Völlig losgelöst – Teil zwei Werkstattbericht von Rüdiger Schäfer

3. Januar 2015

(Anmerkung der Redaktion: In seinem aktuellen Werkstattbericht plaudert der Autor Rüdiger Schäfer über seine Arbeit an Band 86 von PERRY RHODAN NEO. Aufgrund der Länge des Textes veröffentlichen wir ihn in zwei Teilen. Der erste Teil kam gestern, der zweite Teil folgt heute.)

Eine längere Diskussion – nicht nur mit Frank, sondern auch mit Lektor Helmut Ehls – führte ich über die Handhabung der Zeichensprache der Orristan. Alles in Kursiv? Das mochte für Leseraugen sehr ungewohnt und damit ermüdend sein. Alles in Gänsefüßchen? Dann würden sich die stummen Dialoge nicht genügend von den Gesprächen abheben, die Tschubai und Andersson führten. Am Ende entschieden wir uns doch für die Kursivierung – und überließen das finale Votum dem Chefredakteur.

NNEO-Cover 86 von Dirk Schulzachdem Tschubai und Andersson zu Beginn des Romans zum Du übergehen, war mir sofort klar, dass der Norweger einen Spitznamen brauchte. Kein Mensch nennt jemanden, der Frederik heißt, bei seinem vollen Namen! Ich entschied mich für »Ricky«: Ras und Ricky; das hatte fast das Potential für eine eigene Serie – zumindest klanglich!

Frank Borsch war leider anderer Meinung. »Da stolpere ich auch noch nach Lektüre des gesamten Romans drüber«, schrieb er in seinen Anmerkungen zum Manuskript. »Mein Vorschlag: Rick«.

Inzwischen hatte sich Oliver Fröhlich gemeldet, der sich in seinem NEO 88 zwar nicht mit den Orristan, jedoch mit den Errkarem auseinanderzusetzen hatte – und die sollten in weiten Teilen den Sternenkindern gleichen. Auch der zweite Oliver im Team – Oliver Plaschka – wollte wissen, was ich so alles mit den Orristan anstellte, denn er sollte mit NEO 91 an meine Schilderungen anschließen. 

Das sind die ganz normalen Absprachen, die man als Serienautor fast immer in seine Arbeit integrieren muss. Die Kollegen müssen zwangsläufig über die wichtigsten Details informiert sein; zum Beispiel darüber, was die Figuren am Leib tragen, welche Ausrüstung sie mit sich führen oder in welchem körperlichen Zustand sie sich am Ende des eigenen Manuskripts befinden.

Als ich mein fertiges Werk schließlich Ende Oktober – nach mehrfachem Überarbeiten – an Frank Borsch und die Redaktion schickte, war ich zwar einigermaßen erleichtert, aber auch unsicher, ob mein bisher aufwendigster NEO-Roman tatsächlich den Ansprüchen genügte. Ich weiß nicht, wie es da meinen Kollegen geht, aber selbst nach nun beinahe zehn Jahren im Geschäft fällt es mir immer noch wahnsinnig schwer, die eigenen Texte halbwegs objektiv einzuschätzen. 

Immerhin durfte ich mich auf rund vier Wochen Schreibpause freuen, denn mein nächster Streich im Neoversum würde Band 94 sein – und den wollte ich nicht vor Anfang Januar beginnen. Dass es das Schicksal wieder einmal anders meinte, erfuhr ich wenige Tage später, doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Zu meiner großen Freude zeigte sich Frank mit meinem Werk zufrieden. »In zwei Worten:«, schrieb er mir am 5. November, »Schöne Arbeit! Als Leser hatte ich an keiner einzigen Stelle das Gefühl, dass etwas nur gedankenlos dahingetippt wäre. Alles, was du schreibst, hat Hand und Fuß und seine Bedeutung. Die fremde Gesellschaft und die Welt der Orristan leben.«

Ohne Änderungen kam ich freilich trotzdem nicht davon, aber das ist völlig normal – und unglaublich wichtig. Frank steckt einfach sehr viel tiefer in der Materie und entdeckt jedes Mal kleinere (und manchmal auch größere) Ungereimtheiten inhaltlicher Art, die natürlich korrigiert werden müssen. Wie üblich übermittelte er seine Gedanken über die Kommentarfunktion von WORD – und ich verbrachte einen weiteren Abend damit, die entsprechenden Anmerkungen einzuarbeiten.

Das Feedback von Klaus N. Frick und Helmut Ehls beschäftigte sich schließlich nur noch mit stilistischen Dingen – mit sprachlichen Auffälligkeiten und diversem Feinschliff. Für solche Hinweise bin ich ebenfalls stets dankbar, denn sie verhindern im Regelfall, dass man schlechte Angewohnheiten in seine Schreibweise übernimmt und mitschleppt.

NEO 86 war fraglos eine sehr intensive Erfahrung, und auf die Reaktionen der Leser warte ich diesmal so gespannt wie selten zuvor. Ich fand die Idee einer zweiten, seit Jahrtausenden unbemerkt in unserem Sonnensystem lebenden Zivilisation von Beginn an faszinierend, und hoffe, dass es den Lesern nicht anders geht. Fest steht, dass wir von den Sternenkindern ganz bestimmt nicht zum letzten Mal gehört haben!

 

Rüdiger Schäfer