Unverhofft kommt oft – Teil 2 Ein Werkstattbericht zu PERRY RHODAN NEO-Band 89 von Michael H. Buchholz und Rüdiger Schäfer

13. Februar 2015

(Vorbemerkung der Redaktion: Am 13. Februar 2015 erscheint der PERRY RHODAN NEO-Band 89, den Michael H. Buchholz und Rüdiger Schäfer gemeinsam geschrieben haben. Wie es dazu kam, erzählt dieser Werkstattbericht, den die beiden Autoren gemeinsam verfasst haben. Wegen seiner Länge kommt der Bericht in zwei Teilen. Gestern kam Teil eins, heute ist es der Teil zwei.)

Rüdiger:
Rüdiger SchäferIn der folgenden Woche besprach ich mich intensiv mit Frank, der natürlich volles Verständnis für Michaels Notlage zeigte und abgesehen von der Sorge um Michaels Gesundheit froh war, dass ich so schnell einspringen konnte und wollte. Ich las mir die knapp 150.000 Anschläge, die Michael abgeliefert hatte, mehrfach durch und nahm dabei bereits die ein oder andere vorsichtige Überarbeitung vor. Da ich bereits fünf NEO-Romane hinter mir hatte, wusste ich ziemlich genau, dass die ein oder andere Formulierung ohnehin im Netz des Lektorats hängen bleiben würde – also konnte ich sie auch gleich entsprechend glätten.

Dann begann die schwierige Aufgabe der Szenenplanung. Selbstverständlich hatte sich Michael beim Schreiben seiner Kapitel auch Gedanken über die Weiterführung und das Ende der Geschichte gemacht. Er hatte mir zudem im Vorfeld alle Unterlagen zur Verfügung gestellt und per Mail erläutert, was seine Planungen waren. Da er danach jedoch ins Krankenhaus musste und aus nachvollziehbaren Gründen keine Fragen mehr beantworten konnte, war ich von nun an auf mich allein gestellt.

Ein großer Vorteil war, dass die Lust auf das Schreiben (geistig hatte ich ja bereits in den Urlaubsmodus geschaltet) mit dem Lesen kam. Abgesehen vom ersten Kapitel, das Michael kurz nach der schrecklichen Diagnose verfasst hatte, und dem man seinen damaligen emotionalen Zustand deutlich anmerkte, waren die nachfolgenden Passagen genau das, was ich von ihm kannte – und erwartet hatte. Allein die Beschreibung der Großküche von Rinat Ugoljew sprühte nur so vor Charme und ließ mich mehrfach breit grinsen.

Auch Orome Tschato, titelgebende Hauptfigur des Romans, sowie die herrlich schräge Besatzung der NAS'TUR II waren perfekt in Szene gesetzt. Hier konnte ich nahtlos ansetzen und die Story weiterführen.

Kniffliger war schon die Mission von Julian Tifflor und Mildred Orsons. Im Exposé hatte Frank viel Raum für Eigeninitiative gelassen, und ich wollte, dass der Einsatz von Free Earth für die Leser glaubwürdig und nachvollziehbar verläuft.

Was mir vor allem zu schaffen machte, war die schiere Menge an Handlung. Chetzkel und die AGEDEN, die NAS'TUR II, Free Earth – da galt es nicht nur vielfältige Fäden zu weben, sondern diese am Ende zu einem funktionstüchtigen Netz zu verknüpfen. Zudem erschien mir Tschato im Hinblick auf seine Auftritte noch ein bisschen unterrepräsentiert. Immerhin tauchte er im Romantitel auf; da musste er auch eine tragende Rolle spielen.

Ich habe den Handlungsverlauf während des Schreibens tatsächlich mehrfach geändert und neu ausgerichtet. So war Tschatos Konflikt mit seinem Vorgesetzten Damokles Ikario (ein herrliches Beispiel für Michaels Talent, Namen zu erfinden – die Anspielungen auf das bekannte Damoklesschwert und der griechischen Sagengestalt Ikarus passen wie die Faust aufs Auge) eigentlich gar nicht vorgesehen gewesen.

Am Ende erlaubte mir PR-Chefredakteur Klaus N. Frick ein paar zusätzliche Tage, in denen ich das komplette Manuskript noch einmal durchlas und dabei speziell auf einen glatten Übergang zwischen den Textblöcken achtete. Die finale Politur würde ohnehin wie üblich der erfahrene Helmut Ehls übernehmen.

Anfang Dezember war ich fertig; eine Woche später waren die Korrekturen durch. Neben Helmut und Klaus hatte sich auch Frank Borsch noch einmal richtig Zeit genommen und den Roman auf inhaltliche Geschlossenheit überprüft. Selten zuvor war mir derart deutlich bewusst geworden, was für eine perfekt geölte Maschine die NEO-Romanfabrik im Prinzip ist und wie exakt die einzelnen Rädchen ineinander greifen – vor allem, wenn es einmal ein bisschen enger wird!

Aus diesem Grund war Michael sofort einverstanden, als ich ihm vorschlug, mit einem Werkstattbericht einen tiefen Einblick in die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte dieses in vielerlei Hinsicht ganz besonderen Romans zu geben. Die Leser werden – da bin ich mir sicher – keinen Bruch bemerken. Im Gegenteil. »Tschato, der Panther« hat mir trotz der nicht geplanten Belastung richtig Spaß gemacht, und im Nachhinein bin ich froh, dass ich dieses Projekt früher als erwartet mit Michael gemeinsam realisieren konnte.

Michael:
Michael H. BuchholzUnd ich erst ... Tschato, der Panther – das ist für Altleser sowohl eine Hommage an William Voltz, der das PERRY RHODAN-Heft 191 verfasste und mit der Titelfigur des Nome Tschato zugleich eine Kultfigur zur Originalserie beisteuerte, als auch an diese damalige Kultfigur (meiner Jugend, du meine Güte, ich war so um die 16 herum, jetzt bin ich 57, ich fasse es nicht!) selbst.

Zufällig geriet mir das entsprechende Heft wieder in die Finger, und da dachte ich, der gute Nome muss ja Vorfahren gehabt haben, wie sähe so ein Ahne wohl im Neo-Universum aus?

So erblickte Orome das Licht der literarischen Welt, und Frank Borsch war begeistert, als er meinen Vorschlag las, den ich gleich mit einem fiktiven Lebenslauf Oromes versehen an ihn sandte. Oromes Dienstnummer trägt übrigens die Heftnummer 191 in sich.

Der Konflikt mit seinem Vorgesetzten – hier widerspreche ich dir leicht, Rüdiger – war im Exposé schon diffus vorgegeben, nur war dieser Vorgesetzte noch namenlos und kaum mehr als eine Schablone. Pure Knochen ohne Fleisch. Also fügte ich Fleisch hinzu, und in der Tat funktioniert so etwas bei mir häufig über die Namenswahl.

Ich wollte einen zwielichtigen Charakter, der einerseits als Drohung über Orome schwebt, der aber andererseits auch einen potentiellen Hang zum Scheitern in sich trägt. Griechenland war 2014 wieder ein Jahresthema, also war die Assoziation von den Griechen zur entsprechenden Sagenwelt nicht weit. Das berühmte Damoklesschwert und Ikarus, der überhebliche Sohn des Daedalus – und fertig war Dam Ikario.

Ähnlich verfuhr ich mit einigen Namen der Crew der NAS'TUR II – und dass sie schwarzhäutige Arkoniden sein sollten, war eine Reflektion auf Oromes Hautfarbe. Spiegelt dieser Handlungsstrang doch im Großen Oromes Konflikt im Kleinen wider. Keithea beispielsweise ist ein realer schwarzafrikanischer Frauenname, und Asir ist phonetisch ein A-Sir, ein Gegen-Sir, wenn man so will. Damit wird schon in seinem Namen sowohl seine rebellische Gesinnung – die in Wahrheit die Emanzipation vom Arkonidenjoch darstellt – gegen seinen Vorgesetzten als auch seine dunkelhäutige Abstammung angedeutet.

So nähere ich mich gern den Charaktereigenschaften meiner Figuren, und ich bin Rüdiger sehr dankbar, dass er sie beibehalten hat und sie allesamt nahtlos fortführte.

Mir hat das Schreiben speziell an NEO 89 sehr geholfen, den Schock der wiedergekehrten Krankheit zu verkraften, und wenn das erste Kapitel zugegeben etwas missriet, so ist das zwei Dingen geschuldet: Erstens schrieb ich es unmittelbar, nachdem mein Professor mir die Hiobsbotschaft überbrachte, und zweitens blieb mir keine Zeit mehr für eine wie auch immer geartete Überarbeitung.

Aber die gut geölte Maschine der NEO-Fabrik funktioniert auch in solchen extremen Fällen, und sie fing den abstürzenden, haltlos trudelnden Ikarus – jetzt meine ich mich selbst – behutsam auf. Hierfür gilt mein Dank allen beteiligten Kollegen, besonders natürlich Rüdiger.

Und zu guter Letzt: Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich seit drei Tagen wieder aus der Klinik heraus, habe sieben teils zehnstündige Operationen in Folge hinter mir und bin am Jahresanfang nur mit einem beschäftigt – mich nach und nach wieder zu erholen. Für die Zukunft: Kennt jemand zufällig einen guten Cyberdoc, der einem Kehlkopflosen die Stimme wiedergibt? Arkonidische Augmentation vielleicht? Oder Psi-Magie? Wo ist Aragorn mit seinem Athelas-Kraut, wenn man ihn braucht?

 

Michael H. Buchholz und Rüdiger Schäfer