»Zu neuen Ufern« – Teil eins Rüdiger Schäfers Werkstattbericht zu PR NEO 150 – und darüber hinaus!

16. Juni 2017

Die gute Nachricht kam Anfang Dezember 2016, gewissermaßen als verfrühtes Weihnachtsgeschenk.

Michael H. Buchholz und ich steckten mitten in der Konzeption für die »METEORA«-Staffel, und es lag durchaus eine gewisse Unsicherheit in der Luft. Durften wir nach NEO 150 weitermachen? Hatten wir genügend Leser überzeugt und vor allem gut genug unterhalten, dass sie uns weiterhin die Treue halten würden?

Das Erreichen von NEO 150 war zwei Jahre zuvor noch ein Traum gewesen. Aber auch ein Ansporn, es allen Kritikern und Schwarzmalern zu beweisen und die von Frank Borsch mit so viel Begeisterung und Engagement begonnene Arbeit fortzuführen. Nun hatten wir unser Ziel tatsächlich erreicht, und aus der anfänglichen Freude wurde sehr schnell Ehrgeiz. Jetzt wollten wir natürlich mehr!

In jenen Tagen bereiteten wir tatsächlich zwei mögliche Szenarien vor. Eines für den Fall, dass mit Band 150 Schluss sein sollte, ein zweites für den Fall der Weiterführung. Wir wollten den Lesern unbedingt einen runden Abschluss präsentieren, die großen offenen Fragen beantworten, und die Großstaffel »Die Liduuri« (NEO 101-150) würdig zu Ende bringen.

Als PR-Chefredakteur Klaus N. Frick dann die frohe Botschaft verkündete, war ich nicht unbedingt überrascht, aber doch erleichtert – und stolz, wertete ich das Signal zum Weitermachen immerhin auch als Bestätigung der harten Arbeit, die wir nun schon über zwei Jahre lang leisteten. Gleichzeitig war mir klar, was das alles bedeutete: Die langen Abende vor dem Rechner, die Wochenenden am Schreibtisch, das Lesen und Verfassen von Hunderten von Mails pro Monat – all das würde weitergehen!

Uns war sehr früh klar gewesen, dass wir mit der neuen Staffel in Richtung Andromeda aufbrechen würden. Die Leser warteten auf die »Meister der Insel«. Einen von ihnen – den Regenten – hatten sie ja bereits kennengelernt. Nun mussten Michael und ich versuchen, die in den ersten hundert Bänden gestreuten Informationen mit unserem eigenen Konzept (das Frank damals logischerweise nicht kannte) zu verknüpfen.

Es waren zahlreiche grundlegende Dinge zu klären: Welche Machtverhältnisse herrschten in Andromeda? Welche Elemente des legendären Erstauflagen-Zyklus’ sollten wir übernehmen – und welche weglassen? Wie konnten Perry und seine Freunde den riesigen Abgrund zwischen den Galaxien überwinden? Wie war Mirona Thetin als große Gegenspielerin anzulegen? Und welche Rolle spielte der verschollene Atlan im großen Gesamtbild?

Als Leser war der MdI-Zyklus für mich einst ein Meilenstein gewesen. Ich hatte die Hefte als Jugendlicher in der fünften Auflage Mitte der 1980er Jahre verschlungen und das Erscheinen des jeweils nächsten Romans damals kaum erwarten können. Nun hatte ich die einmalige Chance, meinen eigenen MdI-Zyklus zu erschaffen, und um ehrlich zu sein: Ein kleines bisschen Bammel davor hatte ich schon!

Natürlich würden die Leser gewisse Erwartungen hegen. Sie würden unser Konzept mit ihren Erinnerungen an einen legendären PR-Handlungsabschnitt vergleichen, den sie in ihren Köpfen gespeichert und über die Jahre womöglich immer weiter idealisiert hatten. Hatten wir gegen einen solchen Mythos überhaupt eine Chance?

Dann aber wurde uns bewusst, dass wir die ganze Sache aus einem völlig falschen Blickwinkel betrachteten. PERRY RHODAN NEO hatte von Beginn an nie die altbekannten Zyklen einfach nur nacherzählt, sondern sie in ein neues Jahrtausend transportiert. Die Serie hatte sich aus einem für die damalige Zeit großartigen Ideenkonstrukt die Filetstücke herausgeschnitten, und sie nach modernen Rezepten frisch zubereitet. Genau das würden wir nun auch mit den Meistern der Insel tun!

Zunächst mussten wir unser ursprüngliches Konzept jedoch noch einmal komplett umwerfen, denn aus der Redaktion kam die (nachvollziehbare) Maßgabe, mit Band 150 eine neue und große Werbekampagne zu starten. »Die Leute«, so schrieb Klaus N. Frick sinngemäß in einer E-Mail Ende Dezember 2016, »steigen nun einmal eher mit einer Nummer 150 als mit einer Nummer 151 in eine Serie ein«, womit er recht hatte. Insofern mussten wir die Handlung um METEORA bereits mit NEO 149 abschließen, damit wir mit dem Jubiläumsband 150 nach Andromeda aufbrechen konnten.

Michael und ich hatten vorgehabt, die Bände 149 und 150 jeweils zu teilen. In der einen Hälfte sollte die Lebensgeschichte von Tuire Sitareh geschildert werden, in der anderen die Rückkehr METEORAS ins Solsystem und die vorläufige Schließung des Sonnenchasmas. Beide Themen hätten dadurch Romanlänge erreicht und wären ihrer Bedeutung entsprechend zur Geltung gekommen. Nun mussten wir umdisponieren.

Unsere Lösung: Wir schmissen Tuire Sitarehs Vergangenheit komplett raus! Und wir warfen unsere neue Kollegin Madeleine Puljic ins kalte Wasser. Sie hatte gemeinsam mit Kai Hirdt NEO 134 verfasst und dabei überzeugt. Jetzt sollte sie nicht nur ihren ersten Soloeinsatz bestreiten, sondern auch gleich einen Schlüsselroman schreiben! Glücklicherweise war sie kurzfristig verfügbar und machte sich sogleich ans Werk.

Es tat mir persönlich schon ein bisschen weh, dass wir die Geheimnisse Tuire Sitarehs weiter zurückhalten mussten, hatte ich doch auf der ein oder anderen Veranstaltung immer wieder betont, dass wir die Vergangenheit dieser nach wie vor mysteriösen Figur bis NEO 150 enthüllen würden. Ich hoffte aber auf das Verständnis der Leser; immerhin bedeutete aufgeschoben in diesem Fall nicht aufgehoben. Der Aulore wird seine Lebensbeichte definitiv noch ablegen!

Unsere nächste Aufgabe war es, ein geeignetes Fortbewegungsmittel für unsere Helden zu finden. Perry Rhodans Expedition in eine andere Galaxis war mit der LESLY POUNDER nicht zu machen. Zwar würde er die Hälfte der Strecke von rund 2,5 Millionen Lichtjahren über die Sonnentransmitterstraße der Liduuri respektive der Memeter zurücklegen, doch was dann?

Für solche Fälle haben wir Peter Dachgruber im NEO-Team, unseren Technik-Experten. Innerhalb weniger Wochen und begleitet von intensivem Mailverkehr mit den Expokraten, schuf er die MAGELLAN, eine 2400-Meter Kugel mit diversen innovativen Konstruktionsmerkmalen und modernster terranischer Technik.

Ich war von seinem Ergebnis, aus dem am Ende ein zwölfseitiges Datenblatt wurde, so sehr hingerissen, dass ich es kaum erwarten konnte, dieses großartige Schiff in NEO 150 vom Stapel zu lassen.

Parallel dazu erstellten wir ein Datenblatt mit der Überschrift »Die Welt im Jahr 2054«, denn mit NEO 150 würden wir einen weiteren Zeitsprung machen – diesmal drei Jahre in die Zukunft; schließlich brauchten die Menschen ausreichend Zeit, um ihr neues Raumschiff zu bauen. Wobei: Peter meinte von Beginn an, dass man für die Fertigstellung eines so gewaltigen Schiffes wie der MAGELLAN eigentlich mindestens zehn Jahre benötigen würde, doch so viel Zeit hatten wir nicht. Daraus entwickelte sich die Idee, unsere Helden mit einem halbfertigen Prototypen losfliegen zu lassen und so eine zusätzliche dramatische Komponente in die Handlung einzubauen.

Das alles fühlte sich für mich fast so an, wie damals, Anfang des Jahres 2015, als wir die Ausgangssituation für NEO 101 festlegten. Das ist jedes Mal ein ungeheurer Aufwand, denn man muss mehr oder weniger für alle erwähnten Figuren definieren, was diese in der Zwischenzeit getrieben haben und was aus ihnen geworden ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch immer ein Riesenspaß, wenn man mal so richtig Schicksal spielen darf ...