PERRY RHODAN-Fans: Interview mit Uwe Hammerschmidt – Teil 1 PERRY RHODAN-lesen in Shanghai

28. April 2014

Immer noch fragen sich viele, wer denn die PERRY RHODAN-Leser seien. Aus diesem Grund hat der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner eine neue Interview-Serie gestartet. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bittet er Leute ins Rampenlicht, die die Buntheit und die Vielfalt des Leserkreises veranschaulichen sollen. Einige von ihnen haben außergewöhnliche Geschichten zu erzählen. Aber lest selbst ...

In der dritten Folge stellt der Autor einen Fan vor, der in China wohnt. Wegen seiner Länge wird das Interview in zwei Teilen erscheinen. Heute ist Teil eins dran, morgen folgt Teil zwei.

Michael Marcus Thurner: Uwe, stell dich bitte mal ein bisschen vor und erzähl mir, wie und warum es dich nach Shanghai verschlagen hat.

PERRY RHODAN-Fan Uwe Hammerschmidt (Bild: Uwe Hammerschmidt)Uwe Hammerschmidt: Ich bin Uwe Hammerschmidt, Jahrgang 1956, meine Hauptinteressen sind Kultur (besonders Literatur) und Reisen, Natur und Geschichte. Nach Shanghai kam ich im März 2008, so banal wie die meisten Expats hier: Ich habe einen interessanten Job angenommen, der sich über ganz Ostasien erstreckt, mit Schwerpunkt China.

Michael Marcus Thurner: Wie lebt es sich denn in dieser für einen Europäer doch sehr andersartigen Umgebung?

Uwe Hammerschmidt: Ich habe mich schon von Jugend an nie deutsch gefühlt, eher schon europäisch. Man wächst halt mit einem spezifischen moralischen, kulturellen und geschichtlichem Hintergrund auf (immer wieder interessant, wenn ich mit Chinesen über den Zweiten Weltkrieg spreche: Es geht dann nie um Nazi-Deutschland sondern um die japanische Invasion). Hört sich vielleicht ein bisschen doof an, aber ich glaube schon, dass gerade PERRY RHODAN mich früh dazu gebracht hat, mich als Mensch, Terraner zu fühlen. Und in meinem Leben war es wie bei der PERRY RHODAN-Lektüre: Die »Exotik« lockt zunächst, aber nach einiger Zeit wird sie Normalität: Man fühlt sich »heimisch«. Ich war auch schon immer der »Where ever I lay my hat is my home«-Typ: Einmal den Koffer ausgepackt, fühle ich mich meist zu Hause.

Aber natürlich gab es speziell in den ersten Jahren viel zu entdecken, ich habe, abgesehen von Reiseführern und Landeslektüre, kaum etwas anderes gelesen, ungewöhnlich für mich.

Und noch immer bin ich gerne zu Fuß unterwegs, auch in Shanghai, auf der Suche nach verborgenen »Schätzen«.

Michael Marcus Thurner: Wie bist du zu PERRY RHODAN gekommen, seit wann liest du die Serie?

Uwe Hammerschmidt: Ich war – wie viele – schon als Kind von Johnny Brucks Titelbildern fasziniert, die ich immer am Kiosk-Aushang bestaunte. Ende 1969 war es dann soweit: Mein erstes Heft war Band 106, »Der Götze von Passa«, in der 3. Ausgabe. Kaum ausgelesen, bin ich mit Band 427 in die Erstauflage eingestiegen. Glücklicherweise gab es einen Bekannten meiner Eltern, der kurz darauf die neuen Hefte nach dem Lesen an mich weitergab (einschließlich der gerade begonnenen ATLAN-Serie).

Von meinem Taschengeld konnte ich zudem ältere Hefte zu zehn bis 25 Pfennig an verschiedenen Stellen nachkaufen: Ich bekam PERRY RHODAN-Fieber, die schulischen Leistungen sanken ... Ebenfalls wie bei vielen anderen Altlesern folgte dann irgendwann der Ausstieg, bei mir war es um Band 620 herum.

Aber man kommt nie los; ich habe zwischendurch immer wieder »reingelesen«, und der endgültige Wiedereinstieg erfolgte dann mit den Silberbänden. Ich habe zunächst den Andromeda-Zyklus verschlungen, der auch mein Lieblingszyklus war: die Don Redhorse Geschichten von Voltz, die Bahnhöfe der Maahks im Leerraum, die Zeitversetzung ... Wow!

Nachdem ich die übrigen Silberbände ebenfalls verschlungen hatte, war mein Hunger noch lange nicht gestillt. Und das Erscheinen von Band 1500 kurz darauf mit all den (besonders für Altleser) tragischen Ereignissen hat mich dann zurück zur Erstauflage gebracht. Bis zum Jahr 2008 ...

Da mein »Taschengeld« nun etwas üppiger war, habe ich sehr schnell alles nachgekauft (und vieles davon auch gelesen), in Erstauflage die Hauptserie, ATLAN, die Taschenbücher, die Comics, Sonderpublikationen, diverse Fan-Publikationen (unter anderem »Zeitraffer«, »PERRY RHODAN-Perspektive«), jegliche Art von Sekundärliteratur (aktuell haben mir die »PERRY RHODAN-Chroniken« sehr viel Unterhaltung bereitet) ...

Auch bei der »Sol« war ich von Anfang an dabei. Wenn ich in Deutschland bin, ist dies immer eine der ersten Publikationen, die ich lese – nach dem obligatorischen Kauf des jeweils aktuellen PERRY RHODAN-Heftes direkt bei Ankunft am Flughafen.

Besonders Rainer Stache hat mir geholfen, den Überblick über die aktuelle Entwicklung zu behalten. Nach einer Pause von zwei, drei Jahren, bedingt durch mein Leben hier, ist mir die aktuelle Handlung doch etwas zu abgehoben geworden. Aber es gibt ja jetzt PERRY RHODAN NEO!

Michael Marcus Thurner: Ist PERRY für dich auch ein kleines Stück Heimat, fernab der Heimat?

Uwe Hammerschmidt: Absolut, sowie Kindheits- und Jugenderinnerung. Als ich Ende 1999 für ein paar Monate in Orlando gearbeitet habe, hatte ich den Schwarmzyklus dabei. Ich bin dann extra zum Erscheinen von Band 2000 nach Deutschland zurückgekehrt.

Auf den meisten meiner Reisen habe ich auch immer mindestens ein PERRY RHODAN-Heft dabei, neben Lektüre, die zum jeweiligen Land passt. In Indien habe ich z.B. neben »Kim« von Rudyard Kipling den Band 414 gelesen.

Bei Band 2500 habe ich mir einen besonderen Spaß gegönnt: In Deutschland angefangen, mit nach Shanghai gebracht und kurz darauf auf einer Dienstreise nach Australien zu Ende gelesen. Ob schon mal ein PERRY RHODAN-Roman auf drei Kontinenten gelesen wurde?

Michael Marcus Thurner: Du kommst viel in der Weltgeschichte herum und warst meines Wissens schon mal in der Wüste Gobi unterwegs. Wie groß ist der Unterschied zwischen Realität und Fiktion? Anders gefragt: Könntest du dir in dieser Weltgegend eine Stadt namens Terrania City vorstellen?

Uwe Hammerschmidt: Schwierige Frage. Tatsächlich war ich nur einmal am Rande der Gobi (ich hoffe, es irgendwann mal tatsächlich zum Goshun-See zu schaffen!). Auf meiner ersten großen Chinareise im Sommer 2008 waren meine Töchter und ich auf dem östlichen Abschnitt der Seidenstraße unterwegs, von Xian bis Tashgurkan nahe der pakistanischen Grenze.

In der Provinz Gansu waren wir an den Ausläufern der Gobi, ich werde den Ausblick in diese »Unendlichkeit« nie vergessen. Auf dieser Reise waren wir dann auch zwei Tage in der Takla Makan, und später, im Jahr 2010, war ich in der Provinz Ningxia in der Tenggeri Wüste nahe der Gobi. Ein paar Tage später sind wir von Hohhot aus zwei, drei Stunden westlich ins Grasland gefahren.

Dort war ich erschüttert (wie an vielen anderen Orten auch) über die Folgen des Klimawandels. Wir waren ein paar Tage auf einem mongolischen Bauernhof, und unsere Gastgeber erzählten, es hätte drei Jahre lang nicht mehr richtig geregnet. Auf unseren Ausritten fanden wir nur verdörrtes Grasland vor, die Seen ausgetrocknet. Wenn überhaupt Vieh zu sehen war, war es abgemagert.

Klar, ich habe die Abschnitte über Gobi/Hohhot in PERRY RHODAN NEO besonders aufmerksam gelesen. Geografisch hatten Scheer und Darlton damals schon die richtige Idee, und Mega-Cities wie Shanghai kommen einem Terrania schon sehr nahe (in der Anfangszeit hier habe ich Shanghai in Mails nach Deutschland immer »Blade Runner City« genannt), aber für mich war Terrania eigentlich immer ein Traum, ein Utopia, von dem nicht nur PERRY RHODAN-Leser träumen: die friedliche Koexistenz und kulturelle Weiterentwicklung einer geeinten Menschheit, ohne Grenzen. Und ich bin froh und stolz, diesen Traum ein bisschen hier in Shanghai verwirklichen zu können. Wir sind alle Terraner!

Das war der erste Teil des Interviews mit Uwe Hammerschmidt; der zweite Teil folgt dann morgen.