Logbuch: Palast der Intrigen – Teil 1 Ein Werkstattbericht von Rüdiger Schäfer

18. Dezember 2013

Drei Wochen süßes Nichtstun! Mitte August hatte ich das Manuskript für PERRY RHODAN NEO Nr. 52 fertig und auch die Bearbeitung des zehnten ATLAN-Taschenhefts abgeschlossen. Sabine Kropp war in den wohlverdienten Urlaub verschwunden, und Neokrat Frank Borsch hatte mir zwar einen weiteren NEO-Roman zugesagt, würde das Exposé jedoch nicht vor Anfang September liefern. Nach fast neun Monaten Schreibspaß, Korrekturarbeit und Terminstress am Stück konnte ich tatsächlich mal wieder die Hände in den Schoß legen und durchatmen.

Natürlich war ich über die schlechte Nachricht von der Einstellung der ATLAN-Taschenhefte mit Band 10 (die den Fans zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt war) alles andere als begeistert. Mein persönliches Ziel von mindestens zwölf Ausgaben hatte ich auch nicht erreicht. Andererseits kenne ich den unsterblichen Arkoniden gut genug, um zu wissen, dass er nicht totzukriegen ist – und das nicht nur wegen seines Zellaktivators. Ich war und bin sicher, dass er in der einen oder anderen Form zurückkommen wird, so, wie er das seit Jahrzehnten tut. Also genoss ich die freie Zeit und freute mich wie ein kleiner Arkonide auf meinen nächsten NEO, zumal ich inzwischen wusste, dass ich Band 60 bekommen würde, den krönenden Abschluss der Arkon-Staffel.

Ende August klingelte eines sonnigen Nachmittags das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war Klaus N. Frick, der mich zu meiner Überraschung fragte, ob ich nicht doch noch die ATLAN-Taschenhefte 11 und 12 bearbeiten könne. Zwar blieb die Einstellung der gedruckten Bände bestehen, doch im E-Book- und Hörbuchbereich wolle man aufgrund verkaufter Zwölfer-Abonnements noch das Dutzend vollmachen. Selbstverständlich konnte ich den alten Beuteterraner (gemeint ist hier Atlan, nicht Klaus Frick!) nicht im Stich lassen, auch wenn mir klar war, dass dadurch meine Arbeit an NEO 60 weit weniger entspannt als erwartet verlaufen würde.

Frank Borsch lieferte den ersten Exposé-Entwurf gewohnt schnell, und nach der üblichen telefonischen Diskussion und einem regen Ideenaustausch hatte ich in der zweiten Septemberwoche meine fertige Vorgabe.

Im Prinzip bestand mein Roman aus zwei Handlungsebenen. Zum einen waren Perry Rhodan, Ishy Matsu, Iwan Goratschin und Chabalh mit dem auf Iprasa aufgegabelten Onat da Heskmar im Gos'Khasurn, also dem Kristallpalast, auf Arkon I unterwegs. Hier stand also die Suche nach dem Epetran-Archiv aus der Sicht unserer Helden im Vordergrund, die nach einer gefühlten Ewigkeit endlich am Ziel aller Träume und Wünsche angelangt waren. Zum anderen hatte ich mit dem jungen arkonidischen Gardisten Aletai ter Irale eine Figur zur Verfügung, mit der ich den Palast aus dem Blickwinkel eines seiner Bewohner, also aus der Innensicht, beschreiben konnte.

Ich bin ehrlich: Ein bisschen nervös war ich schon; schließlich spielte Band 60 auf Arkon I, der Hauptwelt des Großen Imperiums. Aus den Diskussionen im PR-Forum wusste ich, dass viele Leser sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet hatten, und auch Frank Borsch ließ an seinen gehobenen Ansprüchen keine Zweifel aufkommen (Zitat aus dem Exposé: »Bitte den Palast in Full-HD-Breitwand-Cinemascope!«).

Wahrscheinlich bin ich in dieser Hinsicht noch immer mehr Fan als abgebrühter Profi, aber ich war angesichts der vor mir liegenden Aufgabe doch ziemlich unruhig. An den ersten beiden Kapiteln – die Ankunft auf Arkon I und der Anflug auf den Kristallpalast – saß ich fast eine Woche und nahm immer wieder Änderungen und Ergänzungen vor. Zu meiner Nervenberuhigung trug dann ausgerechnet Klaus N. Frick bei, sonst als gnadenloser Chefkritiker eher für schlaflose Autorennächte zuständig.

Als ich ihm meinen Titelvorschlag »Palast der Intrigen« schickte, den er in »Der Kristallpalast« umwandelte, bot ich unter anderem an, Coverzeichner Dirk Schulz mit den entsprechenden Beschreibungen des Gos'Khasurn aus meinem Roman zu versorgen, damit der sich ein besseres Bild machen konnte. Wenig später bedankte sich Klaus per E-Mail für die Auszüge und schrieb: »Übrigens liest sich die Sequenz auch gut; die gefällt mir richtig. Sehr schön!« Balsam für jede geschundene Schriftstellerseele …

Inzwischen stand ich bereits in Kontakt mit Oliver Plaschka, der nicht nur PR NEO 61 schreiben, sondern praktisch unmittelbar an meinen Roman anschließen und die Geschehnisse im Kristallpalast fortführen sollte. Klar, dass er brennend an meinen Ortsbeschreibungen und den Charakterisierungen der Figuren interessiert war. Wir hatten uns zwei Wochen zuvor auf dem NEO-Autorentreffen in Karlsruhe erstmals persönlich kennengelernt und dort eine intensive Zusammenarbeit vereinbart.

Zunächst galt es allerdings erst einmal PR NEO 57 zu lesen, denn an diesen schloss ich an. Christian Montillon war zwar ein bisschen spät dran und steckte noch mitten in der Arbeit, war aber sofort bereit, mir die Früchte seiner Bemühungen häppchen-, sprich kapitelweise zukommen zu lassen. Und so las ich »Epetrans Geheimnis« in täglichen Fortsetzungen – ein völlig neues NEO-Feeling.

Von dieser Art kollegialer Unterstützung begeistert (es gibt durchaus Autoren, die sich scheuen, die noch nicht überarbeiteten Rohfassungen ihrer Texte verfügbar zu machen), bot ich Oliver ein identisches Vorgehen an, und schickte ihm fortan alle zwei bis drei Tage ein bis zwei Kapitel meines eigenen Meisterwerks. Sein unmittelbares Feedback hat mir dabei übrigens sehr geholfen, denn er sparte dankenswerterweise weder mit Lob noch mit Kritik. Bis Ende Oktober tauschten wir jeweils über vierzig E-Mails mit Kommentaren, Vorschlägen, Tipps und Anmerkungen aus, und ich bin sehr sicher, dass mein Roman dadurch an Tiefe und Qualität gewonnen hat.

(Teil 2 folgt morgen.)

Rüdiger Schäfer