»Autoren mit Sendungsbewusstsein finde ich meist unlesbar« Ein Interview mit Kai Hirdt

27. März 2015

Innerhalb kürzester Zeit erscheinen ein Roman und eine Erzählung aus dem Universum von PERRY RHODAN NEO, die ein »neuer« Autor verfasst hat. Gemeint ist Kai Hirdt, der mit Band 92 seinen ersten Roman für PERRY RHODAN NEO verfasste und von dem die Erzählung »Rhodans Geschenk« aus dem dritten Band der Platin Edition stammt.
Grund genug, mit dem Autor ein kurzes Interview zu führen, in dem es um seine aktuelle Arbeit sowie einige weitergehende Themen geht. Die Fragen stellte Klaus N. Frick.

Klaus N. Frick: »Auroras Vermächtnis« ist dein erster Roman für PERRY RHODAN NEO. Was ist das für ein Gefühl, wenn man das Manuskript abgegeben hat?

Kai Hirdt: Ich bin einfach mächtig stolz!

Klaus N. Frick: Fiel es dir schwer, dich in das Universum von PERRY RHODAN NEO einzuarbeiten?

KaNEO-Cover Band 92 von Dirk Schulzi Hirdt: Gar nicht. Ich lese NEO sehr gerne. Ich finde es spannend, was entsteht, wenn man das bekannte Perryversum so gegen den Strich bürstet. Aber ich lese die Romane jetzt natürlich mit einem ganz anderen Blick. In NEO 89 haben Michael H. Buchholz und Rüdiger Schäfer beispielsweise die NAS’TUR II zu Klump geschossen. Früher hätte ich mir nur gemerkt »Ok, Schiff kaputt«, aber leider spielt ein Teil meiner Geschichte in dem Wrack. Und da musste ich halt ganz genau wissen, was hinüber war.

Klaus N. Frick: Du hast bislang viele Texte für PERRY-Comics geschrieben. Ist es ein großer Unterschied zu PERRY RHODAN NEO, was die inhaltliche Richtung angeht?

Kai Hirdt: Schon. Zwar nehmen die PERRY-Comics und NEO beide bekannte Elemente aus dem Perryversum und mischen sie neu. Aber die Comicgeschichten sind einfacher. Auf 160 Seiten Roman kann man mehr Tiefe erreichen als in einer 26-seitigen Bildergeschichte. Außer man heißt Neil Gaiman, der kriegt das auch im Comic hin.

Klaus N. Frick: Und wie sieht es mit dem Stil aus? Ein Comic ist ja eine ganz andere Sache als so ein Roman.

Kai Hirdt: Da liegt der Hauptunterschied. Die Comics sollen amüsant sein – zwar auch spannend, aber nicht mit dem gleichen Anspruch auf Ernsthaftigkeit wie die Erstauflage oder NEO. Wir haben in den PERRY-Comics eine ganze Menge Schenkelbrecher und komplett sinnlosen Sex drin, was beides in den Romanen meiner Ansicht nach nichts verloren hätte.

Klaus N. Frick: Inwieweit waren dir deine bisherigen Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit behilflich, was diesen Roman anging?

Kai Hirdt: Ich habe acht Jahre als Public-Relations-Berater gearbeitet, bevor ich dieses Manuskript verfasst habe. Das fließt schon ein. Es gibt mehrere Hauptfiguren, die moderne Medien einsetzen, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen, und die ihr Handeln stark vom öffentlichen Eindruck leiten lassen. Diese Entwicklungen waren vom Exposé gefordert, aber ich habe wahrscheinlich ein bisschen genauer auf diese Mechanismen geschaut. Außerdem: Wenn ich meine Figuren ernst nehmen will, können sie ja nicht völlig unvernünftig handeln – und für mich ist es vernünftig zu überlegen, wie die Umwelt auf Aktionen reagiert.

Klaus N. Frick: Lass uns mal zum eigentlichen Roman kommen, genauer gesagt, zu einem politischen Thema: Die Rede des Generals vor dem Washington Memorial ist sehr wuchtig – hast du dich da an historischen Vorbildern orientiert?

Kai Hirdt: Am übelsten Beispiel, das man sich vorstellen kann. Ich schreibe über eine Welt, die auf einen Krieg zusteuert – und mehrere Akteure auf beiden Seiten wünschen sich diesen Krieg und tun alles, damit das große Morden beginnt. Mit diesem Ziel hält der General auch seine Hetzrede, und die Menschen jubeln ihm zu. Ich kann mir so etwas aber schlecht ausdenken, weil dieses kriegsgeile Gehabe so weit weg ist von meiner eigenen Weltsicht.

Also habe ich beim schlimmsten Stück Volksverhetzung der Menschheitsgeschichte nachgeschaut, wie das geht: bei Goebbels’ Sportpalastrede. Das Erschreckende war, dass viele Sätze der Rede auch für mein Szenario funktionieren – ersetze Bolschewismus durch Arkoniden, sonst musste ich gar nichts ändern! Und so steht in dem Roman jemand an der Stelle von Martin Luther Kings »I have a dream«-Ansprache und peitscht die Menschen mit dieser fürchterlichen Rede auf. Gruselig.

Klaus N. Frick: Heißt das, dass du beim Schreiben eines Unterhaltungs- und Science-Fiction-Romans auch eine politisch-gesellschaftliche Botschaft vermitteln willst?

Kai Hirdt: Neinneinneinneinneinneinnein! Autoren mit Sendungsbewusstsein finde ich meist unlesbar. Ich bin allerdings ein politisch denkender Mensch, und ich habe ziemlich klare Positionen und Wertvorstellungen. Friedliches Zusammenleben ist doch eine erstklassige Idee … Und die Frage, warum die Menschen immer wieder daran scheitern, beschäftigt mich schon. Das schimmert sicher immer mal durch.

Klaus N. Frick: In deinem Roman konntest du ja auch die Welt New Earth beschreiben, praktisch die erste Kolonie der Menschen in unserer neuen Serie. Was war dir dabei wichtig?

Kai Hirdt: New Earth war spannend. Ich hatte natürlich alle Fakten zu dem Planeten aus dem Exposé: kalte Welt, nur am Äquator bewohnbar, rote Sonne. Aber das war nicht so recht lebendig. Dann hatte ich an einem Nachmittag – vollgefressen von der Weihnachtsgans meiner Eltern – auf einmal das Bild von dem Berg neben der Stadt vor Augen, dessen schneebedeckte Spitze nicht weiß, sondern natürlich rot leuchtet …

Und ab dann ist ganz viel von selbst passiert. Wie macht man unter einer roten Sonne weißes Licht? Wie schafft man Tag-und-Nacht-Rhythmus in einer Stadt, in der die Sonne zehn Tage nicht untergeht? Eine Frage hat zur nächsten geführt, und es ist eine für mich selbst sehr anschauliche und lebendige Welt entstanden. Aber auch auf dieser Welt kommt es zu Ärger, denn leider stehen Naats und Ferronen den Menschen kein Stück darin nach, sich selbst das Leben schwer zu machen.

Klaus N. Frick: Vielen Dank für das Interview.

(Wer übrigens mehr über den Autor und sein Werk wissen möchte, schaue auf seiner Website vorbei oder informiere sich auf seiner Facebook-Seite.)