»Zu neuen Ufern« – Teil zwei Rüdiger Schäfers Werkstattbericht zu PR NEO 150 – und darüber hinaus!

19. Juni 2017

In gewisser Weise fühlte sich PERRY RHODAN NEO 150 ja wirklich wie ein Neustart an; zumindest aus Expokratensicht. Wir begannen sozusagen ein neues Kapitel im Buch der Geschichte der Menschheit. In den Vorbemerkungen zu Exposé 150 versuchte ich dann auch, dieses Gefühl in Worte zu fassen, weshalb ich an dieser Stelle einfach zitiere:

„Im Mittelpunkt soll der Aufbruch ins Unbekannte stehen. Menschen fliegen zum ersten Mal zu einer anderen Galaxis. Das darf auf keinen Fall wie eine Urlaubsreise in die Südsee rüberkommen. Das ist groß! Das ist ein historisches Ereignis! Und natürlich ist es gefährlich!

Wir wollen dem Leser diese Expedition nicht schildern, wir wollen ihn zu einem Teil von ihr machen. Schwierig? Klar. Aber vielleicht hilft es, sich bewusst zu machen, was hier passiert. Die Menschen verlassen endgültig die engen Grenzen ihres Heimatsystems – und zu einem gewissen Grad auch die engen Grenzen ihrer eigenen Weltanschauung. Danach wird nichts mehr so sein wie zuvor.

Der zweite Fokus des Romans liegt auf der MAGELLAN. Das Schiff ist grandios. Peter hat da echt sein Meisterstück abgeliefert – und dabei noch all die komischen Wünsche der Expokraten berücksichtigt. Selten zuvor haben wir uns so sehr auf die Beschreibung eines Raumschiffs gefreut!

Die MAGELLAN ist ein Gigant, der einem Angst machen kann – und er soll die Leser umhauen! Das Schiff zeigt, zu was Menschen fähig sind – im positiven Sinn!“

Große Pläne, keine Frage. Aber unsere Autoren gehören schließlich auch zur Spitze der SF-Schaffenden in Deutschland. Da darf man ruhig ein paar Ansprüche stellen.

Während ich die ersten Seiten von Band 150 schrieb, entstanden gleichzeitig weitere Datenblätter. Mit Andromeda mussten wir eine komplette Galaxis mit Leben füllen. Welche bekannten Völker sollten wir verwenden? Die Paddler? Die Tefroder? Die Twonoser? Die Moduls? Welche Planeten? Twin? Horror? Gleam? Kahalo? Multidon?

Dazu kamen die erweiterten Hintergründe, denn selbstverständlich fügten sich die Geschehnisse in Andromeda lückenlos in unsere Gesamtkonzeption um die Liduuri, das Sonnenchasma, ES, ANDROS, die Allianz und all die anderen Serienelemente ein. Bisher hatten wir den Kollegen noch nicht verraten, was sich hinter dem Riss in der heimatlichen Sonne verbarg – das holten wir jetzt nach …

Mitten hinein in diese unglaublich interessante, hektische und arbeitsreiche Zeit fiel ein Ereignis, das nicht nur die Serie, sondern vor allem mich selbst erschütterte: Michaels Tod. Seinen Kampf gegen den Krebs hatte er nun schon über drei Jahre lang geführt. Ich hatte ihn während dieser schweren Zeit immer wieder besucht, all die Höhen und Tiefen, die ein solches Leiden zwangsläufig mit sich bringt, teilweise miterlebt. Wir hatten Hunderte von Mails ausgetauscht, in denen er mich unter anderem auch an der emotionalen Achterbahnfahrt teilhaben ließ, zu der sein Leben geworden war.

Selbst heute, aus einiger Distanz, ist es alles andere als leicht, über diese Zeit Anfang des Jahres 2017 zu schreiben. Die Beiträge, die Michael für die Serie leisten konnte, wurden immer spärlicher. Trotzdem hofften alle, die um seinen Gesundheitszustand wussten, dass die Therapie doch noch anschlug. Am Montag, den 6. März 2017, wenige Tage vor Michaels 60. Geburtstag, war diese Hoffnung vorbei.

PERRY RHODAN NEO war damals längst zu »unserem Baby« geworden. Kaum ein Tag verging, an dem wir nicht Mails in zweistelliger Zahl austauschten (Michaels angegriffener Kehlkopf verhinderte leider, dass er sprechen konnte). Wir bastelten Konzeptpapiere und Datenblätter, kommentierten die Manuskripte der Kollegen, entwickelten Ideen, Figuren, Planetensysteme und unzählige andere Dinge. Dass all dies nun vorbei ist, kann ich noch immer nicht wirklich glauben.

Es klingt banal, aber oft sind es die banalen Dinge, in denen die größten Wahrheiten stecken: Die Show musste weitergehen! Wir hatten es geschafft, unsere Serie über die Nummer 150 hinaus zu führen – nun galt es dafür zu sorgen, dass die Maschine nicht ins Stocken geriet, doch mir war klar: Ohne Unterstützung würde ich NEO auf Dauer nicht stemmen können. Die nächsten Exposés waren schon überfällig, und Band 150, den Michael und ich eigentlich hatten gemeinsam schreiben wollen, lastete nun allein auf meinen Schultern.

Per Telefon erörterten Klaus N. Frick und ich die Alternativen und versuchten, uns über die nächsten Schritte klar zu werden. Dabei kam uns sofort der Name Rainer Schorm in den Sinn. Rainer hatte in den vergangenen beiden Jahren einige großartige NEO-Romane geschrieben. Er hatte Michael und mich mit originellen Handlungsideen beeindruckt und diese auf unseren Wunsch hin detaillierter ausgearbeitet.

Zudem hatte ich mich mit ihm auf dem letzten Colonia Con länger unterhalten und den Eindruck gewonnen, dass wir uns gut verstanden. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen, wenn man als Team eine Serie steuern will …

Die Aufgabe, Rainer den Job anzubieten, übernahm Klaus – und zu unser beider Erleichterung sagte er zu. Danach griff ich zum Telefon und wir vereinbarten ein erstes Arbeitstreffen. Da die Zeit – wie schon erwähnt – drängte, sollte es gleich das dritte Wochenende im März sein. Rainer nahm die Reise von Freiburg nach Leverkusen auf sich und traf am Freitag, den 17. März am Bahnhof Opladen ein. Selbstverständlich hatte ich ihm mein Gästebett angeboten, doch zunächst wappneten wir uns für die bevorstehenden Diskussionen mit einem Abendessen bei meinem Lieblingsgriechen. Später saßen wir in meinem Wohnzimmer bei ein paar Kölsch zusammen und quatschten bis um halb zwei Uhr morgens über alles Mögliche – natürlich auch über NEO.

Nach dem Frühstück ging es am folgenden Samstag dann deutlich strukturierter weiter. Binnen weniger Stunden bastelten wir die Handlung der »Andromeda«-Staffel (NEO 151-160) zusammen, die später in »Die zweite Insel« umbenannt wurde, um wegen der bereits existierenden Taschenbuchserie »Andromeda« nicht Verwirrung unter den Lesern zu stiften. Natürlich zunächst nur die wichtigen Eckpunkte; die Details entstehen meist erst beim Schreiben der einzelnen Exposés. Rainer hatte einige Szenarien mitgebracht, also Ideen für einzelne Handlungsbögen, die wir in das Gesamtkonzept einfügten. Ich dagegen hatte mir bereits Gedanken um Band 160, also den Staffelabschluss gemacht, den ich wie schon einige Male zuvor selbst übernehmen wollte.

Als Rainer am Nachmittag (kurz vor Beginn der Bundesliga) die Rückreise antrat, waren wir beide ziemlich zufrieden. Zwar gab es noch genug zu tun, doch unsere Arbeit hatte jetzt eine deutliche Richtung und wir hatten das Ziel klar definiert. Schon wenige Tage später traf das Exposé 153 ein – seinen Expo-Erstling schrieb Rainer also praktischerweise für sich selbst. Während er sich in den kommenden Wochen auf die Exposés konzentrierte, verschaffte er mir die nötige Zeit, Band 150 fertigzuschreiben. Am langen Osterwochenende setzte ich das Wort »ENDE« unter mein Manuskript und schickte es direkt an Rainer.

Auch Lektor Dieter Schmidt und die Redaktion mussten sich ins Zeug legen. Spätestens auf der FedCon in Bonn, die am zweiten Juniwochenende stattfand, sollten die Leseproben für NEO 150 verfügbar sein. Und ich selbst wollte am 13. Mai für gut zwei Wochen Richtung USA verschwinden, um dort Urlaub zu machen.

Inzwischen trafen die ersten Manuskripte der Kollegen ein; auch Rainer hatte seinen Band 153 bereits beendet. Es gab viel zu lesen – und noch mehr zu schreiben. Michelle Stern und Michael Marcus Thurner meldeten sich mit Interviewwünschen für LKS und das E-Book-Portal »Beam«.

Christina Hacker, die Redakteurin der SOL, dem Magazin der PERRY RHODAN FanZentrale, wollte mir ebenfalls gerne ein paar Fragen stellen. Und da ich die PR-Tage in Osnabrück wegen meines Amerikaaufenthalts nicht persönlich besuchen konnte, hatte ich ein Grußwort und eine kleine Lesung per Video zugesagt. Insofern wurde die letzte Woche vor meinem Abflug ziemlich hektisch …

Während der wundervollen Zeit in New York und Washington gab es tatsächlich Tage, an denen ich nicht ein einziges Mal an NEO dachte. Rainer hielt die Expo-Zügel in Deutschland fest in der Hand, und so konnten wir uns am ersten Wochenende nach meiner Rückkehr gleich telefonisch kurzschließen, um die Bände 159 und 160 zu besprechen sowie die ersten Details für die darauf folgende Staffel festzulegen.

In wenigen Tagen erscheint er nun, der Jubiläumsband 150, und natürlich kann ich es kaum erwarten, die ersten Reaktionen der Leser zu erfahren. Für Rainer und mich, für die übrigen Autoren, für die Mitarbeiter der Redaktion und all die fleißigen Helfer, ohne die eine Serie wie PR NEO nicht zu realisieren wäre, sind die kommenden zehn Romane schon fast wieder Vergangenheit. Für die Leser beginnt die neue Epoche und der »Sprung nach Andromeda« dagegen erst. Und ich bin sicher: Es wird eine großartige und ereignisreiche Reise werden!