»Sturz aus dem Frostrubin« – zwischen Erinnerung und neuer Erkenntnis Werkstattbericht von Hubert Haensel

14. August 2015

Seit fünfzig Jahren macht es mir Spaß, wöchentlich meinen PERRY RHODAN zu lesen. Nun ja, ich gebe zu: nicht immer genau wöchentlich, denn mitunter hatten sich auch kleinere Stapel angestaut. Aber Spaß gemacht hat es mir stets. Ich habe oft atemlos weitergeblättert, manchmal etwas mühsam; ich habe mich gefreut, wenn ein Abenteuer gut ausging, habe mit den Helden gezittert und hin und wieder geschimpft, wenn meine Vorstellungen zu den Ideen der Autoren konträr liefen.

Aber so muss es sein, eine gute Mischung aus allem – genau so, wie das Leben ist. Ich glaube, das darf ich nach fünfzig Jahren Lesefreude unwidersprochen behaupten.

IcSilberband 131: »Sturz aus dem Frostrubinh lese PERRY RHODAN unverändert gern, wenngleich inzwischen nicht mehr mit der Leichtigkeit des Fans, der sich in die Endlosigkeit von Raum und Zeit entführen lässt, sondern eher angespannt, mit den Argusaugen des Autors und dem sezierenden Blick eines Lektors. Letzteres gilt vor allem für die Romanhefte, die ich für die Silberbände bearbeite und deren Erstlektüre für mich beim aktuellen Stand immerhin rund 32 Jahre zurückliegt.

Wundert es jemanden, dass manches in meinem heutigen Leseempfinden nicht mehr meiner Erinnerung entspricht? Zeit bringt Wandel. Deshalb sind in den bearbeiteten Buchausgaben keine Metallschachteln mehr zu finden, in denen belichtete Filme an Bord einer Space Jet aufgehoben werden. Ebenso wenig Disketten, mit denen Kampfroboter programmiert werden. Solche Dinge sind einfach dem technischen Fortschritt geschuldet.

Sicher, bei einer Karl-May-Neubearbeitung würde niemand Winnetous Silberbüchse in ein Schnellfeuergewehr mit Laser-Zielfernrohr verwandeln, weil das der Historie widerspräche. Aber PERRY RHODAN ist immer noch eine zukünftige Geschichtsschreibung, die solche Anpassungen gut verträgt. Wie viele unserer Jugendlichen und Heranwachsenden haben denn jemals einen Super-8-Film oder einen einfachen Negativfilm in der Hand gehalten? Selbst die Haptik einer Floppy Disk oder 3,5-Zoll-Diskette ist nur noch den »Älteren« unter uns bekannt.

Älter ... Genau darauf wollte ich hinaus. Denn da ist ein Thema, das sich als roter Faden durch den Silberband 131 zieht. Perry Rhodan ist mit seiner Galaktischen Flotte aus 20.000 Raumschiffen unterwegs.

Greift einfach nach Buch 131 »Sturz aus dem Frostrubin«, das Anfang September erscheint, und lest das nach. Wem ergeht es wie mir bei der Bearbeitung und Zusammenstellung der Texte? Wer wird beim Lesen schon am Anfang dieses Buches ebenfalls das beklemmende Gefühl haben, dass Perry Rhodan das Schlimmste widerfahren ist, was einem Flottenchef zustoßen kann?

Nein, ich meine nicht, dass er in die ihm unbekannte Galaxis M 82 verschlagen wurde, in die Heimat des derzeit ärgsten Widersachers Seth-Apophis. Solches sollte Rhodan längst gewöhnt sein. Vor allem ist er zäh und ausdauernd, um aus einer kosmischen Odyssee das Beste zu machen. Außerdem ist er nicht allein.

Die BASIS, das modernste Fernraumschiff der Menschheit, hält leicht dem Vergleich mit einer Kleinstadt stand, sowohl in Bezug auf ihre Größe als auch hinsichtlich der Zahl der Besatzungsmitglieder. Allein der diskusförmige Grundkörper durchmisst neun Kilometer. Und bei mehr als zwölftausend Männern und Frauen an Bord kann sich eigentlich niemand einsam fühlen.

Ich rede vielmehr davon, dass Perry Rhodan seine zwanzigtausend Einheiten starke Flotte verloren hat. Die vier Karracken, der Flottentender und das alte Schlachtschiff, von denen wir in diesem Buch lesen, stellen womöglich nur die Ausnahme von der Regel dar, den statistischen Ausreißer. Wenn das so ist, wäre Perry Rhodan wirklich das Schlimmste widerfahren.

Fällt auf, worauf ich hinaus will? Was mir beim Wieder-Lesen und Bearbeiten der in diesem Buch zusammengefassten Texte spontan in den Sinn kam und was mir in den letzten 32 Jahren entfallen war? Diese Verknüpfung von realer Vergangenheit und fiktiver Zukunft der Menschheit? Die BASIS fliegt allein in unbekanntem Gebiet. Ihre gesamte Begleitflotte ist verschollen – existiert sie noch?

»Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!« Das soll Kaiser Augustus Oktavian in seiner Verzweiflung gerufen haben, als er die Nachricht erhielt, die Germanen hätten den römischen Feldherrn Varus mit drei Legionen in einen Hinterhalt gelockt. Ich konnte den Aufschrei beim Lesen förmlich hören. Drei Legionen, das sollen rund zwanzigtausend römische Soldaten gewesen sein.

Zufall, diese ähnliche Situation und die Zahl Zwanzigtausend? Oder haben die Autoren, als sie vor über dreißig Jahren jene Romane schrieben, der Serie mit einem hintergründigen Lächeln auf den Lippen einmal mehr Realhistorie untergeschoben?

Mir gefallen solche Verknüpfungen und ich hoffe, euch ebenfalls.

Hubert Haensel