»Sammelpunkt Vier-Sonnen-Reich« im Blick Hubert Haensels Gedankengänge während des Bearbeitens eines Silberbandes

13. April 2016

Wie ist das, wenn man Science-Fiction-Romane liest? Eigentlich handelt es sich bei der Science Fiction um ein Genre, das dem interessierten Leser ein breites Spektrum öffnet. Hier geht es nicht nur darum, ob der Zeuge eines Verbrechens wirklich gesehen hat, was er einige Tage später zu Protokoll gab, oder welcher Revolverheld die härtesten Nerven und Fäuste hat und zudem am schnellsten die Waffe zieht.

Natürlich kann Science Fiction das alles ebenfalls bereithalten, aber eigentlich bietet sie sehr viel mehr. Sie weckt das Interesse an unserer Vergangenheit genauso wie die Frage nach dem, was in ferner Zukunft einmal sein wird. Sie befasst sich mit Technik, angefangen vom riesigen Fernraumschiff bis hin zum winzigen Nanoroboter, mit Naturwissenschaft vom Urknall über die Evolution bis hin zu der Frage, was einst aus dem Universum werden wird: Stürzt es in sich zusammen oder wird es sich auf ewig ausdehnen und irgendwann in Einsamkeit erstarren?

Und die Science Fiction vergisst ebenso wenig den Menschen, alle möglichen Variationen seiner geistigen und körperlichen Entwicklung, das Zusammenleben mit anderen – auch mit Fremden, die so gar nicht in die Schemata passen, die wir uns von anderem Leben machen.

Steht den Lesern schon diese schier endlose Spielwiese zur Verfügung, umso mehr finden wir Autoren uns darin wieder. So erging es mir einmal mehr während der Arbeiten an dem neuen PERRY RHODAN-Silberband, der im Mai 2016 erscheinen wird. Die Gedanken schweiften ab.

Ich fragte mich, wie weit wir eigentlich von den Dingen entfernt sind, die heute noch als Science Fiction gelten. So manches von dem, was in der Anfangszeit der PERRY RHODAN-Serie thematisiert wurde, ist mittlerweile für uns Realität geworden. Ich will da gar nicht von ratternden und blinkenden Computern reden, die mit Lochstreifen betrieben wurden (immerhin: Ich habe selbst – schon oder noch – mit Lochkarten gearbeitet) oder von Interkomanschlüssen an Bord von Raumschiffen (die mich verblüffend an Telefonzellen erinnern).

Wenn es darum geht, aufzuzeigen, dass Science Fiction keine abgehobene oder unverständliche Literaturgattung ist, sondern durchaus realistisch, greife ich gern auf die Romane von Jules Verne zurück. Nehmen wir zum Beispiel die Titel »In 80 Tagen um die Erde«, »Von der Erde zum Mond« oder »Reise um den Mond«. Zu der Zeit, als sie geschrieben wurden, waren sie reine Utopie.

Und was sind sie heute? »Nostalgie«, würde ich sagen. Um einmal unsere gute alte Mutter Erde zu umrunden, brauchen wir längst keine 80 Tage mehr. Auf dem Mond sind Menschen ebenfalls schon gelandet, selbst wenn die Astronauten keine so bequeme Kapsel hatten, wie Jules Verne es beschrieb.

Und heute? Ich behaupte, wir stecken mittendrin in der Science Fiction. Da werden seit einigen Jahren nicht nur ständig neue Planeten aufgespürt, bei Sonnen, die weiter als nur ein paar Lichtjahre von uns entfernt sind. Wie lange werden wir noch warten müssen, bis tatsächlich eine zweite Erde gefunden wird? Die Raumfahrt fängt an, alltagstauglich zu werden. Spätestens seit private Firmen darin die großen Verdienstmöglichkeiten für die Zukunft sehen. Da gibt es zwei superreiche Konkurrenten, die im Begriff sind, wiederverwendbare Raketen zum Standard zu erheben.

Wer hat Ende des Jahres 2015 nicht die aufrechte Landung einer solchen Raketenstufe in den Nachrichten gesehen – Bilder, die mich an so manchen SF-Film erinnert haben. Ich muss zugeben: Bei der senkrechten Landung hatte ich Szenen aus dem alten PERRY RHODAN-Film »SOS aus dem Weltall« vor mir.

Und Roboter? Eigentlich sind wir längst von vielen kleinen mechanischen Helfern umgeben. Ich meine allerdings die wirklich großen, die den Robotertypen aus PERRY RHODAN ähneln. Seit dem Jahr 2014 entwickelt eine US-amerikanische Firma den »Atlas«, einen auf zwei Beinen gehenden Roboter von menschlicher Gestalt. Diese Maschine ist fast einen Meter neunzig groß und bringt 190 Kilogramm auf die Waage. Sie bewegt sich bereits in durchaus schwierigem Gelände. Vorgesehen ist, dass Atlas eines Tags bei Katstrophen helfen soll, vor allem an Orten, die für menschliche Helfer nur schwer oder unter Gefahren zugänglich sind. Bleibt zu hoffen, dass aus diesem Typ nicht auch etwas anderes wird, nämlich ein bewaffneter Terminator.

Und was ich sogar amüsant finde: Da ist mir ein kleiner Artikel in die Hände gefallen mit der Überschrift »Wem gehört das Weltall?« Das bezieht sich nicht auf die Mondgrundstücke, die es vor Jahren mehr oder weniger ernsthaft zu kaufen gab, sondern es geht politisch um das Recht der Lizenzvergabe zur Ausbeutung des Sonnensystems.

Zwei Dinge lassen mich dabei schmunzeln: Erstens reicht das schon etwas weit in die Zukunft und ist recht einseitig zustande gekommen. Zweitens kann niemand etwas verteilen, was ihm nicht gehört. Diese Politiker haben wohl noch nie von Perry Rhodan gehört – immerhin ist er der Erbe des Universums. Ich denke, unser Perry Rhodan steht da stellvertretend für die gesamte Menschheit.

Seit diesen abschweifenden Gedanken weiß ich auch, was ein Universalerbe wirklich ist ...


Hubert Haensel