»Mit der Muttermilch aufgesogen« – Teil 1 Michael Marcus Thurner befragt Michael Nagula

7. Januar 2014

Michael Nagula ist zurück! Nach einer längeren Pause schrieb der ehemalige PERRY RHODAN-Teamautor mit »Echo der Apokalypse« einen Gastroman für die PERRY RHODAN-Serie, der am 3. Januar 2014 mit der Bandnummer 2733 erschienen ist. Michael Marcus Thurner interviewte den Gastautor.

Weil das Interview so umfangreich ist, bringen wir es in zwei Teilen. Heute kommt der erste, morgen folgt der zweite Teil.

Michael Marcus Thurner: Michael, du warst eine Zeitlang Teamautor bei PERRY RHODAN und bist dann ausgeschieden, um mehr Zeit für deinen eigenen Verlag zur Verfügung zu haben. Aber du bist nie so richtig von der Serie weggekommen. Du hast ja die großartigen ersten zwei Bände der PERRY RHODAN-Chronik geschrieben. Wie war denn die Arbeit an diesen beiden Monumentalwerken?

Michael Nagula: UFF! (Sagt das genug ...? Uff ...) Es waren wirklich Monumentalwerke, was mir erst so richtig klar wurde, als ich für den Hannibal-Verlag erste Fassungen der Manuskripte erstellte.

Wie du weißt, gehen die Bände ja auf eine Artikelserie zurück, die ich mehrere Jahre lang für die 3. und 5. Auflage von PERRY RHODAN schrieb. Und es dauerte sehr viel länger, die vielen Einzeltexte alle zu aktualisieren, durch wichtige andere Themen, Fakten sowie Aussagen aus erster Hand zu ergänzen und in eine unterhaltsame Form zu bringen, die möglichst wenig Wiederholungen aufweist, als ich ursprünglich angenommen hatte.

Deshalb war mir schon sehr früh klar, dass ich die Folgebände für die Zeit nach 1980, die Eckhard Schwettmann plante, nicht würde übernehmen können. Ich hätte pro Buch mindestens ein halbes Jahr ansetzen müssen, in dem mir nichts anderes möglich gewesen wäre, als die neuen Bücher zu schreiben.

Hermann Urbanek hat diese leidvolle Erfahrung gemacht, und jetzt bekommt sie auch Eckhard selbst zu spüren, der gerade an Band 4 sitzt. Nicht, dass das Ergebnis nicht jede Minute wert wäre, aber man muss sich schon sehr genau überlegen, wie man das hinbekommen will. Eine Frage des Zeit-Managements eben ...

Aber du sagst es: Ich bin nie so richtig von der Serie weggekommen. Sie hat einen enormen Suchtfaktor – erst recht, wenn man sie, wie ich, mit der Muttermilch aufgesogen hat. Meine Tochter ist jetzt in der Pubertät, und mir ist klar geworden, wie sehr meine eigene Pubertät durch PERRY RHODAN geprägt wurde.

Ich stieß ja mit Band 1 der 3. Auflage dazu, im März 1973, als ich 13 war. Und verschlang noch in derselben Woche Heft 598 von William Voltz, gleich darauf ATLAN 77 von Willi. Die Figuren, die Handlung, die Autoren, das Gefühl, die Hefte in den Händen zu halten ... All das trägt zu einem Gesamteindruck bei, der mich stets von Neuem angezogen hat. Perry und Atlan sind literarische Familie, Willi Voltz, K. H. Scheer, Hans Kneifel, H. G. Ewers – das waren Menschen aus Fleisch und Blut, die ich teilweise schon sehr früh persönlich kennen lernen durfte. Das alles hat mich in der Zeit meiner pubertären Orientierungssuche geprägt, und so etwas schüttelt man nicht mehr ab.

Es bleibt einem zeitlebens erhalten, und deshalb kehre ich, wann immer sich mir die Gelegenheit bietet, wieder zu PERRY RHODAN zurück. Es ist nicht einfach irgendeine Heftserie. Es ist deutsche Literaturgeschichte, ein Zeugnis gesellschaftlichen Wandels, Unterhaltungsliteratur auf allerhöchstem Niveau, sogar schriftstellerisch für belletristische Verhältnisse absolut überdurchschnittlich und und und ... Es klingt vielleicht wie bloße Schwärmerei, aber es ist viel mehr – für Leser der ersten Stunde durch das Mondflug-Thema und den Kalten Krieg eine Offenbarung und ein Angststiller, für heutige Leser eine Vision der Menschlichkeit, Verheißung auf einen Platz im Kosmos – und einfach Kult!

Michael Marcus Thurner: Nun bekommen wir von dir PERRY RHODAN Band 2733 zu lesen. Wie ist denn dieser Gastroman zustande gekommen?

Michael Nagula: Was soll ich sagen? Ich hab Klaus N. Frick gefragt. Es juckte mich wieder in den Fingern, und der Initialzünder war (wie so oft) ein Garching-Con. Im Mai 2013 reiste ich viel herum, um einen neuen Autor meines Verlags zu betreuen und auf Veranstaltungen vorzustellen, und da er auch zwei Tage in München verbrachte, ließ ich es mir nicht nehmen, auf dem Con vorbeizuschauen.

Leider hatte ich nur einen halben Tag Zeit und wollte mich eigentlich nur an dem ganz besonderen Gefühl erfreuen, das sich einstellt, wenn man mit der literarischen Familie zusammen ist. Das ist wirklich was Einmaliges, was ganz Feines, wie Rotkraut und Kartoffelpüree bei Oma – einfach unendlich vertraut, bis in die frühe Kindheit hinein eben. Und ich war ganz begeistert, all die Fans wiederzusehen, und Uwe Anton und Leo Lukas und Klaus Bollhöfener und Uschi Zietsch nebst Mann und viele andere, die ich sonst bestenfalls auf der Buchmesse sehe. Ich hörte mir einige Veranstaltungen an, z.B. mit Christian Montillon, der sehr interessant über seine Arbeit bei den »Drei Fragezeichen« sprach (Leo war auch da mit seiner hinreißenden Tochter), war aber sonst eher inkognito, hatte mich ja auch nicht angekündigt.

Trotzdem haben mich einige Fans erkannt, immerhin noch nach sieben Jahren – darunter eine Dame, die mir erzählte, sie wolle so gerne mal wieder einen Roman von mir lesen, ob sich das nicht machen ließe? Ich freute mich darüber sehr, war aber etwas reserviert – auch weil das ja nicht meine Entscheidung ist, sondern die von Klaus Frick. Und mir ging durch den Kopf, dass kurz nach meinem Ausstieg schon Werner Kurt Giesa erklärt hatte, ich sei sein Lieblingsautor bei PERRY gewesen, uuiiii, das war mir runtergegangen wie Sahne – und was mir denn eigentlich einfiele, da einfach so auszusteigen! Ich möge sofort wieder in die Tasten hauen! Nun, da gab es also schon zwei, die wieder etwas von mir lesen wollten (Werner liest ja von »oben« weiter mit, das weiß ich, ich kenne ihn doch ...).

Und als mir der Gedanke auch nach drei Tagen zuhause immer noch im Kopf herumspukte, mailte ich Klaus einfach mal an, wie es denn mit einem Gastroman wäre. Er antwortete, die Leserin hätte sich schon bei ihm gemeldet und auf einen Gastroman von mir gedrungen (wow!), und es würde gerade gut passen und ja, warum nicht ... Er habe dieses Wochenende ohnehin ein Treffen mit den Expo-Leuten Christian und Wim, da werde er das mal ins Gespräch bringen und ... nun ja, ein paar Tage später hatte ich die Zusage.

(Soviel zu Teil eins des Interviews. Der zweite Teil folgt morgen.)