Logbuch: »Back To The Roots« – Teil eins Ein Gast-Logbuch von Heinz J. Galle

24. Juli 2013

(Einleitung der Redaktion: Heinz J. Galle ist einer der wichtigsten Experten für Unterhaltungsliteratur im deutschsprachigen Raum. Seine Arbeiten wurden in dem dreibändigen Standardwerk »Volksbücher und Heftromane« gebündelt. Im folgenden Gast-Logbuch, das in zwei Teilen erscheint, schreibt er über die Zusammenhänge zwischen PERRY RHODAN und »Sun Koh«, den Phantastik-Klassiker aus den dreißiger Jahren.)

Fast jeder Roman, jede Serie basiert auf dem Erinnerungsfundus des betreffenden Autors, welches dieser bewusst oder unbewusst einsetzt. Was im Übrigen auch auf die PERRY RHODAN-Serie zutrifft.

Die Wurzeln dazu reichen tief und greifen weit zurück. Zwischen 1900 und 1945 erschienen, großzügig gezählt, gut dreißig utopisch-phantastische Heftromanserien. Lediglich fünf dieser Reihen erreichten mehr als einhundert Einzeltitel.

Es handelt sich um die Titel »Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff« (von 1908 bis 1911, insgesamt 165 Ausgaben), »Phil Morgan – der Herr der Welt« (1914 bis 1916, 179 Ausgaben), »Sir Ralf Clifford – der unsichtbare Mensch« (1921 bis 1925, 192 Ausgaben), »Sun Koh – der Erbe von Atlantis« (1933 bis 1936, 150 Ausgaben) sowie »Jan Mayen« (1936 bis 1938, 120 Ausgaben).

Zwei Periodika ragen aus einem ganz besonderen Grund heraus, »Sun Koh« sowie »Jan Mayen« waren Serien, die endlich konzipiert waren, die mit einer bestimmten Anzahl von Nummern auf einen festgelegten Höhepunkt zustrebten: im ersteren Fall auf das Aufsteigen des einst versunkenen Kontinent Atlantis, im zweiten Fall auf das Abschmelzen des Grönlandeises und die damit mögliche Besiedelung der Insel.

Es sollte 25 Jahre dauern, bis erneut ein Serienheld auf den Plan erschien, der ein großes Erbe antreten sollte – »PERRY RHODAN – der Erbe des Universums«. War es bei »Sun Koh« das sagenhafte Atlantis, so war es hier gleich das ganze Universum, welches vererbt werden soll. Wenn diese Erbhöfe die einzige Verbindung zwischen den beiden Protagonisten wären, könnte man damit das Thema der gemeinsamen Wurzeln beenden.

Doch die Verbindungen zwischen der Vorkriegsserie und der modernen SF-Reihe sind weitergehend, wenn man sich auf die Entstehungszeit PERRY RHODANS bezieht.

Als Kronzeuge möchte ich Walter Ernsting anführen, einer der Väter PERRY RHODANS. Heiko Langhans schreibt in »Clark Darlton – Der Mann, der die Zukunft brachte« dazu:

»›Tom Shark‹ war jedoch nur eine Übergangslektüre; Walter Ernstings Favorit hieß bald ›Sun Koh – der Erbe von Atlantis‹. ... Walter tauschte seine »›Tom Shark‹ gegen ›Sun Koh‹-Hefte.« (Heiko Langhans: Clark Darlton – Der Mann, der die Zukunft brachte. Moewig, Rastatt, 2000, S. 13/14).

In einem PERRY RHODAN-Magazin der frühen 80er-Jahre hatte Walter Ernsting außerdem mitgeteilt:

»Mit 14 Jahren habe ich natürlich ›Sun Koh‹ gelesen, eine für damalige Zeit relativ tendenzfreie Zukunftsliteratur. Ich verschlang förmlich die Hefte, sie übten einen starken Einfluss auf mich auf. Für die dreißiger Jahre war eine derartige Lektüre mehr als aufregend. Sie bot uns Gelegenheit, fremde Länder zu besuchen und kennen zu lernen. Außerdem finde ich, hatte sie eine Menge SF-Elemente, hat sie sogar noch heute.«

Kolportiert wird von Ernsting sogar das Zitat: »›Sun Koh‹ verdanke ich mein Leben als SF-Schriftsteller. Mein Dank gilt allen, die Lok Myler endlich aus der Vergessenheit holen. Der unscheinbare Sachse war ein Genie! Davon bringt mich niemand weg.«

Gemeint ist Lok Myler, der Autor der Serie, der mit bürgerlichem Namen Paul Alfred Müller hieß. Müller schrieb nach 1945 hauptsächlich unter dem Pseudonym Freder van Holk.

Auch in seinem autobiographischen Roman »Der Tag, an dem die Götter starben« (Marion von Schröder Verlag, Düsseldorf, 1979) ging Walter Ernsting auf die Beeinflussung durch die »Sun Koh«-Serie ein.

Ende 1959 besuchte Walter Ernsting den »Sun Koh«-Autor Paul Alfred Müller in Murnau und versuchte, ihn für eine neue SF-Serie zu begeistern.

Im PERRY RHODAN-Werkstattband, herausgegeben von Horst Hoffmann, schrieb Walter Ernsting alias Clark Darlton unter dem Titel »Wie alles begann (Die Geburt einer Serie)« dazu:

»Da ich schon mal in München war, schickte mich der Lektor Bernhardt nach Murnau, um Freder van Holk aufzusuchen, der vor dem Krieg die ›Sun Koh‹-Serie geschrieben hatte. Ich fuhr auch hin, aber der Anhänger der Hohlwelttheorie bestand darauf, daß die Handlung der geplanten Serie mit der Hohlwelttheorie übereinstimmen sollte. Da Karl-Herbert Scheer und mir das Abenteuer der Menschheit in der Welten des Kosmos vorschwebte, kam Freder van Holk für uns leider nicht in Frage.«

Heinz J. Galle

(Teil zwei des Logbuches kommt morgen. – Die »Sun Koh«-Serie kommt übrigens jetzt neu heraus. In einer wunderschönen Paperback-Ausgabe des Verlags Dieter von Reeken werden die klassischen Romane verlegt. Weitere Informationen auf der Website des Verlages: www.dieter-von-reeken.de.)