Logbuch: Eine Handvoll Ewigkeit – Teil 2 Ein Werkstattbericht zu PERRY RHODAN NEO Band 52 von Rüdiger Schäfer

5. September 2013

(Teil eins des Werkstattberichtes kam bereits gestern.)

Bevor ich mit dem Schreiben begann, machte ich mir diesbezüglich eine Menge Gedanken und Notizen. Schließlich sollte Rhodans Entscheidung über den Roman hinweg reifen und am Ende für den Leser nachvollziehbar sein. Keine Angst, ich werde im Rahmen dieses Werkstattberichts natürlich nicht verraten, ob unser Held den Zellaktivator schließlich anlegt oder nicht (ich werde also nicht spoilern, wie es neudeutsch heißt), aber wer Franks Jubelroman richtig interpretiert, der kann es sich denken.

Um Perry Rhodans Überlegungen in den richtigen Kontext zu stellen, hatte sich Frank die Missk ausgedacht, ein von den Arkoniden seit Jahrtausenden unterdrücktes Volk, dessen Angehörige sich durch extreme Kurzlebigkeit auszeichnen. Missk werden nur maximal fünf Jahre alt, besitzen also zwangsläufig eine völlig andere Einstellung zum Leben als beispielsweise Menschen oder Arkoniden.

Auch hier war eine Menge Gedankenarbeit zu leisten, um die Schwerpunkte richtig zu setzen und vor allem das Schicksal des kleinen Shy, eines vier Monate alten Missk-Jungen, in die richtige Balance zu bringen. Die Beziehung zwischen Perry und Shy durfte auf keinen Fall rührselig oder gar kitschig rüberkommen, und ich hoffe sehr, dass ich diese Aufgabe zur Zufriedenheit der Leser lösen konnte.

Die Nebenhandlung des Romans drehte sich erneut um Sergh da Teffron, nach zwei NEO-Romanen bereits meine absolute Lieblingsfigur. Als er in der Einstiegsszene den arkonidischen Regenten trifft, musste ich unwillkürlich an Darth Vader und den Imperator aus STAR WARS denken. Ich mag starke Antagonisten – und hier kamen gleich zwei davon in einer Szene zusammen.

Schließlich durfte ich mit Theta (namentlich natürlich angelehnt an die Imperatrice des Kristallimperiums Theta da Ariga aus der Erstauflage) eine neue Figur einführen, die den Lesern ebenso wie uns Autoren in Zukunft hoffentlich noch viel Freude bereiten wird. Die außergewöhnliche junge Dame ist eine Kurtisane, also – salopp formuliert – ein leichtes Mädchen, und sie hat einen Auftrag: den immerhin 160 Jahre alten Sergh da Teffron zu becircen!

Ich könnte mir vorstellen, dass ein solcher Plot – blutjunge Frau wirft sich betagtem Tattergreis an den Hals – vor dreißig oder vierzig Jahren noch von den Verantwortlichen im Verlag abgelehnt worden wäre. Heute ist das Gott sei Dank anders, und natürlich war mir von Anfang an klar, dass die entsprechenden Szenen zwar erotisch, aber auf keinen Fall geschmacklos oder sexistisch rüberkommen durften.

Während der Planungsphase des Romans hatte ich noch die Absicht, alle Theta-Szenen aus der Sicht der Arkonidin zu schildern, merkte aber schnell, dass das nicht funktionierte. Ich brauchte die Innenperspektive da Teffrons, um auf die komplexe politische Situation im Imperium reflektieren zu können. Um die Erzählperspektive so wenig wie möglich zu wechseln, entschied ich mich also, voll auf die Hand des Regenten zu setzen.

An den Reaktionen der Leser im Forum hatte mich vor allem gestört, dass Sergh da Teffron teilweise als klischeebehafteter Schablonen-Bösewicht wahrgenommen wurde. Da ich diesbezüglich gänzlich anderer Meinung bin, wollte ich der Figur noch mehr Tiefe geben und ihre innere Zerrissenheit sowie die Sehnsucht nach echter Anerkennung in den Vordergrund stellen. Letztendlich macht sich Theta diese Bedürfnisse ihres Opfers zunutze.

Das, was Perry Rhodan auf seinem Weg zum Raumhafen erlebt, durfte ich mir weitgehend selbst ausdenken. Wenn es dem Leser dabei also langweilig wird, nehme ich das auf meine Kappe. Auf jeden Fall hat es einen Riesenspaß gemacht, mit dem Titelhelden unterwegs zu sein, auch wenn uns immer ein kleines bisschen Nervosität begleitete: Ich wusste, wie streng Frank auf eine durchgängig stimmige Charakterisierung des Terraners achtete. Der Expokrat würde meinen fertigen Text als Erster lesen und entsprechend kritisch beurteilen.

Zwei Wochen vor meinem Abgabetermin traf das Manuskript von NEO 50 ein. Obwohl ich das Exposé schon kannte, lud ich den Roman sofort auf meinen Kindle und machte mich an die Lektüre. Frank hatte ein kleines Meisterwerk und vor allem einen würdigen ersten Jubelband abgeliefert. Nicht nur wegen des Knallers am Schluss, sondern vor allem, weil Perry Rhodan gewaltig an Profil zulegte und endgültig zu einem starken Protagonisten reifte. In solchen Augenblicken ist man als Autor immer ein bisschen neidisch und wünscht sich, auch mal so einen wichtigen und richtungsweisenden Roman verfassen zu können.

Inzwischen stand ich natürlich längst mit dem zweiten Oliver im Team, Oliver Plaschka, in Kontakt. War ich mit meinem NEO 44 noch auf seinen Input angewiesen gewesen, da er NEO 42 geschrieben hatte, wartete er diesmal auf meinen Text, denn er saß bereits an NEO 53, der direkt an meinen Band anschloss. Dabei war er insbesondere an meiner Darstellung der Rudergängerin Ihin da Achran interessiert, weil auch er intensiv mit dieser Figur arbeiten musste.

Klaus N. Frick fragte derweil an, ob ich mir schon Gedanken über den Titel meines neuen Bestsellers gemacht hätte. Auch ein paar Ideen zum Cover, die er an Dirk Schulz weitergeben konnte, wären nicht schlecht. Komischerweise hatte ich von Anfang an und noch bevor ich das erste Wort schrieb, die Zeile »Eine Handvoll Ewigkeit« im Kopf gehabt, denn letztlich ist ein Zellaktivator ja nichts anderes. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob der Titel in der Redaktion Zuspruch finden würde. PR 153 hieß einst »Eine Handvoll Leben«, ATLAN 465 trug 1980 den Titel »Eine Handvoll Freiheit«.

Für Klaus war das allerdings kein Hindernis. »Dass es bei ATLAN und PERRY RHODAN solche Titel schon mal gab, ist nicht störend«, schrieb er mir in einer E-Mail. »Wir haben es ja hier mit einer neuen Serie zu tun.«

Für das Cover schwebte mir das Bild einer menschlichen Hand vor, die den Zellaktivator an seiner Kette herunterbaumeln ließ; das alles vorzugsweise vor einem sternenübersäten Hintergrund. Zu meiner Freunde wurde auch dieser Vorschlag angenommen.

Punktgenau vor einem geplanten Vier-Tages-Trip nach London Ende Juni war ich fertig, konnte die Reise also mit freiem Kopf antreten. Frank freute sich ebenfalls, denn so war er in der Lage, mein Werk noch zu lesen, bevor er sich für zwei Wochen in den wohlverdienten Urlaub verabschiedete.

Nach meiner Rückkehr von der Insel konnte ich gleich mit dem unangenehmsten Teil der Arbeit an einem NEO-Roman beginnen – der Nachkorrektur. Nun, unangenehm klingt vielleicht ein bisschen zu sehr nach Unlust und Missvergnügen. So ist es aber eigentlich nicht. Natürlich würde man als Autor am liebsten hören, dass man den besten Roman abgeliefert hat, den Expokrat und Chefredakteur jemals gelesen haben, doch solche Wunschträume erfüllen sich nur im Märchen. Frank und Klaus fallen aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung und der täglichen Arbeit mit Texten einfach Dinge auf, die man selbst nicht (mehr) bemerkt. Sie weisen einen auf Fehler hin, die man sich angewöhnt hat, und sparen nicht mit Kritik. Fairerweise muss ich aber auch erwähnen, dass sie loben, wenn ihnen etwas besonders gut gefallen hat.

Also hieß es vor dem Endlektorat noch einmal »ran an den Speck« und sogar den ein oder anderen Absatz zu streichen, den man eigentlich ganz besonders gelungen fand. Das ist eine der Lektionen, die ich schon sehr früh in meiner Karriere lernen musste: Sei nie zu sehr in deine eigenen Texte verliebt, denn du wirst dich möglicherweise sehr schnell von Teilen davon verabschieden müssen.

Insgesamt schien man jedoch auch mit meinem zweiten Streich zufrieden gewesen zu sein, denn kurz darauf erkundigte sich Frank, wann ich Zeit für den nächsten NEO hätte. Und schon waren sämtliche Mühen der Nacharbeiten und Korrekturen vergessen, denn bekanntlich sind aller guten Dinge drei!

Rüdiger Schäfer