Interview mit Christoph Anczykowski – Teil zwei Ein Risszeichner feiert Jubiläum

8. Oktober 2014

In den 70er-Jahren veröffentlichte Christoph Anczykowski seine erste Risszeichnung. Demnächst ist es sogar 2000 Bände her, seit er seinen Einstand in der PERRY RHODAN-Serie feierte. Aus diesem Grund führte der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner ein Interview mit dem Risszeichner.

Wegen seiner Länge bringen wir das Interview in drei Teilen. Gestern kam der erste, morgen folgt der dritte und abschließende Teil.


Michael Marcus Thurner: Die drei klassischen Risszeichner hörten nach und nach mit der Arbeit für PERRY RHODAN auf und machten Platz für eine neue Generation von Risszeichnern. Ich erwähne neben dir mal plakativ Hans Knößlsdorfer, Günter Puschmann, Manuel de Naharro und Gregor Sedlag, die ungefähr zur selben Zeit wie du anfingen. Habt ihr denn eine neue Art von Zeichenstil in die Serie eingebracht, hast du dich bewusst von deinen Vorgängern unterscheiden wollen? Oder ging es eher darum, einen bereits bekannten Stil beizubehalten und sich an die Arbeiten eines Zengerle anzupassen?

Christoph Anczykowski: Bis etwa Band 800 favorisierte der Verlag bei den Risszeichnern wie auch bei den Autoren eine feste Stammmannschaft. Nachdem meine ersten Arbeiten auf den PERRY RHODAN-Mittelseiten veröffentlicht worden waren, ermutigte das weitere talentierte Fans dazu, ihre Werke an Willi Voltz zu schicken. Der hat dann den Besten eine Veröffentlichungschance geboten, und das Risszeichnerteam konnte auf diese Weise ausgebaut werden.

Anfangs habe ich mich vor allen Dingen an dem damals dominierenden technischen Stil von Bernard Stoessel orientiert. Man wollte ja nichts falsch machen! Irgendwann begannen wir Risszeichner untereinander brieflichen Kontakt aufzunehmen, sehr schnell entstand eine rege Kommunikation, und schließlich wurde der informelle Risszeichnungs-Club Deutschland gegründet.

Damals kursierte regelmäßig eine Risszeichnungs-Sammelmappe mit Fotokopien der neuesten Werke. Wir Zeichner wollten beim Arbeiten vor allen Dingen Spaß haben und haben ständig neue Ideen und Stilmittel ausprobiert. Keiner wollte dabei zurückstehen, und das ergab dann in seiner Gesamtheit einen ungeheuren graphischen Schub für die Risszeichnungen. Willi Voltz war für Experimente immer offen und hat uns dabei unterstützt, wo es nur ging. Meiner Meinung nach stammen einige der besten Risszeichnungen und Datenblätter der PERRY RHODAN-Serie aus dieser Veröffentlichungsperiode.

Nachdem sich das »Risszeichnungs-Journal« von einem Club-Mitteilungsblatt zu einem regelmäßig erscheinenden Fanzine mit zahlreichen abgedruckten Profi- und Fan-Risszeichnungen gewandelt hatte, befeuerten die in ihm enthaltenen Kritiken und die häufige »Theoriediskussion« die Entwicklung der Zeichnungen zusätzlich. Damals wurden wir Zeichner auch erstmals auf Referenzmaterial aus anderen Bereichen aufmerksam.


Gregor Sedlag war zum Beispiel der Erste, der die hervorragenden Graphiken in manchen Manga-Comics entdeckte. Er musste sich damals die Dinger in einem für vorwiegend japanische Kundschaft gedachten Spezialgeschäft in Frankfurt besorgen, wobei dessen Betreiber wohl nie richtig verstanden haben, warum er sich als Deutscher jeden Monat die neuesten Manga-Ausgaben kaufte.


Michael Marcus Thurner: Ich habe größte Hochachtung vor euch Risszeichnern. Nicht nur, weil ich niemals die Akkuratesse für diese Arbeit aufbringen könnte, sondern auch, weil ihr es schafft, Raumschiffe, Aggregate, Waffensysteme und so weiter auf dem zweidimensionalen Medium Papier dreidimensional wirken zu lassen. Siehst du dich denn selbst als Handwerker, als technischen Zeichner? Gibt es bei der Arbeit gewisse Spezifika, die nur für PERRY RHODAN gelten?

Christoph Anczykowski: Als Risszeichner versucht man die technischen Inhalte der Romane und Exposés zu interpretieren und dann zeichnerisch umzusetzen. Spezifika gelten hierbei nur insofern, als die Arbeit jeweils in den Kontext der schon erschienenen Risszeichnungen und Datenblätter passen muss. Da muss zum Beispiel der Entwurf einer Space Jet bestimmte Grund-Charakteristika enthalten, ansonsten kann man der Kreativität aber freien Lauf lassen.

Als reinen technischen Zeichner sehe ich mich nicht, das wäre langweilig und würde den Spaßfaktor deutlich reduzieren. Eine Risszeichnung ist halt nicht nur deswegen interessant, weil alle (Formenergie-)Nieten laut dem Exposé korrekt eingeschlagen sind ...


Michael Marcus Thurner: Du bist niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin. Mehr ist der Perrypedia zu deiner Person nicht zu entnehmen. Verrätst du uns ein bissl mehr über dein (Privat)Leben? Ist die Arbeit an Risszeichnungen für dich denn eine Art Ausgleich zum Brotberuf?

Christoph Anczykowski: Hier gibt es nicht viel zu verraten. Ich bin glücklich verheiratet und bin Vater von zwei Söhnen, von denen einer bereits studiert. Unter der Woche dauert mein durchschnittlicher Arbeitstag etwa neun bis zehn Stunden, oft gefolgt von langwierigem Verwaltungskram (ich nehme in diesem Zusammenhang einmal an, dass sich auch in Österreich das Gesundheitswesen zu einem bürokratischen Moloch entwickelt hat).

In der verbleibenden knappen Freizeit bleibt da einem nicht mehr viel Zeit für seine Hobbies. Da dreht es sich natürlich hauptsächlich um die Science Fiction und die Risszeichnerei. Dabei kommt oft der Jäger und Sammler in einem durch. Ich sammle Science-Fiction-Kunstbücher und alte SF-Taschenbuchausgaben; diese füllen inzwischen zum Leidwesen meiner Frau ganze Regalwände. Ebenso die Original-Titelbilder von alten SF-Romanheften – mein ganzer Stolz sind drei Exemplare aus der klassischen PERRY RHODAN-Ära.

Auch die klassischen Risszeichnungen aus den Flug- und Automagazinen der 30er- bis 60er-Jahre haben es mir angetan – hier hilft einem vor allen Dingen das Internet. Dazu höre ich gerne Musik – wobei mein Geschmack ganz retro bei Barock und altem Jazz/Blues angesiedelt ist. Außerhalb der Science Fiction lese ich gerne Biographien und Sachbücher.

Die eigentliche Zeichnerei kommt in den letzten Jahren sicherlich etwas zu kurz. Dies liegt unter anderem daran, dass man sich in seiner verbleibenden Freizeit nur schlecht auf Kommando für ein bis zwei Stunden hinsetzen und dann originelle Ideen produzieren kann. In dieser Hinsicht bleiben oft nur die Ferien übrig ...