Die Straße nach Andromeda ... führt über Leverkusen!

5. Juni 2017

Unverhofft kommt oft – um mit einer Banalität zu beginnen.

Der Tod von Michael H. Buchholz hinterlässt nicht nur eine Lücke, sondern auch jede Menge zwiespältiger Gefühle: zumindest bei mir. Es gibt Chancen, die man so auf keinen Fall bekommen wollte; dies ist eine solche.

Zum einen ist die Beförderung zu einem Exposéautoren an sich eine Ehre, zum anderen spielt in diesem speziellen Fall etwas anderes eine Rolle. Es geht nach Andromeda.

Der »MdI«-Zyklus ist legendär; ohne Frage ein Highlight in der Geschichte der Serie. Kult ist heute vieles, aber die Magie dieses Zyklus ist etwas Besonderes. Dazu kommt, dass Perry Rhodan die Straße nach Andromeda in meinem Geburtsjahr betrat: 1965.

Zufälle gibt’s ...! Dass ich den Zyklus in späteren Jahren im Zuge der damals vierten Auflage verschlungen habe, wird niemanden wundern.

Aber jetzt: Wir als Autoren erhalten eine Chance, von der wirklich niemand zu träumen gewagt hat; wir dürfen die Straße nach Andromeda noch einmal nehmen. Viele Jahre später, in einer anderen Zeit, mit anderen Lesern und unter völlig anderen Umständen. Dass Michael nur noch einen Fuß auf diesen Weg setzen durfte, ist unfassbar traurig.

Es geht nicht nur mir so: Die Aussicht, diesen Teil der Serie neu schreiben zu dürfen, sorgt für Gänsehaut – und ich weiß, dass Rüdiger Schäfer das ebenso empfindet. Und dann gleich als Exposéautor? Das ist tatsächlich kaum zu fassen.

Der Nachricht von Michaels Tod – ich hatte gerade die Nummer 148 beendet und abgeliefert – folgten innerhalb weniger Tage ein paar denkwürdige Telefonate: mit Rüdiger und mit Klaus N. Frick, dem Chefredakteur. Der Zeitrahmen war eng und Rüdiger vollauf damit beschäftigt, alles am Laufen zu halten. Das Stressniveau war garantiert kaum mehr zu messen.

Also: »The show must go on« mag ebenfalls eine Phrase sein, aber dummerweise trifft sie zu.  Für mich bedeutete das: sich sofort ins Wildwasser zu stürzen. Ein langsames Eingewöhnen war ein Ding der Unmöglichkeit. So viel zur Vorgeschichte.

Hier rundet sich die Geschichte erstmals, und ich wechsle ins Präsens: Die Straße nach Andromeda führt direkt über Leverkusen. Wer hätte das gedacht! Dort wohnt Rüdiger, und ein Treffen soll die Grundlage für die anstehende Arbeit schaffen.

Also fahre ich eine Woche später von Freiburg nach Norden. Das Gedankenchaos ist kaum auszuhalten und noch schwieriger in Form zu bringen. Rüdiger hat mich mit den bisher vorliegenden Informationen zur Staffel »Die zweite Insel« versorgt. Ich habe mich also schon mal eingelesen, aber das ändert nichts daran, dass diese Geschichte erst noch laufen lernen muss. Zumal keiner vorhat, die alte Geschichte nachzuerzählen. Das wäre vollständig sinnfrei, und NEO hat das niemals zuvor versucht.
Allerdings ist eines klar: Die Erwartungen werden hoch sein.

Ich habe einen ganzen Sack voll eigener Ideen dabei. Ich habe die Meister der Insel damals geliebt, aber jetzt gilt es nicht nur, eine neue Geschichte zu erzählen, wir müssen diese Geschichte zusammen erzählen. Ob die Chemie stimmt? Werden die Ideen auf Gegenliebe stoßen, oder auf das genaue Gegenteil?
Ich weiß das nicht, und entsprechend groß ist meine Nervosität. Ob Rüdiger und ich zusammen funktionieren? Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt ebenso wenig. Ich kenne ihn, habe ihn zuletzt auf dem ColoniaCon im Sommer davor getroffen. Ich kam gut mit ihm aus, aber ob die Erzähl- und Ideenchemie stimmt?

Der Zug hat die übliche Verspätung und wegen »Personen im Gleis« fährt er in Köln über die Südbrücke ein; so die Bahndurchsage. Eine kurze Mail an Rüdiger, dass ich mich verspäte ...

Irgendwann steige ich tatsächlich in Leverkusen aus dem Zug. Hier also geht’s nach Andromeda. Um die Seriengeschichte zu bemühen: nach Midway, einem der maahkschen Weltraumbahnhöfe sieht’s nicht aus. Eher nach einer großen Baustelle.

Rüdiger holt mich ab; immerhin kein MdI oder ein misslauniger Maahk. Die können unangenehm sein, wie man weiß.

Nachdem die kleine Reisetasche in Rüdigers Wohnung abgestellt ist, steht erst einmal ein Abendessen auf dem Programm. Fahrten mit der Bahn machen hungrig. Ein Besuch beim Italiener scheitert. Die Aussage, dass handgeschriebene Zettel an der Restauranttür kein gutes Zeichen seien, bewahrheitet sich einmal mehr. Geschlossen wegen Geschäftsausgabe.

So fühlt sich ein gelungener Start nicht gerade an, aber der Ausweich-Grieche entpuppt sich als Glücksgriff. Das Essen ist lecker, das Kölsch schmeckt, und die ersten Ideen fliegen über den Tisch. Es fühlt sich gut an. Die Gedanken ergänzen sich, und wir beide merken schnell, dass wir erstaunlich ähnlich ticken. Das ist ein gutes Zeichen, obwohl ich mich ab und zu frage, wie Rüdiger das empfinden muss: Die Zusammenarbeit mit Michael muss noch nur sehr präsent sein.

Nach der Rückkehr geht’s weiter. Die freundliche Nachbarin sorgt für einige Fotos, damit die Nachwelt über das denkwürdige Ereignis informiert ist.

Später streichen wir die Segel – aber es gelingt mir kaum, die Gedanken im Zaum zu halten. Also entstehen statt Nachtschlaf ein paar erste Szenarien. Die Expos für die Autoren müssen geschrieben werden, sonst gerät alles ins Stocken. Zu viel Hektik schadet jeder Geschichte.

Am nächsten Tag wird alles zusammengefasst und das Gerüst für die Staffel »Die zweite Insel« nimmt konkrete Formen an.

Als ich mich dann am späten Nachmittag auf den Weg zurück mache, ist die Nervosität einer ganz normalen Spannung gewichen. Die Geschichte ist geboren, gesund und auf einem guten Weg. Rüdigers Band 150 ist noch nicht fertiggestellt, und es sind genügend Restaufgaben aus dem letzten Zyklus abzuarbeiten. Die ersten beiden Exposés für die Bände 151 und 152 sind der einzige Puffer, den wir haben.
Ich erinnere mich an einen Werkstattbericht Michaels, in dem er erzählt hat, mit wie viel Arbeit er zu Beginn nicht gerechnet hatte. Jetzt ist mir klar, was er meinte ...

Zurück in Freiburg. Es geht ans Werk. Die Euphorie bleibt. Die ersten Zeilen zur Staffel entstehen; ich betrete die Straße nach Andromeda. Den Leser erwarten einige Dinge, die der Altleser kennen wird. Die er zu kennen glaubt, besser gesagt. Es wird Überraschungen geben, mit denen garantiert niemand rechnet. Sonderbare Dinge. Dinge, die gegen den Strich gebürstet sind.

Ihr glaubt, ihr kennt Andromeda? Ihr denkt, ihr kennt die Meister der Insel?

Ich glaube das nicht.

Lasst euch überraschen!

... und bei einem bin ich mir sicher: Michael hätte daran seine helle Freude gehabt.