Die PERRY RHODAN-Serie und eine Rede – Teil eins Eine Kolumne von Michael Marcus Thurner zu einer Rede des Journalisten Christian Wehrschütz

14. Dezember 2015

Der österreichische Journalist Christian Wehrschütz ist seit Jahren ein PERRY RHODAN-Leser. Wehrschütz gilt in Österreich als einer der renommiertesten Fernsehjournalisten, er berichtet hauptsächlich aus den Balkanstaaten und aus der Ukraine. Michael Marcus Thurner führte ein Interview mit ihm, und dieses wurde am 2. und 3. November auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie veröffentlicht.

Der Journalist schickte dem PERRY RHODAN-Autor den Text einer Rede zu, die er einige Wochen zuvor im Salzburger Dom gehalten hatte – vor mehreren hundert Christen. Michael Marcus Thurner meinte dazu: »Wir sollten in unsere Romane wieder öfter einfließen lassen, dass diese Erde lebenswert ist und die Zukunft schön sein kann.«

Die Rede zeigt zudem, wie relevant die Botschaft der PERRY RHODAN-Serie auch im Jahr 2015 sein kann. Weil sie eine gewisse Länge hat, bringen wir sie in zwei Teilen – heute ist der Teil eins dran, morgen folgt Teil zwei.


 
»Eure Exzellenz! Sehr verehrter Primas Germaniae! Lieber steirischer Landsmann!

Meine sehr verehrten Damen und Herrn!

Liebe Jugend, Hoffnungs- und Verantwortungsträger dieses Staates!

In einer Rede im Preußischen Landtag formulierte Otto von Bismarck folgende Sätze über den Krieg:
›Es ist leicht für einen Staatsmann, sei es im Kabinett, sei es in der Kammer, mit dem populären Winde in die Kriegstrompete zu stoßen und sich dabei an seinem Kaminfeuer zu wärmen oder von dieser Tribüne donnernde Reden zu halten und es dem Musketier, der auf dem Schnee verblutet, zu überlassen, ob sein System Sieg und Ruhm erwirbt oder nicht. Es ist nichts leichter als das, aber wehe dem Staatsmann, der sich in dieser Zeit nicht nach einem Grunde zu Kriegen umsieht, der auch nach dem Kriege noch stichhaltig ist.‹

Von den sowjetischen und amerikanischen Afghanistan-Kriegen über die Irak-Kriege, Syrien, den britisch-französischen Krieg in Libyen bis hin zur Ukraine sehen wir, wohin uns die Missachtung dieser Erkenntnis durch führende Politiker gebracht hat. Denn all diese Kriege bilden den Hintergrund zu jener Lage, mit der wir heute von der griechisch-mazedonischen Grenze bis hin zum Salzburger Bahnhof konfrontiert sind, um nur meinen Tätigkeits- und Lebensbereich zu umreißen.

›Friede ist im Fernsehen nicht darstellbar‹, lautet eine zynisch anmutende aber journalistisch leider weitgehend richtige Erkenntnis. Mit den Folgen der Kriege  – vor allem für die Zivilbevölkerung – sind wir tagtäglich konfrontiert.  Derzeit sehen wir aber vorwiegend jene, die fliehen konnten; nicht vergessen dürfen wir aber die Vielen, die diese Möglichkeit nicht haben, wie in Syrien, dem Irak, aber auch in der Ukraine. 

Dazu zählt die 73-jährige Pensionisten Nina-Grigorewna. Wir lernten einander im Vorjahr kennen, als ihre Wohnung durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt wurde, auch ihr Lebenstraum – ein neuer Kühlschrank. Gerade als sie die letzte Monatsrate der umgerechnet 300 Euro abbezahlen sollte, zerstörten Granatsplitter den Kühlschrank. Die Frau hat umgerechnet 60 Euro Pension im Monat. Mit einem Grazer Bekannten finanzierten wie einen neuen Kühlschrank und die Reparatur der Fenster, damit Winter, Wind und Wetter die Wohnung nicht noch weiter in Mitleidenschaft ziehen konnten.
 
Abgesehen von den prorussischen Rebellengebieten hat die Ukraine 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge zu verkraften, eine zusätzliche Belastung zur tiefen sozialen und wirtschaftlichen Krise. Ohne die große Opfer- und Hilfsbereitschaft von Verwandten und Freiwilligen eine wohl nicht zu bewältigende Herausforderung.  Kriege sind Extremsituationen; sie bringen im Menschen das hervor, was der deutsche  Arzt, Priester und Dichter Angelius Silesius im 17. Jahrhundert so formulierte:
›Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein: Er kann, nachdem er’s macht: Gott oder Teufel sein.‹

Positive Beispiele dieser Weisheit haben mein Team und ich in der Ukraine immer wieder kennengelernt, etwa im August des Vorjahres, in der Stadt Torez; bei der Rückfahrt nach Donezk gerieten wir in Torez in den Aufmarsch prorussischer Kräfte gegen die ukrainische Armee, die Sirenen heulten, Beschuss drohte, die Hauptausfahrtstraße war gesperrt; wir hielten bei einer Bushaltestelle, um nach einem Ausweg zu fragen.

Doch ein Mann nahm uns sofort mit zu sich nach Hause in eines der vielen Hochhäuser aus der Breschnew-Zeit; wir wurden verköstigt, man bot uns an, bei der Familie zu übernachten. Kontakt haben wir noch heute. Die Frau ist Verkäuferin in einem kleinen Lebensmittelgeschäft, der Ehemann ist Bergmann.

Durch Artilleriebeschuss fiel ebenfalls in Torez die Stromversorgung der Kohlezeche Progress aus; die Schächte liefen voll Wasser, eine Million Kubikmeter waren es. Doch die Menschen gaben nicht auf. Seit drei Monaten arbeitet die Zeche wieder, Tausende Kumpel haben wieder Arbeit und Brot. Idealismus, Einsatzbereitschaft und vor allem den Willen zu überleben habe ich in der gesamten Ukraine erlebt.

Hinzu kommt der Wille, das Gemeinwesen mitzugestalten;  vor wenigen Monaten am Unabhängigkeitsplatz in Kiew verteilten junge Menschen die ukrainische Verfassung. Einer von ihnen war eine Frau, die in einem Souvenirgeschäft arbeitet; sie sagte mir: es ist wichtig, dass unsere Bürger ihre Rechte kennen, damit sie unseren Politikern gegenüber selbstbewusst auftreten, damit wir Korruption und Missstände bekämpfen.

Die Bereitschaft vieler junger Menschen, sich für die Res Publica einzusetzen, das ist der wichtigste Hoffnungsträger für die Ukraine.

Was sagen uns diese Beispiele für Österreich und die Europäische Union? Durch die Krise an unserer Peripherie, durch das kollektive EU-Politikversagen im Falle Griechenlands, durch Flüchtlings- und Migrationsströme, stehen wir wohl vor der größten Herausforderung seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Zu ihrer Bewältigung bedarf es keiner Phrasen, sondern einer nationalen Kraftanstrengung, gerade auch in unserem Bildungs- und Ausbildungswesen, bedarf es der Besinnung auf Werte, die nicht nur gepredigt, sondern gelebt und vorgelebt werden, muss die spürbar wachsende Entfremdung zwischen politischer Elite und Bevölkerung verringert werden.«