PERRY RHODAN-Fans: Interview mit Joachim Paul – Teil 2 PERRY RHODAN-Leser und Politiker

18. März 2015

Immer wieder stellen wir uns selbst die Frage: Wer sind eigentlich die PERRY RHODAN-Leser? Auch Medienvertreter oder Buchhändler wollen das gelegentlich wissen.

Aus diesem Grund hat der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner eine Interview-Serie gestartet. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bittet er Leute ins Rampenlicht, die die Buntheit und die Vielfalt des Leserkreises veranschaulichen sollen.

In der sechsten Folge stellt der Autor einen Fan vor, der seit 2012 hauptberuflicher Politiker ist: Joachim Paul, Jahrgang 1957, ist Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Er übt für die Fraktion der Piratenpartei in diesem Landtag zudem das Amt des Fraktionsvorsitzenden aus.

Wegen seiner Länge erscheint das Interview in vier Teilen. Gestern behandelte der erste Teil eher allgemeine Themen. Heute geht's im zweiten Teil unter anderem um Politik im Allgemeinen, und morgen diskutieren die beiden Autoren über PERRY RHODAN. Am 2o. März wird abschließend das Thema Urheberrecht beleuchtet...

MJoachim Paul (Foto: Yaroslav Dimont)ichael Marcus Thurner: Du hast bereits eine recht bewegte berufliche Karriere hinter dir. Vom Physik-Studium zur Neurokybernetik zum freiberuflichen Medienberater zum Politiker, um das mal abzukürzen. Es gibt einige Leser, deren Karriere durch die PERRY RHODAN-Lektüre mit geprägt wurde. Trifft das bei dir in irgendeiner Form zu?

Joachim Paul: Kurz gefasst, ja, sogar als recht frühe Prägung. Es war aber nicht PR allein, sondern dazu die elterliche Prägung, die Mondlandung 1969, ein Physiklehrer und Science Fiction allgemein.

Ich wollte nach der Grundschule unbedingt auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Das hat sicher auch am Zeitgeist und den Wissenschaftssendungen im TV damals, mit Professor Heinz Haber, gelegen. Mein Vater, ein Jurist mit hoher Allgemeinbildung, hätte mich am liebsten auf ein humanistisches Gymnasium geschickt, hat aber dann meinem Wunsch nachgegeben.

Bei uns in der Häuserreihe waren wir die erste Familie mit TV, so ein 60s-Möbel mit Radio oben und Plattenspieler unten drin. Und die Nachbarn kamen rüber, mit Bier, Würstchen und Kartoffelsalat, wenn ein Gemini-Start der Amis anstand, die ersten Live-Übertragungen über den großen Teich. Mein Bruder und ich durften dabei sein. Dann kam das Apollo-Programm. Eine der letzten, intensiven Erinnerungen an meinen Vater ist die Mondlandung am 20. Juli 1969, die wir gemeinsam mit der ganzen Familie live mitten in der Nacht geschaut haben. Mein Vater sagte, »Jungs, wenn die Amis das hinkriegen, gibt's für jeden von euch 'ne Tafel Nussschokolade!«

Er starb allzu früh mit 60 Jahren im Januar 1970 und mir und meinem Bruder fehlte – neben vielem anderen – der Fragenbeantworter. Ich war gerade mal 12.

Zunächst als Ersatz – meine Mutter unterstützte das ausdrücklich – habe ich dann das mit den Büchern probiert. Und wurde fündig. In der Filiale der Stadtbücherei um die Ecke gab es neben vielen anderen spannenden Sachen auch knapp zwei Meter der Reihe »Goldmanns Weltraum-Taschenbücher«. Da habe ich mich durchgefressen, von Asimov bis Wyndham, atmosphärisch dichte Romane, in denen ich wohnen konnte. Der Nachteil war, irgendwann war's zu Ende.

Parallel stolperte ich über PERRY RHODAN. So banal das klingt, es gab einen vielleicht entscheidenden Vorteil: Hier waren richtig gute Science-Fiction-Geschichten in einer Geschichte, und die hörte einfach nicht auf! Jede Woche ging es weiter.

Dazu kamen einige SciFi-Serien im TV. Mai '72 startete dann »Raumschiff Enterprise«. Klar habe ich die Serie gern gesehen. Aber was für ein kleines Universum das war, schließlich war ich mit PERRY schon längst in anderen Galaxien unterwegs.

Und im Herbst '70 im Gymnasium – heute Klasse 8 – begann der Physikunterricht. Wir hatten einen Wahnsinnslehrer, von uns Schülern liebevoll Teddy genannt, der für Interessierte am Montag Nachmittag ab 16 Uhr eine Astronomie-AG anbot.
Neben dem theoretischen Kram haben wir dort mit ihm auch Fernrohre gebaut, Newton-Teleskope mit Nachführung. Wir schliffen in stundenlanger Arbeit die Spiegel aus dicken Glasplatten. Teddy schickte die dann zum Bedampfen in ein nahegelegenes Aluminiumwerk. Mond, Venus, Jupiter, Saturn und der Orionnebel »live auf dem Dach der Schule«. Ich wollte Astronom werden! Dazu kam auch die durch die Science Fiction und PERRY RHODAN gewachsene, unverbrüchliche Überzeugung, dass »da draußen« irgendwo Leben sein musste.

Es gab natürlich auch Zweifel an meiner Wahl, aber letztlich habe ich mich an der Ruhr-Universität Bochum für Physik eingeschrieben. In Astronomie kann man nur promovieren, Voraussetzung ist ein Diplom – heute Master – in Physik, Hauptfach Astrophysik. An der Uni verschob sich mein Interesse allmählich Richtung Biophysik. Für das Kleinste, die Hochenergiephysik, braucht man zum Beispiel Teilchenbeschleuniger, und für die Untersuchungen des Größten muss man mit niedrigsten Energien umgehen, man braucht also riesige Ohren, zum Beispiel Radioteleskope. Beides kostet richtig Geld, daher gibt es dort nur relativ wenige Jobs.

Aber der Bereich der mittleren Energien, wir reden hier von Energieströmen vom Milliwatt- bis zum Kilowattbereich, hat im Universum die komplexesten Strukturen hervorgebracht, zum Beispiel Leben. Also Festkörper- oder Biophysik. Und in den 80ern ging es dann in beiden Bereichen auch richtig ab, noch beschleunigt durch die Fortschritte in der Computertechnik.
Aber irgendwie bin ich dem Ursprünglichen treu geblieben. Mein Nebenfach im Diplom war Extraterrestrische Physik/Himmels- und Raumflugmechanik. Ex-Physik ist so ein Sonderbereich, von der Hochatmosphäre bis zu den Grenzen des Sonnensystems. Ich glaube, mit genügend Vorbereitung kriege ich es heute noch hin, ein Jupiter-Swingby-Manöver zu berechnen, inklusive Startfenster.

Michael Marcus Thurner: Wie intensiv beschäftigst Du Dich denn mit PERRY RHODAN? Ist es für Dich reine Entspannungsliteratur? Würdest Du Dich als PERRY-Nerd bezeichnen?

Joachim Paul: PERRY RHODAN und auch die NEO-Reihe sind für mich in erster Linie Entspannung und Anregung. Aber ein Nerd? Nein, dafür habe ich zu viele andere Interessen, schon im Bereich der SF, zum Beispiel Cyberpunk von P.K.Dick bis Gibson. Eine meiner Bands hieß Mona Lisa Overdrive. Und neben Suarez bin ich ein Fan von Justina Robson, auch Eschbachs »Der Letzte seiner Art« hat mich begeistert. Mein Twitter-Nickname Nick_Haflinger stammt aus dem »Schockwellenreiter« von John Brunner. Bis 1996 habe ich als Bassist aktiv Musik gemacht, auch live. Rock, Jazzrock, Fusion, sogar ein Rock'n Comedy-Projekt war dabei. Wir haben, glaube ich, alle die Möglichkeit, unsere Interessen breit aufzustellen. Besonders interessant und höchst individuell sind dann die Verbindungen zwischen den Bereichen. 

Michael Marcus Thurner: Wie sieht denn dein politischer Alltag aus? Plauder mal ein bisschen aus dem Nähkästchen über die guten und schlechten Zeiten deines Berufs.

Joachim Paul: Oh je. So schräg das klingt, Landtag, Parlament, ist wie Schule. Es gibt einen sehr eng getakteten Zeitplan. Anders geht das gar nicht. Einmal im Monat ist Plenarwoche. Das heißt Vollversammlung des Landtages für zwei oder drei Tage, von Mittwoch bis Donnerstag oder Freitag, ab 10 Uhr morgens. Manchmal wird es mittwochs oder donnerstags auch 23 Uhr. Das hängt von den Themen und der Länge der Tagesordnung ab.

In den Wochen davor werden mit den Angestellten der Fraktion, den Referenten, jede Menge Anträge und die Reden dazu vorbereitet. Auch die Ausschusssitzungen benötigen mit Vor- und Nachbereitung viel Zeit. Als Vorsitzender muss ich in vielen Themen zumindest halbwegs fit sein, weil ich das Sprachrohr nach außen bin, zu Presse und Öffentlichkeit.
Die Terminkalender sind voll, und für die Parteiarbeit gehen zusätzlich viele Wochenenden drauf.

Für Fraktionsvorstände und Ausschusssprecher gibt es zusätzlich Repräsentationspflichten. Das geht von abendlichen Empfängen mit allerlei Verbänden oder Konsuln – das ist die Sekt- und Häppchen-Nummer, bis zu ganz wichtigem Offiziellem, zum Beispiel dem Auschwitz-Gedenktag.

Fazit: Dass Politiker – egal welcher Partei – nicht wirklich arbeiten, ist ein dummes Vorurteil. Sie arbeiten sehr viel, stellenweise bis zum Umfallen. Aber auch hier wie überall gilt, es gibt wenige schwarze Schafe. Und die bestimmen dann das Image für alle.

Und ja, das ist Verantwortung! Politik ist wichtig und macht Spaß! Man lernt viele interessante Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen kennen.

Michael Marcus Thurner: Wie liest du PERRY RHODAN? Heimlich in den Plenarsitzungen unter der Bank, zu Hause im Ohrensessel, während deiner Dienstreisen im Zug? Politik als Beruf lässt einem ja einen relativ geringen privaten Freiraum.

Joachim Paul: In den Plenarsitzungen ginge das im Prinzip als E-Book, wir alle haben natürlich Pads dabei. Den Kollegen gegenüber wäre das aber unhöflich. Außerdem bin ich da konservativ, ein Heftchen-Typ. Also bleiben BBBC – Bett, Bus, Bahn und Couch. Wenn ein neues Heft kommt, hat Erholung Vorfahrt, da liegt andere Lektüre erst mal auf Eis, bis das Heft ausgelesen ist.

(Soweit der zweite Teil des Interviews. Teil drei folgt morgen.)