheuer passend. Und nicht ausgedacht, sondern so stand es da, schwarz auf weiß.

Wenn wir uns Ricos Schicksal näher ansehen, so agiert er in vielerlei Hinsicht so, als sei dies nicht nur sein Name, sondern sogar seine Funktionsbeschreibung. Als habe ES ihn eigens dazu ausersehen, eine Ausnahme der Zeit zu bilden. Ist Rico doch lange Jahre Atlans Begleiter durch die Zeit ... und wir wissen, es gibt zwei Ricos, die unterschiedliche Ziele verfolgen und zu unterschiedlichen Zeiten in der NEO-Handlung auftauchen ...

Was wir noch nicht wissen, ist, weshalb es zwei Ricos gibt, überlegte ich. Und beschloss, im Roman auch eine Erklärung dafür zu finden.

Zusätzlich stieß ich auf die Entdeckung des Asteroiden 2016 HO3. Er wird als Gesteinsbrocken mit einem Durchmesser von 40 bis 100 Metern Durchmesser angesehen. Laut jüngsten Erkenntnissen (April/Mai 2016) befindet er sich seit geschätzten hundert Jahren in einem quasistabilen Erdorbit jenseits der Mondbahn und umtanzt seitdem beide Himmelskörper auf ihrem Weg um die Sonne. Er wird dies auch noch mehrere Jahrhunderte lang tun. Die Wissenschaft rätselt derweil über seine Herkunft und weshalb er die Erde begleitet.

Wieder so ein Geschenk, dachte ich. Dieses Rätsel würde ich lösen! Wie dies geschehen ist, kann man im Roman selbst nachlesen.

Damit hatte ich alle Puzzlesteine beieinander, aus denen ich den Roman 133 zusammensetzen konnte und wollte. Aber ...

Ein persönliches Schlusswort:

Was mir allein dazu fehlte, war die Kraft, das alles in die Tat umzusetzen. Denn mitten in die Schreibphase hinein fiel meine neuerliche Chemo- und Strahlentherapie. Wer das noch nicht mitgemacht hat, kann es sich kaum vorstellen, wie sehr die Behandlung an den Lebenskräften zehrt und zerrt.

Konkret hieß das für mich: Ich vermochte gerade einmal eine halbe Stunde zu schreiben, mit dem Laptop auf den Knien, denn am Schreibtisch sitzen konnte ich schon bald nicht mehr; danach musste ich mich für wenigstens zwei Stunden von der Anstrengung erholen. Was das für den Abgabetermin des Romans bedeutete, wurde mir schnell klar. Ich konnte das Werk unmöglich rechtzeitig abliefern.

Ich muss es an dieser Stelle einfach mal erwähnen: Die Redaktion, mein bester Freund und Mitexposéautor Rüdiger Schäfer und unser aller Chefredakteur Klaus N. Frick haben mich ihrerseits geflasht in ihrem Bemühen, mich nach Kräften zu unterstützen. Ich bekam die wohl längste Überschreitungsfrist aller Zeiten zugebilligt, und ich kann mich dafür nur bei allen bedanken. Und nicht nur dafür! Immer gab es auch Unterstützung in Form von aufbauenden und aufmunternden Worten, für die ich dankbarer war und bin als ich es mit Worten auch nur ausdrücken kann.

Mit jeder Woche fiel mir das Schreiben natürlich schwerer und schwerer. Und da, ganz am Ende, zeigte es sich wieder einmal, mit welcher Art von Humor unser aller Universum angefüllt ist. Denn mein Zähler in meinem Schreibprogramm hatte sich unbemerkt von mir zurückgesetzt – von Zeichen mit Leerstellen auf Zeichen ohne Leerstellen. Ich schrieb also und schrieb, voller Schmerzen und schweißüberströmt, und der Roman wollte und wollte einfach kein Ende nehmen.
Endlich erreichte ich die 280.000 vorgegebenen Anschläge und reichte unendlich erleichtert den Roman ein – und erntete missbilligendes Aufstöhnen aller Beteiligten. Denn der Roman war viel zu lang geraten, er umfasste rund 330.000 Zeichen mit Leerstellen (was meinen angezeigten 280.000 Zeichen ohne Leerstellen entsprach).
Mit anderen Worten: Ich hatte viel mehr geliefert als ich sollte, ich wäre tatschlich schon eine gute Woche früher fertig gewesen. Und jetzt durfte ich, anstatt mich auszuruhen, darangehen, den Roman um gut 30.000 Zeichen zu kürzen, um ihn überhaupt druckbar zu bekommen ... ich schwöre, ich habe hallende Stimmen gehört, die da lauthals lachten. Ich weiß nicht, ob das ES und ANDROS waren, aber genau diese Art von Humor ist ihnen, wie wir wissen, zu eigen.
Bleibt mir nur zu hoffen, dass euch der Band 133 trotzdem gefällt. Für mich war es das schwerste Stück Arbeit, dass ich je zu verrichten hatte.