PERRY RHODAN-Fans: Interview mit Christian Wehrschütz – Teil 1 Journalist des Jahres 2014 und PERRY RHODAN-Leser

2. November 2015

Christian Wehrschütz, geboren 1961, kommt ursprünglich aus Graz. Nach dem Studium sammelte er erste journalistische Erfahrungen im Print-Bereich und begann, seinen Sprachschatz zu erweitern. Seit 1991 ist er beim ORF (Österreichischer Rundfunk) tätig. Anfänglich beim Teletext und beim Hörfunk, ab 1999 als Korrespondent fürs Fernsehen, insbesondere für den Balkan-Raum und die Ukraine.

Christian spricht Englisch, Russisch, Serbisch, Ukrainisch, Französisch, Slowenisch, Mazedonisch und Albanisch. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Wie PERRY RHODAN-Autor Leo Lukas ist er Sturm-Graz-Fan.

In einem Interview sprach der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner mit dem Journalisten. Wegen seiner Länge bringen wir es in zwei Teilen; heute ist der erste Teil dran, morgen folgt der zweite.

Michael Marcus Thurner: Christian, woher kommen das Herz und die Liebe für den Balkan, für seine Volks- und Sprachenvielfalt?

Christian WehrschützChristian Wehrschütz: Ursprünglich wollte ich als Korrespondent nach Russland, mir wurde 1999 dann allerdings der Balkan angeboten. Und ich dachte mir, ganz nach Plutarch: lieber der Erste hier als der Zweite in Rom. Und so kam ich nach Belgrad, um das verwaiste ORF-Büro neu aufzubauen. Und ich unterhielt dort fünfzehn Jahre lang eine eigene Wohnung.

Michael Marcus Thurner: Du hast von Belgrad aus den ganzen Balkan »beackert«, bist von dort aus in Krisengebiete gereist und hast deine Berichte direkt vor Ort produziert. Wie groß waren deine jeweiligen Teams, wie kann man sich deine Arbeit vorstellen?

Christian Wehrschütz: Wir sind immer zu dritt unterwegs. Ein Kameramann, ein lokaler und ortskundiger Fahrer und ich. Wir bereiten uns mehr oder weniger mit militärischer Präzision auf die Arbeit vor, das hat sich bewährt.

Wir haben einen Zeitplan, den wir so gut wie möglich einhalten, so, dass immer jedermann weiß, wann wir wo sind und was zu tun ist. Abfahrt, Kontrollen in Krisengebieten, Ankunft vor Ort, Zeit für Interviews und ausreichend Zeit für die Rückreise – das alles wird im Voraus geplant. Wichtig ist übrigens auch immer, dass die Datenübertragung funktioniert und wir die gefilmten/gesprochenen Beiträge rechtzeitig wegschicken können. Meist gehen die Berichte ja noch am selben Abend auf Sendung.

Michael Marcus Thurner: Wie sieht es mit der Gefahr in Krisengebieten aus? Wie gehst du damit um?

Christian Wehrschütz: Ich trage ja die Verantwortung für drei Leute und möchte bestmöglich vorbereitet sein. Dementsprechend bereiten wir uns vor. Es gibt selbstverständlich Verhaltensmaßregeln für Journalisten, und an die halten wir uns. Aber es gibt nicht für jede Situation eine Antwort aus Lehrbüchern.

Michael Marcus Thurner: War es wirklich schon mal brenzlig?

Christian Wehrschütz: Es gibt im Prinzip drei große Gefahrenherde. Erstens sind da die Minen. Es gibt zum Beispiel in Bosnien-Herzegowina noch ein Gebiet in der Größe von 1400 Quadratkilometern, das mit Minen verseucht ist. Zum Zweiten sind da die Scharfschützen. Zum Dritten ist es der Artilleriebeschuss. Auch hier gilt, dass wir uns bestmöglich vorbereiten. Über Minenfelder wissen vor allem die Einheimischen Bescheid. Bei Scharfschützen … (Anm: Christian zuckt mit der Schulter). Und bei Artilleriebeschuss fällt kurz vor Beginn stets das Handynetz aus. Dann sucht man sich eben einen sicheren Unterstand.

In Donezk in der Ukraine trugen wir während der heißen Phase selbstverständlich Splitterschutzwesten.  Doch die helfen nicht gegen Scharfschützen und Artilleriebeschuss. Daher ist man in gewisser Weise in Gottes Hand. Oder sollte ich als PERRY RHODAN-Leser sagen: in der Hand der Mächte hinter den Materiequellen?

Michael Marcus Thurner: Du bringst uns als Balkan-Korrespondent Gegenden näher, die uns Österreichern historisch und geographisch gesehen nahe sind – und dennoch ziemlich fremd. Für mich persönlich hat es ziemlich lang gedauert, den eisernen Vorhang in meinem Kopf wegzubekommen und auch nur in Erwägung zu ziehen, Länder des ehemaligen Ostblocks zu besuchen. Siehst du das eigentlich auch als journalistische Aufgabe, das Verständnis, das Aufeinander-Zugehen zu fördern?

Christian Wehrschütz: Ja. Ich versuche stets, die Situation so zu beschreiben, wie sie ist, und ein Verständnis für die Verhältnisse zu schaffen. Westliche Journalisten leiden oftmals an Blindheit, weil sie die Mängel des eigenen Staates oder Volkes nicht sehen. Wir sollten ein wenig Distanz zum eigenen Staat einnehmen, um Vergleiche so objektiv wie möglich ziehen zu können.

Wenn in einer Kleinstadt an der makedonisch/bulgarischen Grenze mit 15.000 Einwohnern binnen weniger Tage mehr als doppelt so viele Flüchtlinge einlangen und versorgt werden müssen, versagt natürlich jede Struktur. Das würde in jeder Stadt, in jedem Land der Welt so sein. Da kann und darf man nicht von »Versagen« sprechen.

Die Balkan-Völker haben darüber hinaus eine andere Geschichte und eine andere Kultur – und sie haben eine andere Entwicklung durchgemacht. Das versuche ich zu vermitteln. Hochmut ist für uns keinesfalls angebracht. Auch am Balkan essen die Menschen mit Messer und Gabel.

In welches Krisengebiet auch immer ich hinkomme – ich rede mit dem Bürgermeister oder anderen Gemeindevertretern. Mir ist es wichtig zu wissen, was die Krisen für die Bevölkerung vor Ort bedeutet. Wie die Menschen damit umgehen, was ihnen wichtig ist.

Michael Marcus Thurner: Helfen dir deine Sprachkenntnisse vor Ort?

Christian Wehrschütz: Selbstverständlich. Die Sprache ist der Zugang zur Kultur. Die Menschen behandeln einen ganz anders. Sie sehen sich gleichbehandelt und sind dann viel offener, sind einem viel näher. Ich bin strikt dafür, dass jeder Journalist im Auslandseinsatz die jeweilige Landessprache beherrschen sollte, vor allem, wenn er länger als nur einige Tage in seinem Zielland ist.

Michael Marcus Thurner: Du wurdest 2014 zum »Journalist des Jahres 2014« gewählt. Was bedeutet dir das?

Christian Wehrschütz: Das war eine schöne Anerkennung. Am Wichtigsten war mir allerdings, dass meine jüngere Tochter die Laudatio gehalten hat.

(Soweit der erste Teil des Interviews. Teil zwei folgt morgen.)