Von Fallstricken, kulturellen Details und großem Freiraum (Teil 1) Ein Interview mit Tanja Kinkel

12. Juni 2014

Unser Exposéautor Christian Montillon hat es sich nicht nehmen lassen, ein Interview mit der aktuellen Gastautorin zu führen. Hier ist der erste Teil seines Interviews mit Tanja Kinkel – wir veröffentlichen es in zwei Teilen. Der zweite Teil folgt morgen.

Tanja Kinkels Name war mir natürlich schon lange ein Begriff, aber ich traf sie zum ersten Mal während der Buchmesse in Frankfurt 2013. Da stand bereits fest, dass sie gerne einen Gastroman zur Serie beisteuern möchte. Mitten im Messetrubel saßen wir zu zweit am Rand des PERRY RHODAN-Standes, und ich stellte ihr in groben Zügen vor, was der Roman beinhalten könnte. Es war auf ganz spezielle Weise ein »historisches« Thema ... und Tanja Kinkel zeigte sich recht angetan davon. Wir verabschiedeten uns, indem ich ein schmuckes Foto von ihr direkt vor dem überlebensgroßen Perry Rhodan auf der Wand unseres Messestands schoss.

Danach tauschten wir uns mehrfach per Mail aus – unter anderem auch deshalb, weil das eigentlich angedachte Thema insofern »platzte«, als sich der Roman wegen inhaltlicher Dynamiken der Zyklusentwicklungen weit nach hinten schob. Aber ein neues Thema stand für unsere Gastautorin bereit, und die Schlagworte Tefroder und »charmanter Diktator Vetris-Molaud« schienen ihr ebenfalls zu gefallen. Die Datei, in der wir uns über kulturelle Eigenarten/Details dieses Volkes austauschten, wuchs und wuchs ...

... aber nun genug des Vorworts. Wer noch mehr über Tanja Kinkel erfahren möchte, schaut auf ihrer Homepage vorbei.


Christian Montillon: Wie kam es dazu, dass Sie mit der Redaktion ins Gespräch über einen Gastroman kamen?


Tanja Kinkel: Mein Vater war PR-Leser der ersten Stunde, von »Unternehmen Stardust« angefangen, auch wenn er zwischendurch ab und zu ausstieg. Ich selbst habe mit den Silberbänden begonnen und stieg später auch in laufende Zyklen ein.

Außerdem kannte ich natürlich Hans Kneifels frühe Atlan-Zeitabenteuer, die für mich mit meiner Geschichtsleidenschaft als Jugendliche eine schöne Mischform zweier Interessen darstellten. Einer dieser Romane heißt »Säulen der Ewigkeit«. Als ich nun viele Jahre später einen Roman schrieb, der vor dem Hintergrund der ersten archäologischen Entdeckungen in Ägypten spielte, schien »Säulen der Ewigkeit« ein idealer Titel, aber ich wusste, er war bereits vergeben.

Schließlich dachte ich »Fragen schadet nicht« und wandte mich an Klaus Frick mit der Bitte, den Titel nutzen zu dürfen. Er war sofort einverstanden, was ich natürlich fabelhaft fand, und seither blieben wir in Kontakt. Als er mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, einmal einen Gastroman zu schreiben, war ich gerne dazu bereit. In einem Universum tätig sein zu können, das mir als Leserin viel Freude gemacht hat, war eine reizvolle Herausforderung.


Christian Montillon: Was ist Ihre Lieblingsfigur in der Serie?

Tanja Kinkel: Bei dem gewaltigen Umfang der Serie bleibt sich das nicht immer gleich. Ein früher Liebling war Allan D. Mercant, weil ich schon als Teenager eine Vorliebe für intelligente Figuren hatte, deren Loyalitäten nicht sofort durchschaubar sind, was auf Mercant zu Beginn der Serie zutraf.

Atlan natürlich – er war eine der frühesten Charaktere mit einer jahrtausendelangen Geschichte, die ich als Teenager kennen lernte, und der Umstand, dass seine Freundschaft mit Perry durchaus stachlig war, mit Reibereien, Rivalitäten und unterschiedlichen Ansichten, machte die Beziehung erst recht interessant. Und wie die meisten PR-Leser liebe ich Gucky.

So schön der frühe PR-Kosmos jedoch war: Dass K.H. Scheer glaubte, Thoras Stellung als Kommandantin eines Raumschiffs damit rechtfertigen zu müssen, dass »die Frauen unseres Volkes weniger von der allgemeinen Degeneration befallen sind als die Männer« (um Crests Erklärung Perry gegenüber zu zitieren), weil es für Frauen in leitender Stellung sonst keinen Grund geben könnte, zeigt natürlich das ursprüngliche Autorenteam als Kinder ihrer Zeit, mitsamt 60er Jahre-Sexismus, und den frühen weiblichen Figuren der Serie merkt man das an.

Deswegen freut es mich doppelt, dass bei PERRY RHODAN NEO die weiblichen Figuren in der gleichen Zeit genauso interessant und vielschichtig wie die Männer angelegt sind. Eine weitere meiner PR-Lieblingsfiguren stammt aus den Neobänden – Belinkhar – aber sie ist bei weitem nicht die einzige. Sue, Ishy Matsu, Thora, Anne Sloane ... die Frauen in PERRY RHODAN NEO sind für mich eine der besten Aspekte des Neo-versums.


Christian Montillon: Wie war es, nach einem Exposé zu arbeiten, das ein anderer (oder in diesem Fall: zwei andere) für Sie erstellt haben? Das ist für Sie ja eine ungewöhnliche Arbeitsweise.

Tanja Kinkel: Es war eine ganz neue Erfahrung für mich. Vor Jahren habe ich einmal einen Roman geschrieben, der im Universum eines anderen Autors spielte – »Der König der Narren«, ein Buch, das in Michael Endes Phantàsien angesiedelt ist. Aber damals gab es nur Rahmenvorgaben (keine Hauptfiguren der »Unendlichen Geschichte«, und die Regeln zu beachten, die Ende in der »Unendlichen Geschichte« aufgestellt hatte, was die Bewohner Phantàsiens betraf), sonst nichts. D.h. über den Inhalt des Romans konnte ich frei entscheiden.

Dagegen bekam ich diesmal eine bereits gut durchstrukturierte Inhaltsangabe. Ein wenig erinnerte es mich daran, wie ich an biographische Romane herangehe, wo mir ja auch das Leben einer historischen Figur eine gewisse Vorlage gibt, und die Herausforderung für mich als Autorin darin besteht, die Handlungen dieser Figur für die Leser innerhalb des Romans psychologisch und emotional plausibel zu machen. In beiden Fällen steht fest, dass X dies und jenes tut, zu Y eine Beziehung beginnt und zum Ort Z geht. Aber damit der fertige Text keine spröde Aufzählung von Handlungen wird, muss ich X so beschreiben, dass die Leser verstehen, warum das alles so kommt.

Ein großer Unterschied zu einem historischen Roman war natürlich, dass statt dutzender von Sachbiographen, die alle unterschiedliche Auffassungen zu X vertreten, sodass man sich als Romanautorin entscheiden kann, welche man plausibel findet und welche nicht, »nur« zwei Exposé-Verfasser da waren, deren Vorgabe zu dem Leben der Hauptfigur einhellig war.

Außerdem ist es bei dem viel kürzeren Umfang eines PR-Romans im Vergleich zu den meisten meiner Bücher natürlich nicht möglich, eine Entwicklung im gleichen Detail zu zeigen; es galt also, die wenigen Stationen im Leben der Hauptfigur, die mir vorgegeben waren, so vielsagend wie möglich zu machen.


Christian Montillon: Gab es Tücken, Stolperfallen, besonders erfreuliche Details?

Tanja Kinkel: Fallstricke: Kontinuitätsfehler ist ein offensichtlicher. In meinem allerersten Manuskriptentwurf ließ ich etwa eine Figur eine andere fragen, »würdest du gerne Terra besuchen?«, und kam erst dann darauf, dass zum Zeitpunkt dieses Gespräches das Solsystem noch nicht wieder in der Milchstraße und daher auch nicht besuchsfähig war. Zum Glück konnte ich das ändern, noch ehe ich den Roman abgab.

Überraschende erfreuliche Details: die Schwester der Hauptfigur. Was über sie im Exposé stand, lässt sich mit »hedonistisches Partygirl« zusammenfassen, und war nicht viel. Aber nicht nur machte es mir viel Spaß, Dialoge für sie zu schreiben, die sie hoffentlich dreidimensional erscheinen lassen, sondern nach einigem Überlegen erschien sie mir auch als eine gute Möglichkeit, zu zeigen, wie die Hauptfigur durch sie lernt, Charme einzusetzen, was bei ihm nämlich durchaus nicht angeboren, aber in seinem späteren Leben sehr wichtig ist. Diese Schwester wurde zu einer meiner Lieblingsfiguren in dem Roman.

(Das Interview wird morgen fortgesetzt)