»Meister der Sonne« – eine neue NEO-Staffel (Teil zwei) Ein Zwiegespräch zwischen Rüdiger Schäfer und Michael H. Buchholz

7. Oktober 2016

Anmerkung der Redaktion: Zwei Autoren sind für die Exposés von PERRY RHODAN NEO verantwortlich – Rüdiger Schäfer und Michael H. Buchholz haben mit Band 101 diese Arbeit übernommen und prägen seitdem die »zweite Epoche« der Serie. Mit Band 131 steigen die beiden Autoren in eine neue Handlungsstaffel ein, die den Namen »Meister der Sonne« trägt.

In einem per Mail geführten Zwiegespräch erinnern sie sich an die Vorarbeiten ... wegen seiner Länge bringen wir das Gespräch in zwei Teilen. Gestern war Teil eins dran, heute kommt Teil zwei.


Michael H. BuchholzMichael H. Buchholz: Gerade die Brüche machen NEO so unverwechselbar. Und geben unserer Serie überhaupt erst ihr eigenes Profil. NEO ist nun mal ein anderes, nicht ganz paralleles Universum, in dem die Dinge vielleicht ähnlich starteten, aber sich schon von Anfang an unter deutlich anderen Vorzeichen vollzogen.

Frank Borsch ist da ja mit gutem Beispiel vorangegangen. Ich finde es hochspannend, beim Lesen wie beim Schreiben, einerseits die Geschichte z. B. der Meister der Insel aus der Erstauflage zu kennen, und andererseits zu erleben, wie das scheinbar Gleiche ganz anders – und damit überraschend – daherkommen wird.

Rüdiger Schäfer: Was mich immer wieder fasziniert ist der Umstand, dass sich eine Staffel auch noch während der Erstellung der Einzelexposés stark verändern kann. Es kommt durchaus vor, dass wir dem ein oder anderen Autoren, der bereits an der Arbeit sitzt, neue Regieanweisungen oder zusätzliche Szenen schicken müssen, damit sich die verschiedenen Puzzleteile am Ende wie gewollt zusammenfügen.

Rüdiger SchäferNatürlich halten wir uns weitgehend an das Gesamtkonzept, zumal wir das ja auch mit der Redaktion abgestimmt haben, aber es gibt eben immer wieder Situationen, deren Tragweite und Bedeutung einem erst klarwerden, wenn man sich intensiv mit ihnen auseinandersetzt. Das geht einem Autor ganz ähnlich, wenn er ein Exposé liest, dann aber erst während des Schreibens merkt, dass dieses oder jenes nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hat.

Auch wenn NEO in seiner Struktur deutlich stärker auf abgeschlossene Zehnerblöcke abstellt und die Komplexität der Erstauflage nach Möglichkeit vermeidet, haben wir es inzwischen mit einem überwältigenden Daten- und Faktenberg zu tun, der praktisch täglich anwächst. Aber ich denke, das ist genau das, was die PR-Leser so lieben (zumindest war das bei mir früher so). Dieses schöne Gefühl, Vertrautes immer wieder in neuen Variationen zu erleben.

Bei NEO dürfen wir diesbezüglich eine Spur wagemutiger sein und – zum Beispiel – auch mal die ein oder andere Hauptfigur über die Klinge springen lassen, ohne gleich einen galaxisweiten Shitstorm auszulösen …

Michael H. Buchholz: Ich erinnere mich, bei einer der besten TV-Serien der letzten Jahrzehnte (ich meine hier die Serie »24«) gelesen zu haben, dass allen Akteuren beim Dreh eines stets bewusst war: Niemand ist sicher. Es kann jederzeit jeden (außer Kiefer Sutherland) treffen. Spiele also immer so, als sei heute dein letzter Drehtag ...

Auf unsere NEO-Verhältnisse übertragen könnte das heißen: Liebe deine Lieblingsfigur jetzt! Du weißt nicht, ob du es morgen noch kannst ...

Das wirkt sich auch positiv auf uns Autoren aus, glaube ich. Jeder Autor wird seine Lieblingsfiguren immer so fördern und fordern, als wäre dies der letzte Roman, in dem sie auftreten dürfen. Und für die Leser bleibt es spannend, weil die alte Serienregel nicht mehr gilt. Die Hauptpersonen überleben eben nicht zwangsläufig. Sie sollen und müssen sich anpassen, sich verändern, Opfer hinnehmen, unter Umständen selber sterben. Und manchmal haben sie einfach Pech. Fast wie im richtigen Leben.

Mich persönlich fasziniert noch ein weiterer Punkt, den ich ursprünglich gar nicht erwartet habe zu entdecken und den ich hier gern ansprechen möchte. Ich meine die Möglichkeit, innerhalb von NEO eigene kleine Mini-Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen, auch wenn die betreffenden Bände schon einige Nummern weit auseinanderliegen.

Das konnte ich mit der inneren Verbindung von Band 108 und Band 126 zum ersten Mal leisten, die beide Reginald Bulls Erlebnisse um den Attentäter Debur ter Calon auf der Erde fortschreiben. Und auch mit einem weiteren »Romanpaar« konnte ich so vorgehen. So habe ich in Band 116 ja Atlans Abenteuer im Wilden Westen des Jahres 1864 angerissen.

Mit Band 133 habe ich jüngst freudig die Gelegenheit ergriffen zu schildern, was sich sozusagen im Off des Bandes 116 abgespielt hat. Deren Auswirkungen Atlan zwar erlebt hat (das Beinahe-Zusammentreffen mit dem Outlaw Billy Ray Dawson, das überraschende Auftauchen sowohl jener mysteriösen Frau als auch des Pteranodons), deren Ursachen sich seinem Verständnis aber vollständig entzogen. Insofern stellt Band 133 eine Fortsetzung der Geschehnisse von 116 dar, was ich sowohl spannend wie auch erzählerisch sehr reizvoll finde.

Wie es sich zeigen wird, war jene scheinbar in sich abgeschlossene Wildwestepisode aus Atlans reich bewegtem Leben keine nebensächliche Anekdote, sondern vielmehr eine Art kosmischer Schmelzpunkt vieler Handlungsfäden, die nun erst in ihrer vollen Tragweite offenbar werden. Diese inneren Verbindungen von Geschehnissen fügen dem größeren NEO-Ganzen einen zusätzlichen, eigenen Reiz hinzu, wie ich finde. Ich hoffe sehr, vor allem auch zur Freude unserer Leser.