PERRY RHODAN-Fans: Interview mit Joachim Paul – Teil 4 PERRY RHODAN-Leser und Politiker

20. März 2015

Immer wieder stellen wir uns selbst die Frage: Wer sind eigentlich die PERRY RHODAN-Leser? Auch Medienvertreter oder Buchhändler wollen das gelegentlich wissen.

Aus diesem Grund hat der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner eine Interview-Serie gestartet. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bittet er Leute ins Rampenlicht, die die Buntheit und die Vielfalt des Leserkreises veranschaulichen sollen.

In der sechsten Folge stellt der Autor einen Fan vor, der seit 2012 hauptberuflicher Politiker ist: Joachim Paul, Jahrgang 1957, ist Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Er übt für die Fraktion der Piratenpartei in diesem Landtag zudem das Amt des Fraktionsvorsitzenden aus.

Wegen seiner Länge erscheint das Interview in vier Teilen. Teil eins behandelte am 17. März 2015 eher allgemeine Themen. Am 18. März ging's unter anderem um Politik im Allgemeinen, und gestern sprach man über PERRY RHODAN. Heute diskutieren die beiden Autoren das Thema Urheberrecht ...

MJoachim Paul (Foto: Yaroslav Dimont)ichael Marcus Thurner: Die Serie PERRY RHODAN wird durch illegale Downloads von Inhalten geschädigt, das bekommen auch wir Autoren zu spüren. Ganz banal gesagt: Mir entgeht dadurch Geld.

Im Grundsatzprogramm der Piratenpartei lese ich zu diesem Thema Allgemeinplätze, die alles und nix aussagen könnten.

Sowohl die Nutzer als auch die Urheber von Medieninhalten sollen nach eurem Plan in ihren Rechten gestärkt werden, die Verleger zurechtgestutzt werden. Mein Verleger ist aber im Idealfall derjenige, der meine Rechte im Netz wahrnimmt und dafür sorgt, dass die Einnahmen aus Downloads gerecht weiterverteilt werden.

Wie sollen in einem Netz, das die Piraten so offen wie möglich gestaltet sehen wollen, denn die Kostenfunktionen überprüft werden, wie auf Tauschbörsen die illegale Weitergabe (also die über private Weitergabe hinaus) von Inhalten verhindert werden? Wie stellt ihr euch das in der Praxis vor?

Und daran anschließend die Frage: Warum soll das Urheberrecht für Kreativarbeit, die ich geleistet habe, nach bereits zehn Jahren wieder erlöschen und nicht wie derzeit nach siebzig Jahren?

Diese Gelder stellen für die Hinterbliebenen einiger verstorbener Kollegen eine lebensnotwendige Absicherung dar, die nach Plänen der Piratenpartei viel zu rasch fallen würde.

Joachim Paul: Fette Fragen, schweres umfangreiches Thema, sicher ein eigenes Interview wert. Und ich möchte dir und deinen Fragen nix schuldig bleiben. Darf ich mich zunächst outen? Ich bin – wie übrigens viele schreibende Piraten auch – Mitglied der VG Wort, direkt als Autor, nicht über einen  Verlag! Ich schreibe leidenschaftlich gern, Essays und Artikel in Zeitungen, öfter in Fachzeitschriften und Monographien sowie in meinem Blog, zuletzt ein Beitrag im Jahrbuch für Pädagogik 2014 zum Transhumanismus. Darüber hinaus habe ich früher IT-Fachbücher geschrieben und jüngst eine Aufsatzsammlung als Buch veröffentlicht.

Klar will ich dafür Geld sehen, wenn's nicht nur für die Ehre ist, wie in Fachzeitschriften. Schreiben macht richtig Spaß und ist zugleich harte Arbeit. Die sollte auch entsprechend vergütet werden. Und wohlhabend werden können soll man damit auch, wenn ein Bestseller gelingt. Das mal vorneweg.

In der von den Piraten aufgeworfenen wichtigen öffentlichen Diskussion ist es zuletzt nicht so gut gelaufen. Unsere Vorstellungen sind zugegeben erstens noch nicht zufriedenstellend ausgearbeitet und zweitens unbedingt im Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Veränderungen auf dem Weg in die Informations- und Wissensgesellschaft zu sehen. Denn wir Piraten wollen im Grunde den Kanon der Menschenrechte erweitern, das Recht auf sichere wirtschaftliche Existenz steht in unserem Grundsatzprogramm.

Eine alleinige Änderung des UrhG macht daher keinen Sinn. Beim alten zu bleiben aber auch nicht. Innerparteilich ist da vieles in der Diskussion. Ich persönlich mag die Idee der Kulturwertmark des CCC. Auch eine Kulturflatrate sollte man nicht gleich abschreiben. 

Ein Kernproblem ist, dass die Verwertungsgesellschaften (VGs) und viele (nicht alle!) Verlage vom klassischen ein-Sender-viele-Empfänger-Modell 1-[gt]n her denken (wollen). Das Internet macht aber auch n-[gt]n Vermittlungen zwischen Urhebern und Nutzern möglich. Die Ausschüttungspraxis der VGs orientiert sich jedoch am 1-[gt]n. Wenn diese sich dem digitalen Wandel öffnen und verstehen, dass künstlerische Schöpfungen auch n-[gt]n vermittelt werden und damit Mikropayments gerecht verteilt möglich machen – auch Jaron Lanier darf mal eine gute Idee haben –, dann bekommt das eine Form. Das aktuelle marktwirtschaftliche Szenario wird »Triumph des Absatzmittlers« genannt. Bleibt es dabei, dann sind Apple und Amazon auf lange Sicht die alleinigen Gewinner – die sich nicht am Gemeinwohl engagieren und dazu in Europa noch skandalös wenig Steuern bezahlen.

Und das bekommt auch nur dann eine Form, wenn wir zusätzlich über eine neue Künstlersozialkasse nachdenken, falls ein bedingungsloses Grundeinkommen politisch nicht durchgesetzt werden kann. Wir brauchen für die Kreativen zumindest eine neue Form der Sozialversicherung, die ganz wie bei Schauspielern die Zeiten »dazwischen« auffängt und bei den wirklichen Großverdienern der Kreativbranche mal kräftig steuerlich zulangt, um ein neues Solidarsystem zu etablieren. Das müsste dann aber auch von den Künstlern selbst angetrieben werden ...

Illegale Downloads sind nicht nur illegal, sie sind auch moralisch nicht vertretbar. Der dadurch entstandene wirtschaftliche Schaden ist allerdings fraglich, denn wer kann belegen, dass bei der Unmöglichkeit solcher Downloads die Werke auch gekauft worden wären? Eine echte Konsequenz daraus kann doch nur sein, Downloads zu legalisieren, so dass alle was davon haben, auch wirtschaftlich.

Der Kreativmarkt könnte nach meiner Auffassung übrigens wesentlich größer sein und mehr Menschen ernähren. Er wird immer noch künstlich begrenzt durch Gatekeeper.

Auf einer Podiumsdiskussion warf mir eine Musikerin mal an den Kopf, sie sei Profi, sie lebe schließlich davon! Dem vorausgegangen war meine Forderung, die VG, hier die GEMA, solle mich, als Gelegenheitskomponist und Musiker gleich behandeln. Ich sähe nicht ein, dass für mich, der ich nicht primär davon lebe, eine andere Praxis von UrhG- und Nutzungsregelungen sowie der Ausschüttungsweise gelten soll. Vielleicht will ich ja auch mal davon leben? Und ein Freund von mir, ein Gitarrist, GEMA-Mitglied, macht Latin-Jazz und stellt seine Stücke bei dem Streamingdienst LastFM ein, bekommt relativ hohe Clickzahlen und hat nichts von den Werbeeinblendungen? Das ist ein No-Go. Denn dass eine Micropayment-Abrechnung möglich ist, zeigen diese Dienste ja ihren Werbeauftraggebern gegenüber.

Die Trennung zwischen Profi und Amateur, ja die Berufsbezeichnungen Wissenschaftler, Künstler, Autor, wurden in der Industriegesellschaft geprägt, sagt Vilém Flusser. In der Informations- und Wissensgesellschaft hat jeder die Möglichkeit, Wissenschaftler, Künstler oder gar Erfinder zu sein, unabhängig davon, wovon er primär lebt. Das wäre wirkliche Freiheit, ein neuer Raum für menschliche Kreativität. (Irgendwie erinnert mich das auch an die halutische Gesellschaft ...)

Und was die Schutzfristen angeht, ich bin ins Grübeln gekommen. Vielleicht erfordert ja das Prinzip »Serie«, mit Redaktion und allem was dazugehört, eine besondere Regelung im Sinne eines kollektiv erstellten und immer noch in der Erstellung befindlichen Gesamtkunstwerks. So dass auch eine Frau Scheer oder die Familie des allzu jung verstorbenen Robert Feldhoff ordentlich was davon haben.

Michael Marcus Thurner: Kehren wir zum Schluss nochmals zu PERRY RHODAN zurück und zur aktuellen Handlung: Wie gefällt dir die Serie, was stört dich, hast du Kritik anzubringen?

Joachim Paul: Hm. Ich möchte, dass mich die Serie auch weiterhin begeistert. Das ist eigentlich alles. Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Leserbrief geschrieben, der mir heute fast leid tut; ich hatte mich über den Begriff der kybernetischen Zivilisation aufgeregt. Der Grund dafür war, ich habe ein paar der alten Begründer der Kybernetik auf Kongressen noch persönlich kennengelernt. Was für charismatische, überhaupt nicht arrogante, die Menschen liebende Wissenschaftler-Persönlichkeiten! Das kann man sich gar nicht vorstellen. Und dann die Kybb als die dunkle Seite der Macht? Ich hatte den Eindruck, Arndt Ellmer war etwas angefressen, und ich war im Klugscheißer-Modus, sorry dafür.

Und nein, ich muss nicht immer mit allem einverstanden sein, um meinen Frieden mit PERRY RHODAN zu haben. Wenn ich einen Wunsch äußern darf an die Expokraten von PERRY RHODAN und PERRY RHODAN NEO: Recherchiert sowas im Netz und geht ansonsten komplett neue Wege. Weg von alten Mustern. Differenzierte Bösewichte. Vetris-Molaud gefällt mir. Und der Zyklus »Das Atopische Tribunal« ist schon sehr geil.

Was Geschichten, ihre Figuren und ihre Spannungsbögen angeht, sind die Odyssee und die Shakespeare'schen Dramen und Komödien immer noch das Maß aller Dinge. Aber auch damit kann kreativ gespielt werden. Und eine Serie tut das schon allein dadurch, dass sie eben eine Serie ist. Der Zeitgeist, siehe Netflix und HBO, steht auf Serien. Weiter so!