Völlig losgelöst – Teil eins Werkstattbericht von Rüdiger Schäfer

2. Januar 2015

(Anmerkung der Redaktion: In seinem aktuellen Werkstattbericht plaudert der Autor Rüdiger Schäfer über seine Arbeit an Band 86 von PERRY RHODAN NEO. Aufgrund der Länge des Textes veröffentlichen wir ihn in zwei Teilen. Der erste Teil kommt heute, der zweite Teil folgt morgen.)

Grundsätzlich ist jedes neue Exposé eine Herausforderung für einen Schriftsteller. Man weiß nie genau, was einen erwartet, und selbst während des Schreibens wird man manchmal von Wendungen und Problemen überrascht, die man bei der Vorplanung nicht voraussehen konnte.

MNEO-Cover 86 von Dirk Schulzanchmal ahnt man aber auch schon gleich am Anfang, dass man eine Vorgabe in den Händen hält, die sich von allem unterscheidet, das man bislang geschrieben hat. Genau dieses Gefühl hatte ich nach der Lektüre des Exposés von NEO 86.

Der Titel ergab sich aufgrund der Orristan, die im Mittelpunkt der Handlung stehen und sich intern als »Sternenkinder« bezeichnen, von selbst. Da ich Ein-Wort-Titel sehr gern mag, und auch Frank Borsch und Chefredakteur Klaus N. Frick keine Einwände hatten, war die Angelegenheit früh erledigt. 

Von Dirk Schulz wünschte ich mir als Cover das Porträt eines Orristan, einen Wunsch, den er mir erfüllte. Damit schuf er meiner Meinung nach eines der stimmungsvollsten Cover, die ich bislang bei PR NEO bewundern durfte.

Natürlich erinnerte ich mich sofort an die »Sternenkinder«-Saga, die Arndt Ellmer Anfang der 1980er Jahre im Rahmen der TERRA ASTRA-Serie in insgesamt zehn Heftromanen veröffentlicht hatte. Für mich war klar, dass ich das in Form einer kleinen literarischen Verbeugung vor dem PR-Altmeister in meinem Text würdigen wollte. Wer also in Olfggan Kell, dem Mer'ell Arendt des Rates der Sternenkinder, einen ehemaligen LKS-Onkel zu erkennen glaubt, der irrt sich nicht.

Das alles war jedoch nicht die besondere Herausforderung, die ich zu Beginn dieses Berichts erwähnte. Schon während der ersten, wie üblich telefonisch geführten Diskussion mit Frank Borsch, dem Exposéautor bei PERRY RHODAN NEO, standen für mich zwei Tatsachen im Mittelpunkt, die ich für den gesamten Roman zum einen als wesentlich, zum anderen als sehr schwer handhabbar erachtete. 

Erstens: Die komplette Handlung spielte in der Schwerelosigkeit! Und zweitens: Die Orristan benutzten so gut wie keine Lautsprache, sondern verständigten sich fast ausschließlich mit Gesten!

»Dir ist schon klar, was du mir damit dramaturgisch antust?«, klagte ich gegenüber Frank, der solcherlei Beschwerden wie üblich mit honigsüßen Schmeicheleien begegnete.

»Wenn das einer schafft, dann bist du es«, versicherte er mir – und spielte damit mein ganz bestimmt nicht kleines Ego geschickt gegen mich aus.

In den folgenden Tagen war somit Recherche angesagt. In Sachen Orristan musste ich eine Vorstellung bekommen, wie sich eine Lebensform entwickelt, die fast ausschließlich in der Schwerelosigkeit existiert. Wie funktioniert ihre Biologie? Wie bewegt sie sich? Welche Nahrung nimmt sie zu sich, und wie verarbeitet sie sie? Welche anatomischen Besonderheiten weist sie auf? Solche und hundert andere Fragen waren zu beantworten.

Natürlich kamen mir als langjährigem PR-Leser gleich die Buhrlos in den Sinn. Während meiner Arbeit als Lektor der »ATLAN – Das absolute Abenteuer«-Taschenhefte hatte ich einen Großteil der von Willi Voltz in ATLAN 500 gelieferten wissenschaftlichen Erklärungen zum Thema Weltraummenschen weggestrichen. Jetzt las ich mir die entsprechenden Passagen noch einmal durch und nahm sie gewissermaßen als Grundlage für die Orristan.

Außerdem musste ich in Erfahrung bringen, wie sich fehlende Gravitation kurz- bis mittelfristig auf den menschlichen Organismus auswirkte, denn mit Ras Tschubai und Frederik Andersson hatte ich mich auch um zwei Menschen zu kümmern. Immerhin: Hier gestaltete sich die Informationssuche vergleichsweise einfach, denn es gibt jede Menge Berichte vom Leben an Bord der internationalen Raumstation ISS – zum großen Teil von den diversen Astronauten persönlich verfasst.

Noch bevor ich also die erste Zeile des Romans schrieb, entstanden zwei ziemlich schnell anwachsende WORD-Dokumente, die am Ende Eingang in die umfangreiche Datensammlung des NEO-Archivs fanden und dadurch hoffentlich dem ein oder anderen Kollegen weiterhelfen.

Das erste beschäftigte sich mit der fehlenden Schwerkraft und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf den menschlichen Körper, das zweite widmete sich den Orristan, ihrer Kultur und der Bedeutung ihrer diversen Gesten. Da mir Frank diesbezüglich weitgehend freie Hand ließ, konnte ich zum ersten Mal ein komplettes Volk entwickeln – zumindest in diesem Detailgrad. Sehr schnell wurde mir dabei klar, dass so etwas alles andere als einfach ist. Die Gefahr, sich früher oder später in Widersprüche zu verwickeln, ist immens hoch, und mein ohnehin schon großer Respekt vor der Arbeit eines Exposéautors wuchs in diesen Tagen noch einmal um ein gutes Stück.

Die relativ geringe Zahl an Handlungsträgern kam meinen persönlichen Vorlieben sehr entgegen, denn ich kümmere mich lieber intensiv um einige wenige Figuren, als dass ich ganze Horden von Protagonisten bändigen muss. Dadurch blieb genug Zeit, um die Orristan-Kultur in aller Ausführlichkeit zu schildern. Mein Ziel war es, den Leser so tief wie möglich in die exotische Umgebung hineinzuziehen, ihn die Fremdheit der Sternenkinder hautnah miterleben zu lassen. Den Gegenpol bildeten dabei Tschubai und sein fröhlicher Sidekick Andersson, die im Roman praktisch eine Interpretation der Dinge aus menschlicher Sicht liefern sollten. Inwieweit mir dieses ehrgeizige Vorhaben geglückt ist, entscheiden wie immer die Leser.

Jedenfalls stellte ich mir bei fast jedem Satz die Frage »Funktioniert das auch ohne Gravitation?«. Einige Male nahm ich sogar Kontakt mit meiner Schwester auf, die das naturwissenschaftliche Genie in der Familie ist. Zum Beispiel wollte mir partout nicht einleuchten, warum ein ISS-Astronaut sich in der Schwerelosigkeit durch das Werfen eines Schuhs einen Bewegungsimpuls geben konnte. Glücklicherweise konnte es mir meine Schwester erklären, und so entstand die Szene, in der sich Tschubai und Andersson einen Helm zuwerfen und dadurch in der Lage sind, die Wand ihrer Zelle zu erreichen.

(Soweit der erste Teil des Werkstattberichtes. Den zweiten bringen wir morgen.)

Rüdiger Schäfer