Von Fallstricken, kulturellen Details und großem Freiraum (Teil 2) Ein Interview mit Tanja Kinkel

13. Juni 2014

Unser Exposéautor Christian Montillon hat es sich nicht nehmen lassen, mit der Gastautorin von Band 2757 ein Interview zu führen. Tanja Kinkel ist vor allem für ihre historischen Romane bekannt, die mit schöner Regelmäßigkeit die Bestsellerlisten stürmen.

Im ersten Teil des Interviews, der gestern veröffentlicht wurde, hat sie bereits über ihre Begegnungen mit PERRY RHODAN und über die ungewohnte Arbeit nach vorgegebenem Exposé geschrieben. Nun geht es mit weiteren Details zu ihrem Gastroman »Das Sorgenkind« und den Tefrodern weiter.


Christian Montillon: Es war ja nicht so, dass Sie überhaupt nicht wussten, was auf Sie zukam, ehe Sie das fertige Exposé in Ihrem Mailfach vorgefunden haben. Im Gegenteil: Wir hatten einige Mails gewechselt, in denen wir uns vor allem über die Kultur der Tefroder unterhalten haben; mir kam es so vor, als hatten Sie eine Menge Freude daran, diesem außerirdischen Volk weitere Facetten hinzuzufügen. Überhaupt ist – oder war – über die kulturellen Eigenarten der Tefroder bislang erstaunlich wenig bekannt.

Tanja Kinkel: Einer der ersten Vorschläge, die mir bezüglich dieses Romans gemacht wurden, war, über die Geschichte der Hauptfigur die Tefroder zu erforschen, und das sprach mich sofort an. Sich mit Ihnen darüber auszutauschen, welche Alltagskonsequenzen etwa ein verschärfter Geruchsinn hat, oder eine polygame Gesellschaftsstruktur, die wirklich für beide Geschlechter gleichberechtigt ist, war eine für eine vorwiegend historisch orientierte Autorin seltene Gelegenheit, etwas »Worldbuilding« zu betreiben.


Christian Montillon: Sie sind überwiegend für Ihre historischen Romane bekannt. War es sehr anders, ein außerirdisches Volk und seine Eigenarten zu schildern ... also verglichen etwa mit den Menschen einer historischen Epoche auf der Erde?

Tanja Kinkel: Teilweise. Das letzte Volk einer historischen Epoche auf der Erde, das ich beschrieben habe, waren die Mongolen, in einem Roman namens »Manduchai – Die Letzte Kriegerkönigin«, der im September 2014 erscheinen wird. Dabei konnte ich zur Recherche in die Mongolei reisen, mir die Handlungsorte anschauen und mit mongolischen Historikern sprechen, was natürlich bei dem Planeten Gloster nicht möglich ist! Dieses Volk, das es bei einer damaligen Zahl von nur 2,5 bis drei Millionen Menschen schaffte, das größte Landterritorium der Erde zu erobern, hätte durchaus auch für einige Entwicklungen im Perryversum das Modell abgeben können.

Die Mongolen mussten nicht weniger bluffen, um Stärke vorzutäuschen, auch wenn sie das natürlich auf eine völlig andere Art taten. So musste ich beispielsweise schildern, wie und warum ein Heer von 20.000 Mongolen eines von 500.000 Chinesen besiegte und dabei den Sohn des Himmels selbst gefangen nahm. Klingt unglaublich, wie manches bei PERRY RHODAN, ist aber tatsächlich passiert.

Andererseits bieten außerirdische, in der Zukunft lebende Völker größeren Freiraum: Bei den Tefrodern musste ich nicht ständig im Hinterkopf behalten, dass nur ein verschwindend kleiner Teil Lesen und Schreiben konnte, und Kommunikationen zwischen einzelnen Figuren, die sich nicht am gleichen Ort befinden, oft Jahre in Anspruch nehmen konnten. Auf Gloster hat man Holobücher und Sofortverbindungen. :)

Es gibt jedoch auch Parallelen. In beiden Fällen galt es, die Völker nicht aus einer uns vertrauten Außenperspektive zu zeigen – also der etwa eines Europäers im Fall von »Manduchai«, oder der eines Terraners im Fall von »Das Sorgenkind« –, sondern aus ihrer eigenen, und die unterschiedliche Denkungsart also nicht durch die Beobachtung eines Außenstehenden deutlich zu machen. Für Mongolen ist es selbstverständlich, zweijährigen Kindern das Reiten beizubringen, sie finden es nicht außergewöhnlich oder schockierend. Die Familie meiner Hauptfigur in »Das Sorgenkind« besteht zu Beginn aus zwei Ehemännern und einer Ehefrau, und das nimmt jeder für selbstverständlich, nicht für eine soziale Errungenschaft, weil es in dieser Gesellschaft eben selbstverständlich ist.


Christian Montillon: Bei der Lektüre Ihres Romans kam es mir vor, als hätten Sie für das »Sorgenkind« durchaus Sympathien entwickelt. Eine Szene hat mich so beeindruckt, dass ich in meinem Roman 2759 »Die Messingspiele« darauf zurückgegriffen habe. Wie ist es, die Vergangenheit einer Figur zu beschreiben und zu wissen, dass der Leser dessen Gegenwart kennt – und zwar als nicht sonderlich positiv konnotierte Figur? Hatten Sie fast »widerwillige Sympathie« für ihn, oder ...?

Tanja Kinkel: Die Sympathie war mitnichten widerwillig. Sowohl als Autorin als auch als Leserin oder, was das betrifft, Zuschauerin kann ich mit Schurken oder Antihelden sympathisieren, ohne jedoch deswegen ihre Ziele gutzuheißen.

Um einen Vergleich zu gebrauchen, der mir beim Schreiben des »Sorgenkinds« ständig vor Augen stand: Michael Corleone im »Paten« ist ein tragischer Charakter, für den man nicht nur zu Beginn der Saga, als er noch unschuldig ist, enorme Sympathie hegt, sondern der selbst dann noch wenigstens mein Mitgefühl hat, als er auf die Verantwortung für Jahrzehnte organisiertes Verbrechen, jede Menge Toter und eine zerstörte Familie zurückblicken kann. Man kann viele von Michaels Entscheidungen auch nachvollziehen – aus der sicheren Zuschauerdistanz. Für die Opfer dieser Entscheidungen spielt es keine Rolle, warum Michael tut, was er tut; sie leiden und sterben seinetwegen.

Genauso sehe ich das »Sorgenkind«; ein Charakter, für den ich viel empfinde und dessen Laufbahn für die Leser hoffentlich nachvollziehbar ist, ohne jedoch das, was er tut, deswegen zu entschuldigen.


Christian Montillon: Wie schwer oder leicht ist es Ihnen gefallen, sich im Perryversum zu bewegen? Mussten Sie sich »reinbeißen«, kostete es viel Recherche? Wobei Recherche ja für eine historische Autorin zum Alltagsbrot gehört ... nur eben üblicherweise auf einer ganz anderen Ebene – oder?

Tanja Kinkel: Ich recherchiere für meine Romane – übrigens nicht nur für die historischen, sondern auch für den Roman, der in der Gegenwart spielt – im Durchschnitt etwa eineinhalb Jahre, und reise viel. Der Aufwand für einen PERRY RHODAN-Roman war natürlich wesentlich geringer, aber Recherche war durchaus nötig!

Es war mir wichtig, die Punkte der laufenden Handlung, wo sich für meine Hauptfigur entscheidende Dinge ereignen, noch einmal gründlich nachzulesen, denn die Charakterisierung sollte in meinem Roman ja stimmig sein. Außerdem war mir die Perrypedia eine große Hilfe, was Alltagsdetails betraf. Zum Beispiel musste ich herausfinden, wie ein Blues/Jülziish plausibel fluchen konnte, welche religiösen Vorstellungen sie hatten.


Christian Montillon: Verfolgen Sie (wie intensiv auch immer) die Reaktionen der Leser auf Ihre Romane?

Tanja Kinkel: Natürlich. Der Autor, der behauptet, keine Rezensionen zu lesen, schwindelt meiner Meinung nach.


Christian Montillon: Woran arbeiten sie nun, nach Abschluss Ihres Gastromans?

Tanja Kinkel: Ich recherchiere für einen Vortrag, den ich auf der nächsten Tagung der internationalen Lion-Feuchtwanger-Gesellschaft halten werde.


Christian Montillon: Und was wird Ihr nächster Roman werden?

Tanja Kinkel: Bei noch nicht geschriebenen Romanen bin ich abergläubisch und rede lieber nicht darüber. Nur so viel: Derzeit recherchiere ich für eine Novelle, die im späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert spielt!


Christian Montillon: Herzlichen Dank für das Interview! Mehr zu den Romanen der Autorin und zu ihr selbst gibt es auf www.Tanja-Kinkel.de