Missverständnisse Werkstattbericht von Hubert Haensel

20. August 2015

Eigentlich weiß ich es ... Als Science-Fiction-Autor muss ich wissen, wie hoch das Risiko ist, dass nahezu jede Unterhaltung zweier unterschiedlicher Intelligenzen zu einer Fülle mehr oder minder brisanter Missverständnisse führen kann. Unterschiedlich? Also hier Mensch, dort Maahk? So gravierend muss es gar nicht sein, denn ich meine schlicht und einfach: hier Autor, dort Zeichner.

Erstmals wurden im Silberband 127 der Vor- und der Nachsatz nicht mehr von einer altehrwürdigen Risszeichnung geprägt. Seitdem stimmt unser Zeichner Arndt Drechsler mit frischem Schwung die Leser auf den Weltraum ein. Ich halte es sogar so, dass ich hin und wieder diese Illustrationen aufschlage, mich darin versenke und ein wenig in Zukunftsträumen schwelge.

Vielleicht habe ich bei der Bearbeitung des Silberbands 131 »Sturz aus dem Frostrubin« ein wenig zu viel oder zu lange geträumt. Jedenfalls liefere ich Arndt jeweils einen Wunsch oder eine kurze Bildbeschreibung, damit die Illustration zum Buchinhalt passt. In der bisherigen Zusammenarbeit konnte ich zu meiner Freude feststellen, dass wir ziemlich auf einer Wellenlänge sind; es bedarf keiner langen Diskussionen.

So auch diesmal. Ich rufe Arndt an und bespreche mit ihm den Vorsatz für Buch 131. Einen Vorschlag für den Nachsatz habe ich noch nicht, weil ich erst mitten in der Bearbeitung stecke. Wir schwadronieren ein wenig über den aktuellen Zyklus »Die Endlose Armada«. Arndt kennt noch viele Details aus diesen hundert Heften. Ja, ich bin sicher: Da warten tolle Bilder auf ihre Entstehung.

Wie beiläufig stellen wir fest, dass diesmal die Zeit knapp werden könnte. Nicht nur, weil ich in Kürze in den Urlaub fliegen werde, anschließend wird Arndt für eine Woche nicht erreichbar sein. Die Situation lässt zwar kein Problem erwarten, bringt mich aber dazu, schneller als geplant meinen Bildvorschlag für den Nachsatz vorzulegen. Da Arndt an einer Titelbildstaffel für die PERRY RHODAN-Heftserie arbeitet, will ich ihn nicht unnötig stören und verlege mich deshalb darauf, den Bildvorschlag aus dem Romantext zu extrahieren und ihm eine Mail zu schicken.

Hier der Textauszug, ich zitiere wörtlich:

»Als er die Kogge endlich fand, stockte ihm der Atem. Er sah zuerst das Heck des Keilschiffs mit den Antriebsdüsen, das von Kruste Magno forttrieb. Ein Goon-Block sorgte für den nötigen Schub. Dahinter folgten verschiedene Fragmente der Schiffshülle – geradlinig abgetrennt und aneinandergereiht.

›Das darf nicht wahr sein!‹, stöhnte Perry. ›Sie haben die RANAPUR zerlegt!‹

Wie an einer unsichtbaren Schnur aufgefädelt, schwebten die Wrackteile davon. Zwischen den Rumpfplatten waren Schaltblöcke und Instrumentensegmente untergebracht. Rhodan entdeckte einen Gravitrafspeicher, den Hypertron-Zapfer für die Energiegewinnung aus dem Hyperraum, die Bodenplatte der Kommandozentrale, auf der noch alle Kontursessel verankert waren, Geschützeinheiten, Vorratscontainer ...

Ihn schwindelte. Er sah die komplette RANAPUR, nur eben zu einer kilometerlangen Kette aufgegliedert. Dazwischen hantierten Armadamonteure, die den Konvoi mit ihren Goon-Blöcken beschleunigten. Soweit er es überblicken konnte, war die Kogge fachmännisch in alle Bestandteile zerlegt. Doch die Bewunderung für diese Meisterleistung der Armadamonteure stand weit hinter seinem Groll zurück.

›Warum haben sie das getan?‹, fragte Rhodan.«

Diesen Text hängte ich als Datei an meine Mail an, in der ich kurz und knapp schrieb:

»Lieber Arndt, anbei im Anhang eine Szene (aus Heft 1110), die ich mir durchaus als reizvolles Bild vorstellen könnte: Vor dem Sternenhintergrund in M 82 und der asteroidenähnlichen, zerklüfteten, verkraterten und überkuppelten Kruste Magno, diagonal im Bild, groß beginnend und sich in der Ferne verlierend, die Kette der Trümmerstücke ...«

In den folgenden Tagen saß ich am Buchmanuskript, Arndt arbeitete an seinen Titelbildern. Ich fragte bei ihm nicht nach, weil ich ihn nicht aus seiner Muße herausreißen wollte. Ohnehin dachte ich, mit der Mail sei alles klar. Dann flog ich in Urlaub.

Als ich heimkam, lagen beide Illustrationen schon im Verlag und in meiner Mailbox. Vor allem der Nachsatz ist so ein richtig schönes kosmisches Gemälde – trotzdem schluckte ich beim Anblick der Trümmerkette krampfhaft. Das waren nicht die erwarteten Fragmente des Hanseraumers. Arndt hatte nicht das Raumschiff zerlegt, sondern Kruste Magno!

Ein schnelles Telefonat brachte mir die Aufklärung. Arndt hatte frühzeitig liefern wollen, bevor er selbst unterwegs sein würde. Aber er hatte mich wegen meines Urlaubs nicht mehr erreichen können – und sich zwischen zwei Möglichkeiten für die falsche entschieden. Schuld daran war mein Mailtext, den er für den relevanteren ansah und so interpretierte, dass der Asteroid zerlegt worden sei. Ich hatte einfach versäumt, explizit darauf hinzuweisen, dass das Keilraumschiff zerlegt worden sei, nicht der Asteroid.

So etwas geschieht im Eifer des Gefechts. Aber es gibt Schlimmeres. Da jeder, der das Bild bislang gesehen hat, davon begeistert war, haben wir darauf verzichtet, die Darstellung anzupassen. So kommt es, dass der Nachsatz des Silberbandes 131 eine Illustration mit einer besonderen eigenen Geschichte zeigen wird. Bei Gelegenheit werde ich Arndt fragen, ob ich mir einen großen Fotoausdruck dieses Bildes an die Wand hängen darf. Zur Inspiration!

Und wer sich nun selbst davon einen Eindruck verschaffen will: Silberband 131 »Sturz aus dem Frostrubin« erscheint im September.
 

Hubert Haensel