Die neuen Expokraten bei PERRY RHODAN NEO – Teil 2 Rüdiger Schäfer und Michael H. Buchholz im Interview

1. Juli 2015

PERRY RHODAN NEO wurde vier Jahre lang von Frank Borsch gesteuert; er schrieb die Exposés und Datenblätter zu hundert Romanen. Mit Band 101 geht die Exposéarbeit an das Gespann Rüdiger Schäfer und Michael H. Buchholz über.

Der Autor Michael Marcus Thurner führte per E-Mail ein Interview mit den beiden. Wegen seiner Länge veröffentlichen wir es in mehreren Teilen. Gestern kam Teil eins, morgen ist Teil drei dran.


Michael Marcus Thurner: Michael, auch du hast einige Beiträge zu den ATLAN-Serien abgeliefert. Als Buchautor bist du mit der »Gilwenzeit«-Reihe bekannt geworden, deren dritter Band im August 2015 bei Bastei erscheinen soll. Du bist seit einiger Zeit hauptberuflich Autor. Ist es denn ein schwieriger Sprung aus einer Fantasy-Welt rüber zur Science-Fiction-Opera?

MiMichael H. Buchholzchael H. Buchholz:
Ja und Nein. Zunächst zum Ja. Ja, es ist schwierig, die »Gilwenzeit«-Schuhe aus- und die NEO-Raumstiefel anzuziehen. NEO ist und funktioniert ganz anders als eine wie auch immer geartete Fantasywelt. Bei der »Gilwenzeit« hatte ich viele lange Jahre Zeit, alles fein säuberlich aufeinander abzustimmen, ehe ich überhaupt mit dem Schreiben anfing. Tatsächlich begann ich an dem Sagenstoff schon zu arbeiten, als Rüdiger und ich uns vor dreißig Jahren kennenlernten.

Bei NEO haben wir diese Zeit nicht. Wir müssen hier nicht nur reflexartig aus der Hüfte schießen, sondern jeder Schuss muss perfekt sitzen. Das erfordert ein völlig anderes Denken und Herangehen als die Arbeit an einem normalen Roman.

Nun zum Nein – nein, trotz der Schwierigkeit fällt mir der Wechsel relativ leicht. Ich lese PERRY RHODAN seit meinem dreizehnten Lebensjahr und bin gerade in jener Zeit herangewachsen, als Rhodan und Co. ins All aufbrachen. Jetzt diese Zeit neu aufleben lassen zu dürfen ist ein wahr gewordener Jugendtraum für mich. Doch einmal im Jahr heißt es für mich umzusatteln und mich auf die Fährten und Fährnisse der »Gilwenzeit« zu begeben.


Michael Marcus Thurner: Ihr habt schon mehrmals miteinander gearbeitet, euch verbindet eine schon lange währende Freundschaft. Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit bei NEO? Gibt es Auffassungsunterschiede? Kommt es wie bei vielen kreativen Paarungen auch mal vor, dass es kracht und ihr euch zusammenstreiten müsst?

RRüdiger Schäferüdiger Schäfer:
Natürlich gibt es Auffassungsunterschiede – und das ist gut so. Ich glaube sogar, dass eine Serie von so etwas profitieren kann. Hinzu kommen ja noch die Gedanken der Redaktion, allen voran Klaus N. Frick, dessen langjährige Erfahrung uns dabei hilft, das ein oder andere Fettnäpfchen auszulassen.

Wirklich gestritten haben sich Michael und ich aber noch nie. Wir kommentieren die Texte und Ideen des jeweils anderen kritisch, allerdings immer konstruktiv. Und wir wissen, was wir aneinander haben.

Für mich ist Michael durchaus eine Art kreativer Katalysator – und das habe ich in den ersten Wochen der NEO-Arbeit sofort wieder gemerkt. Exposés und Datenblätter fliegen zwischen uns hin und her, wir notieren jedes Mal unsere Anmerkungen und am Ende kommt dann etwas heraus, hinter dem wir beide stehen und das wir guten Gewissens zur Begutachtung an die Redaktion schicken können.

Michael H. Buchholz:
Diese Paragabensache ... irgendetwas ist da vielleicht dran. Wobei ich es eher als eine Symbiose zwischen Rüdiger und mir empfinde. Ich kann es kaum anders beschreiben: Die Dinge fliegen mir regelrecht zu, wenn sie zuvor von Rüdiger angetriggert wurden. Und das Verblüffende ist jeweils, wie gut meine Ideen sich in Rüdigers Vorideen einklinken. Zahnräder greifen dann ineinander, und plötzlich beginnt das Ganze, sich vorwärts zu bewegen.

Die Zusammenarbeit ist für mich Energieschub und Faszination in einem, weswegen es vielleicht auch nicht zu Streit kommt. Das Ergebnis ist immer mehr als die Summe beider Teile. Das war schon zu den seligen »ATLAN-Fanzine-Serie«-Zeiten so und ist es bei NEO erst recht. Wenn ich dieses ganz bestimmte Kribbeln bekomme, weiß ich, ja, wir sind auf dem richtigen Weg. Und wenn wir es dann beide spüren (Rüdiger nennt es »Schauer über den Rücken«), dann geht alles guten Gewissens an die Redaktion.


Michael Marcus Thurner: Wie ist denn die Amtsübergabe von Frank Borsch auf euch erfolgt? Wird es eine spürbare Zäsur nach Band 100 geben, oder schließt ihr an Vorgaben an, die Frank hinterlässt?

Rüdiger Schäfer:
Selbstverständlich werden wir die Themen und Ereignisse der ersten hundert Romane nicht einfach ignorieren – dazu waren sie viel zu gut und bieten nach wie vor zu viel Potential. Außerdem hat Frank ein tolles und stimmiges Finale gebastelt, und einen großartigen Band 100 geschrieben. Da fielen der Anschluss und die weitere Planung verhältnismäßig leicht.

Ich hatte Ende März ein längeres Telefonat mit Frank. Da habe ich ihn kräftig ausgequetscht und nach seinen Gedanken zur weiteren Handlung gefragt. Natürlich hatte er sich solche bereits gemacht; insofern wird – wenn ich das mal so formulieren darf – sein »Geist« noch eine Weile über uns und der Serie schweben.

Eine Zäsur (und eine, die man bemerkt) wird es aber definitiv geben, und bei der Konzeption des sogenannten kosmischen Hintergrunds haben Michael und ich bereits viele eigene Ideen eingebracht.

Michael H. Buchholz:
Als Leser wie als Autor liegt mir vor allem das »Staunenkönnen« am Herzen. Denn das macht das Besondere einer Serie wie NEO aus. Den »sense of wonder« der damaligen Heftserie neu zu beleben und wieder fühlen zu können, ihn dabei aber auch völlig anders zu gestalten – diese Möglichkeit bietet der Hintergrund, den Frank Borsch geschaffen hat.

Das gelegte Fundament ist großartig, und vor allem ist es trag- und ausbaufähig. Dennoch – und das ist das Schöne daran – bietet uns der Band 101 die fantastische Möglichkeit, neu durchzustarten und der Menschheit einen neuen Weg zu den Sternen zu eröffnen.