Herren und die SF-Autoren – Teil 3 mit Ralf König Kolumne von Marc A. Herren

17. März 2015

Der Hinweis auf die Lesung von Ralf König stach mir ins Auge, als ich die Schaufensterauslage der Berner Buchhandlung Stauffacher begutachtete. Bei der Beschreibung des Abends mit Ralf König und der »Raumstation Sehnsucht« stand: »Der deutsche Comic-Künstler schickt sein ungleiches Kult-Knollennasen-Paar in ein wildes Live-Abenteuer. Und im Gepäck hat er bereits die Fortsetzung der Geschichte, das Weltraum-Epos Barry Hoden.«

Hallo?

Ich stürmte den Stauffacher und erstand mir eine Eintrittskarte. Das Warten zog sich wie Kaugummi in die Länge, bis endlich der 18. November auf dem Kalenderblatt stand. Meine Frau musste leider zu Hause bleiben, da hochschwanger. Es bestand nämlich die Gefahr, dass intensives Lachen die Wehen auslöseDie Widmung von Ralf in »Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen« © Marc A. Herrenn könnten und das Kind mit einer Knollennase auf die Welt kommen und Konrad, Paul oder Edeltraut heißen würde. Das wollten wir nicht riskieren.

Also ging ich allein hin – und amüsierte mich köstlich – respektive königlich. Ralf Königs Vorlesung geschieht via Projektor. Bild für Bild erscheint und Ralf bringt seine Figuren, Blase für Blase, Soundword für Soundword (Onomatopoetikum, wie Google meint) zum Leben.

Er macht dies mit großer Präzision – und urkomisch. Ich hätte überhaupt kein Problem, wenn der nächste Film, der auf einem Ralf-König-Comic basiert, genau so rauskommen würde: Bild für Bild und von König himself gesprochen.

Ich weiß, es ist ein großer Vergleich, aber Ralfs Geschichten erinnern mich sehr stark an Loriot. Er ist nicht nur ein begnadeter Beobachter des (Schwulen-)Alltagslebens, sondern er bringt die Szenen auch punktgenau und mit sehr viel Humor zu Papier. Neben Wilhelm Busch nennt er deshalb Loriot auch als Vorbild und frühe Inspirationsquelle.

Ralf König, 1960 zur Welt gekommen, schloss erst eine Tischlerlehre ab. Mit 19 Jahren hatte er sein Coming Out und veröffentlichte die ersten eigenen Comics. Er holte seine Mittlere Reife nach und studierte anschließend in Düsseldorf Freie Kunst im Hauptfach. Seine satirischen und selbstironischen Kurzgeschichten kamen sehr gut an, ebenso wie die längeren Comic-Erzählungen. Viele wurden übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet.

Mit »Der bewegte Mann« wurde König erstmals auch einem breiten Publikum außerhalb der Schwulenszene bekannt. Die Verfilmung von Sönke Wortmann mit Til Schweiger, Joachim Król und Katja Riemann wurde zum bis dahin zweiterfolgreichsten deutschen Film und reanimierte die bis dato totgesagte deutsche Filmkomödie.

Zu den Büchern: Im Mittelpunkt stand an diesem Abend »Raumstation Sehnsucht«. Nicht nur das Cover enthält Anspielungen auf Tennessee Williams‘ Theaterstück »Endstation Sehnsucht«. Im Mittelpunkt stehen Königs langjährige Figuren Konrad und Paul. Während der schöngeistige Konrad für seinen Klavierschüler Anton schwärmt, muss Paul auf Befehl seiner Mutter nach Frankfurt reisen, wo seine frisch verheiratete und hochschwangere (!) Schwester Edeltraut lebt. Pauls Schwager Porky ist – wie eigentlich alle früheren Partner von Edeltraut – ein Bild von einem Mann: Groß, breitschultrig, behaart, gut bestückt ... und eventuell dem eigenen Geschlecht nicht hundertprozentig abgeneigt, wie Paul alsbald herausfindet.

Eine weitere Ebene ist das Buch im Buch: Paul schreibt nämlich gerade einen Science-Fiction-Roman mit dem Titel »Im Weltraum hört dich keiner grunzen«. Der Held heißt Barry Hoden und die zweite Figur an Bord des Raumfrachtschiffs Libido XL (Fracht: testosteronhaltiges Gestein) erinnert während Pauls Frankfurt-Aufenthalt immer stärker an dessen Schwager Porky.

Zur Einstimmung, hier der Beginn des Romans:

»›Im Weltraum hört dich keiner grunzen‹

Roman von Paul Niemöser

Kapitel 1: Härtetest

Hart!

Das Erste, was er aus dem Tiefschlaf emportauchend wahrnahm, war seine prallvolle Blase und sein hart erigierter Schwanz. Aus der selbstbewusst zuckenden Morgenlatte heraus manifestierte sich träge sein Ich.

Ich heiße Hoden, Barry Hoden! Ich bin Pilot auf der Libido XL. Und ich muss seit neun Monaten pissen!«

So weit, so poetisch. Wie die Geschichte um Konrad, Paul, Porky und Edeltraut, aber auch an Bord der Libido XL weitergeht, lest ihr in den Büchern »Konrad & Paul – Raumstation Sehnsucht« und »Barry Hoden – Im Weltraum hört dich keiner Grunzen«. Die Geschichten mit den Knollennasen machen Spaß, wenngleich der zweite Band teilweise stark ... äh ... abgespact erscheint. Auf jeden Fall muss man die Reihenfolge beachten, Barry Hodens Geschichte beginnt in der »Raumstation Sehnsucht«.

Ich habe mir an diesem vergnüglichen Abend die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich kurz mit Ralf zu unterhalten. Während er mir beide Bücher signierte und mit Zeichnungen versah, verriet er, dass er PERRY RHODAN zuvor nicht näher kannte. Der Name reichte für die Inspiration vollkommen aus.

Mir ist bewusst, dass der eine oder andere Perry-Fan darüber die Nase rümpfen mag. Ich finde es aber vollkommen in Ordnung. Schließlich gehört PERRY RHODAN zur deutschsprachigen Pop-Kultur, und da ist es immer eine Auszeichnung, wenn er auf die eine oder andere Weise in andere Werke einfließt. Und schließlich ist PERRY RHODAN  neben mehreren Tennessee-Williams-Werken, auf die Bezug genommen wird, in allerfeinster Gesellschaft.

Also ein Hoch! auf Ralf und auf die Hoffnung, dass in ferner Zukunft die Männer doch noch etwas Haare auf der Brust und dem Maurerdekolletee haben werden.


Marc A. Herren