PERRY RHODAN-Fans: Interview mit Joachim Paul – Teil 1 PERRY RHODAN-Leser und Politiker

17. März 2015

Immer wieder stellen wir uns selbst die Frage: Wer sind eigentlich die PERRY RHODAN-Leser? Auch Medienvertreter oder Buchhändler wollen das gelegentlich wissen.

Aus diesem Grund hat der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner eine Interview-Serie gestartet. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bittet er Leute ins Rampenlicht, die die Buntheit und die Vielfalt des Leserkreises veranschaulichen sollen.

In der sechsten Folge stellt der Autor einen Fan vor, der seit 2012 hauptberuflicher Politiker ist: Joachim Paul, Jahrgang 1957, ist Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Er übt für die Fraktion der Piratenpartei in diesem Landtag zudem das Amt des Fraktionsvorsitzenden aus.

Wegen seiner Länge erscheint das Interview in vier Teilen. Heute ist Teil eins dran; es behandelt eher allgemeine Themen. Am morgigen 18. März geht's unter anderem um Politik im Allgemeinen, übermorgen diskutieren die beiden Autoren über PERRY RHODAN, und am 20. März wird das Thema Urheberrecht beleuchtet ...

MJoachim Paul (Foto: Yaroslav Dimont)ichael Marcus Thurner: Du bist Mitglied der Piraten und sitzt als Fraktionsvorsitzender im Landtag Nordrhein-Westfalens. Im Landtag arbeitest du in mehreren Ausschüssen, unter anderem im Ausschuss für Europa, dem für Innovation, Wissenschaft und Forschung und in einer Enquetekommission. Du bist der erste Politiker, mit dem ich mich im Rahmen meiner Interview-Serie unterhalte, und da drängt sich eingangs gleich die Frage auf: Bleibt denn in der Realpolitik Platz für Visionen, für Vorausblicke, wie in der SF üblich, oder bist du in der tagtäglichen Fraktionsarbeit ausschließlich mit Problemen der Gegenwart konfrontiert?

Joachim Paul: Das mit den Visionen ist ja so eine Sache, Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat mal gesagt, wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen. Ich entgegne da mit dem ehemaligen Karlsruher Prof. Kurt Weidemann, Hochschule für Gestaltung: »Ein Designer ohne Visionen ist kein Realist.«

Denn wenn man's weiter fasst, dann sind Politik treibende Menschen ja im Grunde Designer für unser Zusammenleben, Leute, die im Wählerauftrag Gestaltungsvorschläge machen oder solche weitertragen. Politik hat immer mit Zukunft zu tun, Visionen sind daher lebensnotwendig. Sogar mit zunächst unrealistisch scheinenden Forderungen oder Vorschlägen können gesellschaftliche Diskussionen angestoßen werden, die dann vielleicht Kreativität freisetzen und uns neue Möglichkeiten eröffnen.

Aber leider droht das politische Alltags-Klein-Klein manchmal, einen aufzufressen, das sehe ich bei Kollegen aus allen Parteien. Der gefühlt 150ste Antrag zum Thema »Änderung der Änderung der Schulrechtsverordnung für xyz«. So etwas ist nicht nur trocken, es ist »extra dry«. Umso wichtiger wird dann der entsprechende Ausgleich, auch um den Blick fürs große Ganze nicht zu verlieren.

Ich selbst lese und schreibe recht viel – gerade beim Lesen ist der Mix entscheidend. Das geht von politischer oder wissenschaftlicher Fachliteratur bis hin zu guten Romanen. Im Bereich der SF hat mich zuletzt Daniel Suarez ziemlich begeistert. Sogar Anregungen zur Politik kann man daraus ziehen, der Gedanke des Dezentralen ist – finde ich – in den Thrillern von Suarez sehr gut ausgearbeitet und lieferte mir einen literarischen Kontrapunkt zu den aktuellen Zentralisierungsbestrebungen von politischer Macht und Wirtschaftsmacht im Internet. 

Und natürlich brauche ich meine Dosis PERRY RHODAN. Auch bei PERRY RHODAN und PERRY RHODAN NEO werden neben dem Unterhaltungswert Dinge kommuniziert, die einfach die eigene Kreativität stimulieren, dazu anregen, Dinge mal aus einem anderen oder neuen Blickwinkel zu betrachten.

Michael Marcus Thurner: Ich habe auf http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=27250 ein längeres Essay von dir zum Thema PERRY RHODAN gelesen. Das fängt recht nüchtern an und nimmt unter anderem auf den intellektuellen Gehalt der SF in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Bezug. Je länger der Artikel wird, desto persönlicher wird er, habe ich das Gefühl.

Wie objektiv kannst du denn beim Thema PERRY RHODAN bleiben bzw. urteilen?

Joachim Paul: Dein Eindruck von dem »Turn« vom Objektiven zum Persönlichen in meinem Essay ist glaube ich sehr treffend. Kann ich bei PERRY RHODAN objektiv sein? Ich denke ja. Aber es ist wichtig zu wissen, welchen »Hut« man gerade auf hat. Nicht nur Menschen mit einer wissenschaftlichen Ausbildung – aber gerade die – sollten mal Abstand nehmen, die eigenen Neigungen und Leidenschaften überdenken können. Also pendeln zwischen Gefühl und Verstand.

Der Philosoph und Logiker Gotthard Günther, den ich im Essay zitiert habe und mit dem ich mich in einem Buch weitaus tiefer beschäftigt habe, ist auch so einer. Buchstäblich vom Stuhl gefallen bin ich, als ich erfuhr – durch seine Schriften und Menschen, die ihn persönlich noch gekannt haben – dass ausgerechnet dieser extrem präzise, logisch und scheinbar kalt, geradezu kristallin vorgehende, aus der Tradition des Aufklärers Immanuel Kant stammende Mann komplett auf die amerikanische Science Fiction abgefahren ist. Man kann aus seiner Philosophie eine Menge ableiten. Dazu gehört, dass ein starker Gedanke, ein kräftiges logisches Argument von einem ebenso starken Gefühl begleitet sein darf.

Wir Menschen sind nur ganz, wenn wir Beides haben und leben. Emotionales ist nicht irrational. Und PERRY RHODAN enthält für mich eben sehr viel Anregendes, Fantasievolles, das Gefühl und Verstand anspricht. Ich glaube, deswegen habe ich den Essay genau so geschrieben.  

(Soweit der erste Teil des Interviews. Teil zwei folgt morgen.)