Wien im Perryversum, Teil 1 Hinter den Materiequellen – die Kolumne von Rainer Nagel

11. Oktober 2017

Ich klopfe gern meine Urlaubs- und sonstigen Aufenthaltsorte auf ihre Darstellung in der PERRY RHODAN-Serie ab. Und da ich letztes Jahr auf dem AustriaCon in Wien war, hat es auch diese Stadt getroffen.

Die erste Erwähnung Wiens ist in Band 928: »Solo für einen Androiden« (Juni 1979), geschrieben von ... Ernst Vlcek natürlich, dem damals einzigen PERRY RHODAN-Autor aus Österreich.

Der Roman spielt knapp nach dem »Rücksturz« der Erde durch den Schlund ins Sonnensystem, der die Heimatwelt der Menschen schwer mitgenommen hat. Und so findet sich der kleine Schurke Wiesel in einer Stadt namens »Neu-Vindobona« wieder:

»Diese futuristische Stadt, die erst knapp vor Beginn des ›Unternehmens Pilgervater‹ völlig neu aufgebaut und in dessen Verlauf bevölkert worden war, hatte etwas erschreckend Kaltes für ihn. Es war ein künstlich gezüchteter Gebäudeberg, der nicht so natürlich gewachsen war wie andere Städte. Es gab hier für einen Mann wie Wiesel keine Schlupfwinkel, denn jedes Loch und jede Ecke wurden von positronischen Spionen ausgeleuchtet.

Und Wiesel fand hier kein Betätigungsfeld. Er hätte Techniker, zumindest aber Ingenieur, sein müssen, um irgendeinen Computer überlisten oder ein Warnsystem ausschalten zu können.

Aber das lag ihm nicht. Er stammte von einer Pionierwelt, fern der Zivilisation. Dort war es immer wieder mal möglich gewesen, einem betrunkenen Kolonisten das Geld aus der Tasche zu ziehen, oder einem Farmer die Herde seines Nachbarn zu verkaufen.

Auf Terra war jedoch alles anders. Es war keineswegs ein Planet der unbegrenzten Möglichkeiten, wie es in dem Slogan geheißen hatte, durch den er sich hatte herlocken lassen. Und dieses Neu-Vindobona war nicht das Dorado für Draufgänger, für das er diese aufstrebende Stadt gehalten hatte. Es war eine futuristische Bürokratenburg, in der nichts zu holen war.

Ihm wäre es viel lieber gewesen, man hätte die alte Stadt, die während der Zeit, als die Erde entvölkert war, zerfiel, revitalisiert, anstatt sie unter Denkmalschutz zu stellen. Dort hätte es noch Slums gegeben, in denen er ein Leben nach seinen Vorstellungen hätte führen können.«

»Die alte Stadt« – das ist natürlich das eigentliche Wien, das die Entvölkerung der Erde ebenso schlecht überstanden hat wie die meisten anderen Städte des Planeten. Abhängig davon, wie viel nach dem Dolanangriff im Jahre 2437 n. Chr. überhaupt noch davon übrig war ... Auf jeden Fall scheint Wien von den Sabotageakten der Laurins im Jahre 2114 n. Chr. – siehe Band 142, »Agenten der Vernichtung« von Kurt Brand, Mai 1964 – unbehelligt geblieben zu sein.

Und »Vindabona«? Das ist der alte Name von Wien, der lateinische, aus der Zeit, in der dort im 1. bis 5. Jahrhundert nach Christus nacheinander diverse Römische Legionen stationiert waren und ab dem 4. Jahrhundert auch die Donauflotte. Man knüpft also an die Klassiker bei der Neubenennung der irdischen Städte an.

Aber dann gab es Hoffnung für das alte Wien. Im 1996 von Klaus N. Frick herausgegebenen Sammelband »Das große PERRY RHODAN Fanbuch« aus dem Heyne-Verlag ist in Auszügen das »PERRY RHODAN-Handbuch« abgedruckt, das den Stand der Serie um Band 1808, also 1288 NGZ, zusammenfasst. Auf Seite 207 heißt es:

»Nach den fürchterlichen Zerstörungen und nachhaltigen Verwüstungen, die sich Terra in den letzten Jahrhundert hat gefallen lassen müssen, hat sich das Oberflächenbild der Erde stark verändert. Zwar liegen die Kontinente noch da, wo sie waren, auch die Gebirge, Flüsse, Meere sind nach wie vor vorhanden, aber der von Menschen gestaltete Teil der Oberfläche ist sehr von jenem Bild verschieden, das wir kennen.

Das manifeste, anfassbare Erbe der menschlichen Kultur auf Terra ist weitgehend zerstört worden. Die Daten – Texte, Bilder oder Noten – blieben zwar erhalten, in NATHAN gespeichert, aber die Bauwerke wurden dem Erdboden gleichgemacht. Ein großer Teil dieser Monumente ist allerdings in den letzten Jahrhunderten wieder nach alten Unterlagen neu erbaut worden, um den Menschen ihr kulturelles Erbe sichtbar vor Augen zu führen. Ähnliches gilt für Gemälde, Plastiken und andere Kunstwerke. Beendet ist diese Arbeit allerdings noch lange nicht.

Geblieben ist allerdings die alte Geographie: Es gibt Frankreich, Italien oder China, aber eben nur als Bezeichnungen für bestimmte Teile der terranischen Landmasse.

Die Charakteristik dieser alten Regionen und Staaten hat sich aber trotz aller Ereignisse noch in gewissem Umfang erhalten. Zum einen legen die Bewohner einen gewissen Wert auf die Besonderheiten ihrer Region; sie mögen es nicht, in einem terranischen Einheitsbrei zu versinken.

Hinzu kommt die breite Bewegung der Terra-Nostalgiker, , die sich eifrig darum bemühen den unterschiedlichen Landschaften Terras wieder ein markantes, eigenständiges und unverwechselbares Gepräge zu geben. Aus diesem Grund auch gibt es in Italien oder China sehr aktive Brauchtumsvereine, die sich intensiv um den Erhalt oder die Wiederbelebung der historischen Tradition bemühen. Allerdings müssten logischerweise dazu auch Traditionen gehören, die erst im Laufe der Rhodan-Handlung entstanden sind.«

Soweit Peter Terrid. In unserer nächsten Folge geht es mit Leo Lukas weiter.

Perry Rhodan 928: Solo für einen Androiden (Heftroman)
Vlcek, Ernst
PERRY RHODAN DIGITAL
ISBN/EAN: 9783845309279