Logbuch: Hans wäre 80 geworden

11. Juli 2016

Zu den Autoren, die das PERRY RHODAN-Universum vor allem in den 70er-Jahren maßgeblich prägten, zählte Hans Kneifel. Der Autor hatte in dieser Zeit wohl seinen größten Einfluss, er brachte die damalige Popkultur – wenngleich in versteckter Version – in die Serie ein. Seine Helden tranken guten Wein, sie gingen in Kneipen und Bars, sie tanzten, und sie hörten die Musik ihrer Zeit.

Hans KneifelDamit waren seine Helden oftmals ein Spiegelbild dieses Schriftstellers. Als ich Hans richtig kennenlernte, war das irgendwann in den 80er-Jahren – wahrscheinlich beim WeltCon 1986 in Saarbrücken. Er saß an der Theke, ein Glas Calvados vor sich und eine Zigarette in der Hand. Er unterhielt sich mit anderen Menschen, später an diesem Abend auch mit mir, er war eloquent und unterhaltsam, er machte Witze und lachte gern über die Späße anderer Menschen.

Am 11. Juli 2016 würde der Autor seinen achtzigsten Geburtstag feiern – und ich bin sicher, dass es eine gesellige Runde mit guten Getränken und ausufernden Gesprächen geworden wäre. Leider starb Hans Kneifel schon am 7. März 2012, und sein Tod traf uns damals wie ein Schock. Hans stand immer mitten im Leben, er war »gut drauf«, um diese Floskel zu bemühen, und strahlte gewissermaßen vor positiver Energie.

Dabei waren seine Kindheit und Jugend sicher nicht einfach. Wer in Oberschlesien geboren worden war und durch die Wirren des Krieges nach München verschlagen wurde, musste sich in den ersten Lebensjahren sicher ziemlich einschränken. Darüber sprach er nie, zumindest nicht mit mir. Hans Kneifel erzählte durchaus »Geschichten von früher«, mit augenzwinkerndem Humor und viel Freude. Den Krieg und die Nachkriegszeit ließ er weg.

Im Nachhinein bedauere ich sehr, dass ich mit ihm kein längeres Interview geführt hatte; bei Walter Ernsting war mir das vergönnt. Hans Kneifel hatte eine eigene Art, Science Fiction zu schreiben, und diese wurde sicher durch seine persönlichen Erfahrungen geprägt. Wenn er beispielsweise das Leben in Atlan Village schilderte, den Künstler- und Studenten-Stadtteil von Terrania, so erinnerte das an den Münchener Stadtteil Schwabing, in dem vor allem in den 70er-Jahren das Leben pulsierte.

Hans Kneifel lebte gern abwechslungsreich; er war in den Kneipen und Bars seines Viertels unterwegs, seine Romane schrieb er häufig nachts und in einem unglaublichen Tempo. Es kam ihm nicht auf wissenschaftliche Exaktheit an, er wollte Stimmungen vermitteln und eine spannende Handlung erzählen. Wer farbenprächtige Science Fiction liebte, war bei ihm an der richtigen Adresse. Wer es wissenschaftlich exakt wollte, konnte mit Hans Kneifels Romanen oftmals nicht viel anfangen.

Dass ihm die Figur des Arkoniden Atlan so ans Herz wuchs, hing damit sicher zusammen. Atlan strandet auf der Erde, rund 8000 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, und muss sich zuerst mit Steinzeitmenschen herumschlagen, bevor er den Menschen beim Aufbau ihrer Zivilisation unterstützt. Er ist beim Bau der Pyramiden dabei, hilft Alexander dem Großen bei seinen Feldzügen und wehrt immer mal wieder Zugriffe von Außerirdischen auf die Erde ab.

Die sogenannten ATLAN-Zeitabenteuer wurden zu Kneifels Markenzeichen. Ihre Mixtur aus Science Fiction und historischem Roman war einmalig, und viele Leser liebten sie. Vor allem konnte der Autor hier seiner Phantasie freien Lauf lassen. Er schilderte Atlan als Genussmensch, ließ ihn in Ägypten und Mesopotamien, im fernen Osten und in Nordamerika die interessantesten Gerichte und Getränke zu sich nehmen – und selbstverständlich ließ Hans Kneifel seinen Helden sich überall in schöne Frauen verlieben.

Ganz nebenbei vermittelte er seine Sicht auf die Welt. Sie war nicht so technisch wie ein großer Teil des PERRY RHODAN-Universums, sondern sie war von »Wein, Weib und Gesang« geprägt, wirkte dadurch viel lebensnaher.

Der Autor sammelte beim Schreiben seiner ATLAN-Zeitabenteuer übrigens die Erfahrungen, die er später für das Verfassen seiner historischen Romane benötigte. Durch Werke wie »Babylon – Das Siegel des Hammurabi« oder »Hatschepsut« wurde er in den 90er-Jahren einem breiten Leserkreis bekannt.

Denke ich heute an Hans Kneifel zurück, der 80 Jahre alt geworden wäre, erinnere ich mich an einen stets gut gelaunten Erzähler, der durch seine Figuren lebte. Oft hatte ich das Gefühl, in den Helden, die er schilderte, ein Stückchen des »echten Kneifels« wahrzunehmen. An diesen Figurenschöpfer werde ich heute besonders denken – aber auch in Zukunft immer wieder.


Klaus N. Frick