»Freundschaft mit dem Erben des Universums« – Teil drei Michael Marcus Thurner interviewt Robert Corvus

1. Oktober 2015

Er startete zuerst bei PERRY RHODAN NEO durch, bevor er bei PERRY RHODAN-Stardust auf sich aufmerksam machte: Robert Corvus machte sich einen sehr guten Namen bei den Lesern der größten Science-Fiction-Serie der Welt. Mit seinem Doppelband, der mit den Nummern 2824 und 2825 erscheint, landet er jetzt auch in der Hauptserie.

Der PERRY RHODAN-Autor Michael Marcus Thurner ergriff die Chance und interviewte den Kollegen. Weil die Antworten so informativ und ausführlich ausfielen, bringen wir das Interview in drei Teilen. Vorgestern kam der erste Teil an der Reihe, gestern war es Teil zwei, heute ist der dritte und letzte Teil dran.

Mic»Die Schattenherren I: Feind« von Rober Corvushael Marcus Thurner: Lass mich als interessierter Kollege noch einige allgemeine Fragen zu deinen Arbeitsweisen stellen: Es gibt Autoren, die wild drauflosschreiben und intuitiv arbeiten und solche, die von Anfang an strukturiert und nach einem dichten Exposé vorgehen. Wo würdest du dich eher einordnen?

Robert Corvus: Ich denke viel über meine Arbeit nach und lese auch eine Menge Schreibratgeber, die ich aber schlecht behandele. Sie fliegen wild durchs Zimmer, ich schimpfe mit dem Verfasser (der mich glücklicherweise nicht hört), hole den Ratgeber zurück, lese die Passage nochmals, komme zu dem Schluss, dass die getroffene Aussage wohl doch nicht so dumm ist, und lese weiter. Wegen dieser zwischenzeitlichen Tobsuchtsanfälle wäre ich ein sehr anstrengender Teilnehmer in einem Schreibseminar, wie du sie anbietest, was ich selbst schade finde, weil ich dort anderenfalls sicher eine Menge hätte lernen können.

Jedenfalls ändere ich meine Arbeitsweise von Buch zu Buch ein bisschen. Meine Erstlinge »Angriffskrieg« und »Sanguis B. – Vampire erobern Köln« habe ich einfach drauflos geschrieben. Ich glaube, das ist auch das, was man am besten tun kann, wenn einem Handwerkszeug und Erfahrung fehlen. Das strukturierte Arbeiten muss man lernen, aber damit man die Lektionen versteht und einordnen kann, muss man vermutlich zunächst einmal wissen, wie es sich anfühlt, einen längeren Text zu schreiben.
»Grauwacht« von Robert Corvus
Ich habe dann mit vielen Techniken experimentiert. Ich habe Ablaufpläne mit einem Programm erstellt, das eigentlich für Geschäftsdiagramme gedacht ist, und meinen Schreibfortschritt mit einer Tabellenkalkulation nachgehalten (bis heute muss ich mich in dieser Hinsicht selbst überlisten, um das Elend der Rohfassung durchzustehen). Ich habe es mit Exposés probiert, die mir aber zu unübersichtlich waren. Später habe ich Konzeptionssoftware entdeckt, die speziell für Autoren gedacht ist, zunächst StorYBook, dann yWriter. Letzteres benutze ich heute noch für meinen Szenenplan. Ich glaube, unser NEO-Kollege Gerry Haynaly verwendet es ebenfalls.

Generell ist für meine Arbeit der Szenenplan wichtiger als das Exposé. Bei meinen eigenen Buchprojekten ist das Exposé Teil des Verkaufspakets. Wenn der Vertrag unterschrieben ist, schaue ich kaum noch hinein, weil das für mich Wichtige im Szenenplan steht. Bei PERRY RHODAN übersetze ich das abgestimmte Exposé in einen Szenenplan, bevor ich mit der Rohfassung beginne.

In den vergangenen Jahren habe ich immer detailliertere Szenenpläne erstellt, aber bei meinen letzten beiden Buchprojekten habe ich festgestellt, dass ich dabei übers Ziel hinausgeschossen bin. Während des»Drachenmahr« von Robert Corvus Schreibens ergeben sich viele Dinge, die ich nicht vorhergesehen oder für Nebensächlichkeiten gehalten habe. Das kann ebenso eine Bemerkung in einem Dialog sein wie ein Detail bei einem Einrichtungsgegenstand, das mir dann nicht mehr aus dem Kopf geht und für die Handlung wesentlich wird.

Darum schreibe ich die Szenenpläne immer wieder um, und zwar umso umfassender, je weiter sich die Szenen am Ende der Handlung befinden. Ich kehre deswegen ein Stück weit zu meiner früheren Arbeitsweise zurück und möchte künftig nur noch die ersten Szenen und einige Wendepunkte detailliert ausarbeiten, zum Ende hin aber vieles offen lassen und darauf vertrauen, dass die Geschichte ihren eigenen Weg zum Ziel finden wird.

Michael Marcus Thurner: Legst du mehr Wert auf die Erzählung einer Geschichte, oder bist du eher auf die Figuren fokussiert?

Robert Corvus: Das widerspricht sich in meiner Wahrnehmung nicht. Bei der Typisierung von Geschichten überzeugt mich eine Einteilung, die ich bei Orson Scott Card gefunden habe. Er schreibt, der Haupttreiber einer Geschichte liege in einem von vier Bereichen: einer besonderen Idee (zum Beispiel einem Rätsel – typischerweise bei einem Krimi), einer Figur (wenn der innere Antrieb entscheidend ist – oft bei einer Romanze), einem Milieu (wenn ein besonderes Setting die Geschichte determiniert – bei Fantasy und Science Fiction meistens der Fall) oder einem extremen Ereignis (etwa bei einer Katastrophengeschichte um einen Vulkanausbruch). Die ersten drei Treiber sind in jeder Geschichte vorhanden, aber in unterschiedlichem Mischungsverhältnis. Ohne Figuren kann man keine Geschichte erzählen, und deswegen sind sie stets wichtig.

Ich glaube aber, dass man alles überziehen kann, so auch das »character driven writing«. Das wurde eine Zeit lang als das Nonplusultra dargestellt, vermutlich, weil man hier eine gut strukturierte Methodik anbieten kann und diese Art, Geschichten zu erzählen, deswegen besonders theoriefähig ist, also ein dankbares Terrain für Ratgeber und Lehrer. In meiner Wahrnehmung schwingt das Pendel hier seit ein paar Jahren zurück, weil man es einfach damit übertrieben hat, jede Nebenfigur auf die Couch zu legen und nach ihrer Kindheit zu befragen.

Ich habe verschiedene Typen von Geschichten geschrieben. »Grauwacht« handelt von einem weltumspannenden Rätsel, das ist ein »idea driven plot«. »Schattenkult« würde sofort eine ganz andere Geschichte, wenn man auch nur eine Figur austauschen würde, das ist klar »character driven«. Die »Schattenherren«-Trilogie und »Drachenmahr« dagegen leben von ihrem Hintergrund, sie sind »milieu driven«. Ich habe in dieser Hinsicht also keine Präferenz, letztlich muss sich die Erzählweise – wie alles andere auch – der Geschichte unterordnen.

Michael Marcus Thurner: Ich meine gelesen zu haben, dass es das vorerst gewesen wäre mit deinen Beiträgen zu PERRY RHODAN und PERRY RHODAN NEO. Du würdest dich nun wieder deinen eigenen Projekten widmen. Stimmt das – und wird es denn eine Rückkehr geben?

Robert Corvus: Aus heutiger Sicht ist das richtig, aber als Freiberufler erblickt man mehr oder minder nah vor dem Bug immer eine Nebelbank. Aktuell habe ich drei Geschichten an Piper verkauft, die noch geschrieben werden wollen – bei der ersten ist immerhin gut die Hälfte der Rohfassung geschafft. Besonders freut mich, dass eines dieser drei Projekte ein Science-Fiction-Stoff ist. Nach meiner Erfahrung ist es besonders schwierig, als deutschsprachiger Autor eine solche Geschichte in einem Publikumsverlag zu platzieren. In der Tat hat das auch für mich als Piper-Hausautor drei abgelehnte Exposés (zwei weitere hatte ich zuvor selbst verworfen) und ein abgelehntes, vollständiges Schubladen-Manuskript gekostet, bevor ich einen Zuschlag erhalten habe.

Darüber hinaus arbeite ich gemeinsam mit Bernhard Hennen an der Romanadaption der »Phileasson-Saga«, einer epischen Rollenspielkampagne, die er zu Beginn seiner Karriere für »Das schwarze Auge« entwickelt hat. Die Grundhandlung ist ein Wettrennen um den Kontinent Aventurien, bei dem die konkurrierenden Kapitäne in Ereignisse verwickelt werden, die größer sind, als irgendjemand am Anfang der Reise voraussehen konnte. Der Reisecharakter gibt dem Leser eine gute Möglichkeit, viele Facetten der erfolgreichsten Fantasywelt des deutschsprachigen Raums kennenzulernen.

Insgesamt bin ich damit bis 2017 ausgelastet, wenn alles nach Plan verläuft.

Da sich die Realität aber grundsätzlich nie an Pläne hält, vermute ich, dass sich Freiräume ergeben werden. Wenn das geschieht, werde ich auch wieder bei PERRY RHODAN anklopfen – und falls die Redaktion dann einen Platz auf einem Kugelraumer (oder auch in einer Posbi-BOX) freihaben sollte, werde ich gern wieder eine Gastkabine buchen.