PERRY RHODAN-Fans: Interview mit Udo Claßen – Teil 1 Ein kritischer PERRY RHODAN-Sammler

30. Juni 2014

Wer sind eigentlich die PERRY RHODAN-Leser? Eine Frage, die immer wieder gestellt wird. Aus diesem Grund hat der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner eine Interview-Serie gestartet. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bittet er Leute ins Rampenlicht, die die Buntheit und die Vielfalt des Leserkreises veranschaulichen sollen.

In der vierten Folge stellt der Autor einen Fan vor, der vor allem durch seine Sammelleidenschaft bekannt geworden ist, aber auch gern Kritik übt. Wegen seiner Länge wird das Interview in zwei Teilen erscheinen. Heute ist Teil eins dran, morgen folgt Teil zwei.

Michael Marcus Thurner: Udo, erzähl bitte mal ein bisschen über dich selbst und dein Leben abseits von PERRY RHODAN.

UdPERRY RHODAN-Fan Udo Claßen (Bild: Udo Claßen)o Claßen: Meine Lese-Erfahrung als Jugendlicher machte ich mit Comics, Rolf Torring und Jörn Farrow. Ich bin mit 14 Jahren von zu Hause weg, das war 1960, und bin dann siebeneinhalb Jahre zur See gefahren. Zuerst auf kleinen Schiffen, 300 bis 500 Bruttoregistertonnen, auf der Strecke Frankreich-London. Aber auch durch die Ostsee nach Finnland und nach Schweden durch den Nord-Ostsee-Kanal.

Später bin ich auch auf den großen Pötten unterwegs gewesen. Durchs Mittelmeer, die Karibik, Nordamerika an der Ost- und Westküste entlang sowie Südamerika, nur an der Westküste.

Ein ganz besonderes und einschneidendes Erlebnis waren Probleme mit meinen Zähnen in Panama. Das Schiff fuhr durch den Kanal, während ich beim Zahnarzt saß und dem Schiff mit der Bahn hinterher musste. Im Zug gab es damals noch Rassentrennung ...

Auf Schiffen ist es manchmal recht langweilig, oder zumindest war es früher so. Da wurde viel gelesen. Western, Krimis und, ich weiß, es tun sich nun Abgründe auf, auch Liebesromane. Leider habe ich Science Fiction da nie entdeckt.

Es war 1962, auf einer Reise in die Ostsee, da fand ich in einer Kanalschleuse einen Kiosk, der PERRY RHODAN-Hefte anbot. Es war die Nummer 45, die ich als mein erstes Heft kaufte. Ich war so fasziniert von diesem Roman, dass ich auf der Rückreise alle vorhandenen Hefte erwarb. (Damals remittierten die Händler ihre Hefte nicht. Die blieben in den Kiosken, bis sie verkauft wurden.)

Ein Hobby, eine Leidenschaft war geboren – und sie hält mich bis heute gepackt. Dieser Leidenschaft folgte ich; ich schleppte bei einem Schiffswechsel stets einen halben Seesack voll Hefte mit mir herum ... und so sahen sie dann auch aus.

Bei einem Heimaturlaub lernte ich ein Mädel kennen. Sie wurde schwanger, und so gründeten wir eine Familie. Und PERRY war immer mit dabei.

Als Matrose verdient man nicht so viel und ist immer weg von zu Hause. Das ist nicht besonders gut fürs Familienglück. Deshalb habe ich 1967 den Seesack an den Nagel gehängt und Jobs an Land gesucht. Ich war das freie Leben gewöhnt, aber eine Familie kostet nun mal Geld. Und ich wollte eine vernünftige Wohnung, ein Auto, Urlaub usw. Deshalb tat ich den für mich anfangs schwierigen Schritt, hinter einem Zaun zu arbeiten, in einem geschlossenen Gebäude ...

Ich ging zu Bayer auf Schicht. Während die Kessel so vor sich hin rührten, las ich PERRY RHODAN, wenn es die Zeit erlaubte. Ich wollte aber nicht immer tun, was Andere sagten. So habe ich in der Abendschule den Chemie-Facharbeiter gemacht, und weil es so lustig war, gleich den Industrie-Meister der Chemie hinterher. Das war 1980. Zuvor wurde ich aber schon als Schichtmeister bei Bayer geführt – und bin dies auch bis in die Pension geblieben.

Doch zurück zu 1980: Nach der Meisterprüfung hatte ich nichts zu tun. Alles war irgendwie zu Ende, der Druck abgefallen, die Ehe auf der Strecke geblieben. Das Einzige, was ich in der ganzen Zeit beibehalten hatte, war PERRY RHODAN. Also überlegte ich, ob ich mein Hobby nicht ausbauen sollte?

Es war um den Band 1000 herum, da kam ich mit Peter Griese in Kontakt – weil mir seine Romane nicht gefielen. Daraus hat sich dann eine intensive Freundschaft entwickelt.

Auf jeden Fall fing ich zu sammeln an, was an Papier zu bekommen war. Hauptsache, es stand PERRY RHODAN drauf. Ältere Sachen kamen antiquarisch hinzu und das Neue am Kiosk. Erweiterungen meiner Sammlertätigkeit hin zu anderen Serien folgten erst später.

Michael Marcus Thurner: Du bist »aktiver« Fan, bist immer wieder auf Cons mit dabei und besuchst auch einen Stammtisch ...

Udo Claßen: Cons ja, die besuche ich gerne mal. Stammtisch nein, ich bin nicht der Herdenmensch.

Michael Marcus Thurner: Wie lange steckst du denn schon im Fan-Geschehen drin?

Udo Claßen: Ich war mal mit meiner Mutter zum Verkaufen auf einem Trödelmarkt. Doppelte PERRY RHODAN-Hefte waren auch dabei. Da kam ein Typ daher und quatschte mich in Kriewelsch (= Krefelder Platt) an: »Eh Jong van die Hefkes häbb esch ne janze Kaatoong inne Keller. De kannsse desch avhoale. Brucks ooch nix to betaale.« Auf Deutsch: Er hat mir einen Karton voll PERRY RHODAN-Hefte geschenkt.

Das war zu der Zeit, als bei PERRY RHODAN die 4. Auflage mit Band 799 eingestellt wurde. Ich habe dann über die Leser-Kontakt-Seite kundgetan, Leuten zu helfen, an Hefte ab 800 zu kommen. So kam ich zum Fan-Kreis und wurde zum Roman-Beschaffer schlechthin. Eigentlich bin ich es noch heute.

Michael Marcus Thurner: Lass uns mal über deine ganz besondere Sammelleidenschaft reden: Du besitzt nicht nur alle Romane der PERRY RHODAN-Serie; du hast sie darüber hinaus von den jeweiligen Autoren unterschreiben lassen, von der Nummer 1 weg bis zu den aktuellen Romanen. Karl-Herbert Scheer, Kurt Mahr, Willi Voltz, Clark Darlton – sie alle haben sich in deinen Heften verewigt, die neueren Autoren sowieso.
Wann hast du mit der Autogrammjagd begonnen?

Udo Claßen: Das war 1980, wie schon oben erwähnt. Die ersten Autogramme waren von Peter Griese. Er hat mir auch anfangs die Kontakte vermittelt. Später wurde das mehr oder weniger zum Selbstläufer.

Michael Marcus Thurner: Besitzt du tatsächlich alle Autogramme?

Udo Claßen: Ja. Allerdings fing ich erst lange nach dem Tod von W.W. Shols damit an. Ich habe lange überlegt, und Horst Hoffmann meinte damals: »Schreib doch die Witwe an!«

Das habe ich gemacht, die vier Hefte von Shols sind mit »Erna Scholz« signiert.

Michael Marcus Thurner: Es gab traurige Einzelfälle, da verstarb der Autor, bevor sein Roman erschien. Diese Hefte sind dann bedauerlicherweise frei von Unterschriften geblieben, oder?

Udo Claßen: Ja, das gab es, dennoch fehlt in diesen wenigen Heften nicht die Signatur. Mal vom LKS-Onkel, mal vom Risszeichner oder vom Titelbild-Maler.

Michael Marcus Thurner: Ich bekomme die Romane von dir stets paketweise zugeschickt ...

Udo Claßen: Da hättest du mal die Pakete an Darlton nach Irland und an Mahr nach Florida oder auch an die hiesigen Autoren sehen sollen! Kneifel fand es besonders schlimm, wenn hundert Hefte und mehr auf einmal kamen. Entsprechend sind seine Kommentare zusätzlich zu den Autogrammen in den Heften.

Als ich mit der Autogrammjagd anfing, mussten die Autoren ja auch noch ihre alten Romane signieren, ich hatte ja »aufzuholen«. Heute sind es nur die neuen Romane, die ich verschicke. Alles läuft relativ unkompliziert ab.

Es hat aber auch Nachteile: Die Mails heutzutage werden gelöscht, sobald die Sache erledigt ist. Papier hingegen bleibt. Ich habe einen ganzen Ordner voll älterer Autorenpost. (Auch von Schelwokat, der angeblich kaum Briefe schrieb.)

(Soweit der erste Teil des Interviews. Teil zwei folgt morgen.)