Logbuch: Phantastische Kurzgeschichten in Wolfenbüttel – Teil 1

13. September 2012

Das Schloss in der kleinen Stadt Wolfenbüttel sieht bei schönem Wetter noch besser aus als sonst. Davon konnte ich mich am Wochenende vom 31. August bis 2. September 2012 überzeugen. Ich war zusammen mit Uwe Anton als Dozent dort – in der Bundesakademie für kulturelle Bildung finden bekanntlich seit den 90er-Jahren Seminare für angehende Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller statt.

Wir tagten im Schloss der Stadt, in dem zu diesem Zeitpunkt eine Art Ritter-Show für Kinder veranstaltet wurde. Zelte waren aufgebaut worden, Kinder stromerten durch das Gelände, es herrschte bei strahlendem Sonnenschein richtig gute Stimmung. Uwe Anton und ich saßen mit einem Dutzend Autorinnen und Autoren im sogenannten Chorsaal, wo wir über Kurzgeschichten diskutierten, und versuchten, ihnen die richtigen Tipps zu geben.

Ein Zitat aus der Ausschreibung belegt, in welch vielfältige Richtungen wir gehen wollten: »Phantastische Welten ... auf denen noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Orks fordern Verständnis für ihre Lebensweise, Zombies ziehen durch die Straßen, Vampire verlieben sich in Sterbliche, Raumschiffe besuchen ferne Planeten. Das Spektrum der phantastischen Literatur ist breiter denn je. Deshalb ist das Spektrum des Seminars sehr breit: Es geht um kurze Geschichten in den Genres Fantasy, Horror und Sciencefiction.«

Im Voraus hatten die Teilnehmer dieses Seminars eine phantastische Geschichte  eingereicht. Diese Geschichten wurden kopiert und zu einem Reader aufgebunden, den jeder vor dem Seminar erhielt – und am Freitagabend begannen wir gleich damit, die erste Geschichte zu besprechen. Wir schauten uns an, welches Thema die Autorin bearbeitet hatte, wo die Stärken und Schwächen des Textes lagen und was man besser machen könnte.

Am selben Abend stellten wir den Teilnehmern eine erste Schreibaufgabe. »Stellt euch vor, eine schreckliche Seuche hätte Deutschland komplett entvölkert. Nur wenige Menschen haben überlebt, höchstens ein Promille der Bevölkerung. Beginnt eine Geschichte, die mit diesem Status arbeitet, und schreibt die ersten fünf Sätze. Es kann Science Fiction, Fantasy oder auch Horror sein.«

Warum stellten wir eine solche Aufgabe? Wir hatten nach der Lektüre der Geschichten den Eindruck erhalten, dass die meisten Autoren mit dem Anfang eines Textes ihre Probleme hatten. Daran wollten wir sofort arbeiten, vor allem, nachdem wir in einer Einleitung dargestellt hatten, wie man einen solchen Anfang möglichst gut verfassen konnte.

Unter einem ziemlich schlimmen Zeitdruck – rund eine halbe Stunde – mussten die Teilnehmer den Text schreiben; die Ergebnisse wurden hinterher sofort vorgelesen und in der Runde diskutiert. Es gab für manchen ein »Aha!«-Erlebnis, auch für mich: Die meisten Texte waren besser als das, was die Autorinnen und Autoren im voraus eingereicht hatten.
So endete der Freitagabend, 31. August, mit konzentrierter Textarbeit. Wer wollte, konnte hinterher in halb-privatem Rahmen weitermachen: Bei Bier und Wein und anderen Getränken zogen sich die Dozenten sowie der Großteil der Seminarteilnehmer in eine bequeme Sitzecke zurück. Dort wurde bis spät in die Nacht über alle möglichen Themen diskutiert.

Kein Wunder, dass am Samstagmorgen, 1. September, einige recht müde wirkten. Wir besprachen weitere Texte aus dem Reader, gingen dort wieder verstärkt auf die Anfänge ein. Es stellte sich heraus, dass viele der Teilnehmer durchaus ihre Schwierigkeiten damit hatten, im begrenzten Raum einer Kurzgeschichte ihre Figuren darzustellen. Also entschlossen wir uns, mit einer weiteren Übung zu starten.

Aber das ist dann ein Thema für das morgige Logbuch der Redaktion ...

Klaus N. Frick