Herren und die SF-Autoren – Teil 1 mit Neil Gaiman Kolumne von Marc A. Herren

3. März 2015

Ende 2014 hatte ich innerhalb kurzer Zeit mehrfach die Gelegenheit, an Lesungen von erfolgreichen Berufskollegen dabei zu sein. Obwohl an diesen Abenden aus den Genres Fantasy, Krimi, Jugendbuch und Erwachsenencomic erzählt wurde, zieht sich die Science Fiction wie ein roter Faden durch das Werk dieser Autoren.

Im Oktober 2014 war ich als Co-Referent beim Schreibcamp von PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner im Einsatz. Das Camp ist auf eine für die Teilnehmenden arbeitsame Woche angelegt. Gleich bei der Ankunft in Wien-Neustadt verriet mir Michael, dass wir an einem Abend die Gelegenheit haben würden, Neil Gaiman zu treffen. Zwar nicht als Star-Co-Referenten, sondern anlässlich eines Leseabends in einer Buchhandlung in Wien.

Ich war begeistert. Michael hatte mir schon zwei Jahre zuvor die »Sandman«-Comics von Neil Gaiman ans Herz gelegt. Leider war ich nie dazu gekommen, mich diesem 2000 Seiten starken Werk zu widmen. Umso mehr freute ich mich nun darauf, Gaiman über einen seiner Romane kennenzulernen.

Neil Gaiman, 1960 in England geboren, studierte Journalismus und debütierte als Autor mit einer Auftragsarbeit über die Band DURAN DURAN. Wie er selbst erzählte, wollte er damit erstens veröffentlicht werden und zweitens Geld verdienen. Da er aber lieber eigene Geschichten erzählt, konzentrierte er sich auf seine alte Leidenschaft, Comics. Er lernte Dave McKean kennen, mit dem er mehrere Projekte realisierte. Am bekanntesten wurde Gaimans bereits angesprochene Serie »The Sandman«, die es auf 75 Ausgaben brachte und mit Preisen überhäuft wurde.

1992 zog er in die USA um und widmete sich vermehrt der erzählenden Literatur. Zusammen mit Terry Pratchett schrieb er »Good Omens«. Mit »American Gods« etablierte er sich endgültig als Erfolgsautor. Der Roman heimste unter anderem den begehrten Hugo Award ein. 2009 erhielt Gaiman für seinen Fantasy-Roman »The Graveyard Book« den zweiten Hugo. Daneben schrieb er Drehbücher, unter anderem für eine Folge der Science-Fiction-Serie »Babylon 5« und für zwei Folgen von »Doctor Who«. Erfolgreich verfilmt wurden mehrere seiner Romane, beispielsweise »Coraline« oder »Stardust«.

An»Der Ozean am Ende der Straße« von Neil Gaiman jenem Leseabend in Wien präsentierte Gaiman seinen neuen Roman »Der Ozean am Ende der Straße« (»The Ocean at the End of the Lane«). Mit dabei war ein österreichischer Schauspieler, der aus der deutschen Übersetzung vorlas. Der Herr war gut, aber Neil Gaiman – der schwarzgekleidete Mann mit den strubbeligen Haaren, angegrautem Dreitagebart und einer wunderbar angenehmen britischen Erzählstimme – war um Längen besser. So gut, dass ich nach dem Leseabend mein signiertes Buch links liegen ließ und das von Neil eingesprochene Hörbuch kaufte, um seine in Wien begonnene Erzählung fertig hören zu können.

»Der Ozean am Ende der Straße« begann als Liebeserklärung an seine Frau Amanda Palmer, von der er ein paar Monate lang getrennt war. Er wollte ihr die Orte seiner Kindheit näherbringen und ließ sie in der Gestalt der elfjährigen Lettie Hempstock in die Geschichte einfließen. Aus der angedachten E-Mail-Kurzgeschichte wurde ein immer längerer Text, und irgendwann musste sich Neil eingestehen, dass er an einem Roman schrieb.

Es sei für ihn gewesen, wie mit einem einzelnen Scheinwerfer durch den Nebel zu fahren, erzählte Gaiman. Er habe ein paar Stunden geschrieben, sei dann spazieren gegangen und habe sich Gedanken gemacht, wie die Geschichte weitergehen könnte.

Welch schlechter Rat für unsere Schreibcamp-Besucher, denen Michael und ich immer wieder die Wichtigkeit von gut geplanten Plotpoints und Erzählbögen unter die Nase gerieben haben! Was für angehende Autorinnen und Autoren aber von großer Wichtigkeit ist, gilt für einen begnadeten Erzähler wie Neil Gaiman nur sehr eingeschränkt.

Natürlich merkt man es dem Roman an, dass er zu Beginn alles andere als gradlinig erzählt wird: Er beginnt mit einem kleinen Jungen, der Comics und ein Kätzchen liebt. Dann tritt ein südafrikanischer Opalminenarbeiter auf, der zuerst das Kätzchen und dann sich selbst im Familienwagen des Ich-Erzählers umbringt. Danach tritt Lettie Hempstock auf, und mit ihr gleitet die Geschichte in die Fantasy ab. Oder treffender ausgedrückt: Gaiman öffnet die Fenster in eine wunderbare Welt, in der ein Ententeich zu einem Ozean und ein Kindermädchen zu einem hinterhältigen Monster wird.

Als Neil gefragt wurde, wie man den Roman zusammenfassen könnte, antwortete er mit einem Twitter-Zitat eines Fans: »Es ist ein Buch für Erwachsene, das dich das Gleiche fühlen lässt, was damals als Kind deine Lieblingsbücher geschafft haben.« Jetzt, nachdem ich den Roman zu Ende gehört habe, kann ich die Aussage nur bestätigen. Die Geschichte ist in einer einfachen, von sanfter Magie durchdrungenen Sprache geschrieben, die den Leser (oder Hörer) auf wunderbare Art gefangen nimmt.

Ich kann den Roman allen ans Herz legen, die gerne in fremde Welten entführt werden. Ebenso empfehle ich das »Graveyard Book« und eigentlich auch sonst alles, was aus der Feder dieses außergewöhnlich talentierten Geschichtenerzählers stammt. Neil Gaiman ist auch in den virtuellen Welten zu Hause. Hier geht es zu seiner Webseite. Auch das Stöbern auf Youtube lohnt sich. Dort finden sich Interviews, Lesungen und mehr von und mit Neil Gaiman.

Was ich mich aber frage: Wie um Himmels Willen bringt man Neil Gaiman dazu, für PERRY RHODAN einen Gastroman zu schreiben?


Marc A. Herren