Logbuch: In Erinnerung an Hans Kneifel

26. März 2012

Die überraschende Nachricht vom Tod Hans Kneifels hat mich erschüttert: Zuerst erfuhr ich, dass er im Krankenhaus liege, zwei Tage später kam bereits die Mitteilung, dass er verstorben sei.

Der Autor, mit dem ich zuletzt im Februar telefoniert hatte, war mir über Jahrzehnte hinweg ein Begleiter. Als Jugendlicher las ich seine Romane, als Redakteur arbeiteten wir intensiv zusammen. Zuletzt hatten wir darüber gesprochen, inwiefern es möglich sei, die ATLAN-Zeitabenteuer im Jahr 2012 oder 2013 erneut in den Handel zu bringen, vielleicht in Form von Taschenheften oder in einer schönen E-Book-Version.

Als jugendlicher PERRY RHODAN-Leser und in den späten 70er-Jahren gehörten die Kneifel-Romane zu meinen Favoriten. Ich litt und kämpfte mit Sandal Tolk, ich reiste mit Vivier Bontanier durchs All, ich trank und liebte mit Atlan in den Jahrhunderten der Erde. Hans Kneifel hatte die Gabe, die »Nebensächlichkeiten« des Lebens so unterhaltsam und plastisch zu schildern, dass es mich nicht im Geringsten störte, wenn beispielsweise die Handlung des jeweiligen Romans nicht vorangetrieben wurde.

Im Herbst 1980 lernte ich Hans Kneifel sogar persönlich kennen. Es war eine einseitige Bekanntschaft: Auf dem PERRY RHODAN-WeltCon in Mannheim wechselte ich einige wenige Sätze mit dem Autor aus München. Für ihn war es die Begegnung mit einem x-beliebigen Fan, für mich war es das Zusammentreffen mit einem Idol meiner Jugend.

Irgendwann distanzierte ich mich von ihm. Anfangs der 80er-Jahre las ich gerne andere Science Fiction, und ich hatte die Figuren satt, die Hans Kneifel schuf. Seine Helden tranken gerne, sie rauchten gerne, sie gingen gerne mit »Mädchen« aus und hinterher auch mit ihnen ins Bett, und wenn ihnen ein Vorgesetzter blöd kam, dann reagierten sie mit flapsigen Sprüchen und »sarkastischem Grinsen«. In meinen Augen war das eine Ansammlung von Klischees, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Die Autoren, die ich zu dieser Zeit mochte, schrieben völlig anders.

Ich brauchte einige Zeit, bis sich mein Verhältnis zu dem Autor veränderte. Das begann zu Beginn der 90er-Jahre. Als junger PERRY RHODAN-Redakteur übernahm ich unter anderem die Betreuung der ATLAN-Buchreihe. Hans Kneifel hatte völlig andere Vorstellung von Art und Umfang der Reihe als der damalige Chefredakteur. Als neuer Kollege musste ich mich zwischen zwei Positionen stellen und versuchen, den möglichst besten Kompromiss dabei zu finden.

Die Telefonate, die wir in den Jahren 1992 bis 1994 führten, waren nicht immer einfach und vor allem nicht immer von großer Harmonie gekrönt. Aber wir näherten uns langsam an - vor allem, als ich endlich erkannte, dass genau das, was ich jahrelang an seinen Romanen nicht gemocht hatte, gewissermaßen sein Markenzeichen war.

Hans Kneifel überzeugte mich in den 90er-Jahren erneut, als er als Autor anspruchsvoller historischer Romane auf sich aufmerksam machte. Das wohl stärkste und erfolgreichste Werk dieser Tage war »Hatschepsut - die Pharaonin«, das als Hardcover im Franz Schneekluth Verlag, München, erschien. Ich las es, und ich tauchte bei der Lektüre dieses historischen Romans in die beeindruckende Welt des alten Ägyptens ein.

In seinem Roman entwarf der Autor ein glaubwürdiges Porträt der Pharaonin Hatschepsut und der Epoche, in der sie regierte. Als erste Frau auf dem Thron musste sie sich mehr anpassen als alle anderen Herrscher vor ihr; das ging so weit, dass die Herrscherin bei der Krönungszeremonie mit einem künstlichen Bart aufwarten musste. Hatschepsut kam als Halbwüchsige auf den Thron, sie hatte mit dem klammheimlichen Widerstand der Priester zu kämpfen und musste sich vor allem gegen Ende der Rivalität ihres Nachfolgers erwehren. Als sie bemerkte, wie sich ihre Zeit dem Ende näherte, zog die Pharaonin eine bemerkenswerte Konsequenz - und verschwand buchstäblich aus der Geschichte ...

Das faszinierende Panorama zog mich in seinen Bann, und seither las ich eine Reihe weiterer historischer Kneifel-Romane. Die Zeit, in der ungestüme Helden durch die Seiten seiner Romane ritten, war vorüber; Kneifels Helden waren jetzt eher nachdenkliche Charaktere - das fand ich aufs überzeugend und stark.

Und wir arbeiteten immer wieder zusammen: Hans Kneifel verfasste einzelne Bände für die Taschenbuch-Reihen, er schrieb PERRY RHODAN-Gastromane und steuerte Einzelbände zu den »neuen« ATLAN-Zyklen bei. Wie in den alten Zeiten, so spaltete sein Werk auch jetzt wieder die Leserschaft in Menschen, die es ablehnten, und Menschen, die es bejubelten.

Er wollte noch so viel schaffen, doch dazu ist es nicht gekommen. Ich hätte es spannend gefunden, mit ihm die angedachten Projekte zu verwirklichen - wir hatten beide Lust dazu, und ihm war die Begeisterung darüber anzumerken. Jetzt ist Hans Kneifel tot.

Was mir bleibt, sind seine Werke, und es bleiben die Erinnerungen an einen Autor, der streitbar war und eigensinnig, der einen wahrhaft eigenständigen Stil hatte und der sich nicht verbiegen ließ.

Klaus N. Frick