Werkstattbericht Hubert Haensel »Abgrund unter schwarzer Sonne« – korrekt überarbeitet?

9. November 2017

Vor einigen Wochen fragte mich ein Leser, der aktuell die 1000-er Hefte der PERRY RHODAN Erstauflage liest, wie ich bestimmte Themen bei der Bearbeitung für die Silberbände gehandhabt habe. Als Beispiel nannte er die kurze Passage aus einem Roman. In diesem wird erzählt, wie die Zeitrechnung auf NGZ geändert wird, man führt die Neue Galaktische Zeitrechnung ein.

Die Zeitung »Das Neueste für 15 Soli« darf in diesem Roman nach einem Gerichtsbeschluss die alte Zeitrechnung nicht mehr veröffentlichen. Jener Leser meinte, dass dies aus heutiger Sicht wohl ein Fall von Zensur sei. Zugleich fragte er mich, ob ich den Part weggelassen oder zensiert hätte. Damit meinte er, ob die betreffenden Sätze in der Bearbeitung gestrichen oder verändert worden seien.

Wenn ich darüber nachdenke: Ich sah und sehe keine Notwendigkeit, jene Sätze zu bearbeiten. Zumal der Hinweis auf den Gerichtsbeschluss impliziert, dass es ein rechtsstaatliches Verfahren gegeben haben muss. Ohnehin war mir in dem Fall wichtig, was sich an Flair zwischen den Zeilen ergibt: eine Entsprechung im ewigen Hickhack seit der Wiedereinführung der Sommerzeit in unserem Land.

Es muss im terranischen Einflussbereich konträre Meinungen zu der neuen Zeitrechnung gegeben haben. Das ist die Information, die sich aus dem fraglichen Absatz ergibt. Die Menschen in der Zukunft sind demnach nicht bereit, Alteingeführtes und Bewährtes einfach aufzugeben, zumindest trifft das auf eine größere Gruppe zu.

Handelt es sich schon um jene, die wir in der laufenden Romanserie später als Terra-Nostalgiker kennenlernen? Das ist jedenfalls ein winziges Mosaiksteinchen aus der Welt der Zukunft. Das lösche ich nicht einfach, das hat seine Berechtigung.

Vor allem: Jenes Heft erschien im Sommer 1981, die Sommerzeit trat in Deutschland 1980 neu in Kraft. Sollte damals der Autor extrapoliert, womöglich seinen eigenen Unmut über die Zeitumstellung in dieser kurzen Passage kundgetan haben? Eine Antwort darauf werden wir nie bekommen, aber solche Kleinigkeiten sind doch das Salz in der Suppe.

Mein Fazit: Selbst wenn es sich bei dem Verbot, die alte Zeitrechnung fortzuschreiben, um eine Zensur gehandelt hätte – ich hätte das stehen gelassen. Denn alles zu nivellieren hieße für mich, das Leben jeweils um Nuancen ärmer zu machen.

Spinnen wir den Gedanken weiter. Wer rechnet heute noch Euro in DM oder Schilling um? Vielleicht aus Nostalgie bei der einen oder anderen Gelegenheit ... ansonsten haben wir die Umstellung verinnerlicht.

Hat uns jemand verboten, in die alte Währung umzurechnen? Nein. Weil das eine Sache ist, die jeder für sich selbst klarstellen kann. Aber wenn eine Zeitrechnung im intergalaktischen Raumfahrtzeitalter öffentlich umgestellt wird, erspart dies wohl viele Fehlerquellen und Missverständnisse – das ist ein anderes Kaliber.

Mir erscheint es jedenfalls verständlich, dass eine solche Einführung nicht umgehend konterkariert werden darf. Genau das wird auch der genannte Gerichtsbeschluss berücksichtigt haben.

Schwieriger wird es allerdings, wenn die politische Korrektheit auf Bezeichnungen trifft, die man als abwertend und rassistisch empfindet. Sollen wir alles streichen, das anstößig empfunden wird, also beispielsweise ein Wort wie Neger generell aus dem Wortschatz tilgen?

Warum ich das frage? Keineswegs aus politischer Motivation heraus, sondern weil in einem der Hefte, die ich für den Silberband 140 zusammengefasst habe, das verpönte Wort »Nigger« stand. (Die Szene spielt allerdings in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts, im ländlichen Raum in den USA. Es wird diskriminierend benutzt, wie das damals durchaus üblich war.)

Sollte ich jetzt bei der Bearbeitung eine unverfängliche Umschreibung einsetzen? Ich habe nicht danach gesucht, sondern habe den »Nigger« mehrmals stehen gelassen. Weil es zum »Flair« des 20. Jahrhunderts nach dem Krieg dazugehört und ich die historische Bedeutung zu dieser Zeit sah. Unser Perry Rhodan ist ein Jugendlicher Ende der Vierziger – da passt das einfach. Würde ich versuchen, daran herumzuoperieren, würde ich doch das Bild jener Zeit verfälschen.

Und wer nun Lust bekommen hat, mehr über Perry Rhodans Jugend zu erfahren oder seine Erinnerungen an das vor langer Zeit Gelesene aufzufrischen, der Silberband 140 erscheint im November. Er trägt den Titel »Abgrund unter schwarzer Sonne« – und dieses Schwarz ist völlig wertneutral.