VIPs in der Provinz – Teil 2 Eine 80er-Jahre-Kolumne von Falk-Ingo Klee

25. September 2017

Als William Voltz, allgemein kurz WiVo genannt, damals mit seinem neuen Auto fröhlich winkend vom Hof unseres Autohauses fuhr, ahnten wir beide nicht, dass es unsere letzte persönliche Begegnung sein würde. Es war ein Schock für die ganze PERRY RHODAN- und ATLAN-Fangemeinde, für Bekannte, Freunde und Kollegen, als Willi am 24. März 1984 mit gerade einmal 46 Jahren an Krebs starb. Noch viel schlimmer traf  es seine Familie, Ehefrau Inge und die beiden Söhne.

Was sie durchgemacht hatten, konnte ich gut nachvollziehen: zuerst diese furchtbare Diagnose »Krebs« und dann das Hoffen und Bangen während der Therapie. Meine jüngste Tochter war 1983 im Alter von drei Jahren an Neuroblastom erkrankt, einem Krebs, der nur kleine Kinder befällt – aber allein das Wort »Krebs«, das gleiche Schicksal, schafft eine innere Verbundenheit der Betroffenen und ihrer Familien.

Frau Voltz meldete sich schon bei mir, bevor der Leasingvertrag für den Monza auslief. Da unser Autohaus selbst der Leasinggeber war, wäre es überhaupt kein Problem gewesen, den Vertrag formlos zu verlängern oder den Wagen noch einige Monate zu nutzen, aber in dieser Hinsicht war sie sehr korrekt. Das Auto sollte zum Vertragsablauf zurückgegeben werden, gleichzeitig wollte sie einen etwas kleineren Wagen mit vier Türen bei uns kaufen und mitnehmen, um mobil zu sein. Wie schon beim Monza wickelten wir den Papierkram per Post ab. Das klappte alles wie am Schnürchen, und exakt zum Tag der Monza-Rückgabe stand der Neuwagen zugelassen und abfahrbereit auf dem Hof.

Frau Voltz und ich kannten uns nicht persönlich. Als sie zu uns ins Autohaus nach Gießen kam, hatte sie einen Begleiter dabei. Wir stellten uns einander vor, und ich staunte nicht schlecht: Der Mann war Klaus Mahn, den PERRY RHODAN- und ATLAN-Lesern besser bekannt unter seinem Pseudonym Kurt Mahr. Spontan boten er und Frau Voltz mir das »Du« an. Jetzt waren sogar zwei sehr sympathische VIPs auf einmal in die Provinz gekommen ...

Der Schriftsteller Kurt Mahr hatte mich schon in jungen Jahren mit seinen SF-Geschichten begeistert. Ich glaube, es waren UTOPIA-Großbände, auf jeden Fall lauteten die Titel der beiden Hefte »Vulkan contra Erde« und »2x Mr. Beeches«. Verfasst worden waren sie von Cecil O. Mailer– dahinter verbarg sich ein früheres Pseudonym von Klaus. Er verstand es ausgezeichnet, Fabulierkunst mit Spannung zu verbinden und seine Leser so zu fesseln. Kein Wunder, dass er auch bei PERRY RHODAN und ATLAN zu meinen Lieblingsautoren gehörte.

Klaus lebte schon einige Jahre in den USA und war eigens nach Hessen gekommen, um der Familie Voltz beizustehen. Er war von Haus aus Diplom-Physiker und als solcher die »Physik vom Dienst«. Wann immer in den Serien manchmal etwas schräge oder auch spektakuläre Sonnen- und Planetensysteme erdacht wurden, musste Klaus mit entsprechenden Berechnungen  ran, damit es astronomisch passte oder zumindest passen konnte.

Das Abwicklungs- und Abrechnungsprozedere mit den beiden Autos gestaltete sich kurz und schmerzlos. Bevor Inge und Klaus die Heimfahrt antraten, wollten sie einen Happen essen. Wir fuhren in ein Restaurant, das nur einige hundert Meter von unserem Autohaus entfernt an der gleichen Ausfallstraße lag, von dort war es nur ein Katzensprung zum Gießener Ring, also die Autobahn.

Um das folgende zu verstehen, muss ich kurz etwas erklären. Als PERRY RHODAN- und ATLAN-Autoren waren wir angewiesen, jeden Roman mit drei Durchschlägen zu schreiben. Das Original ging an den Verlag, der es an den Lektor G. M. Schelwokat weiterleitete, einen Durchschlag bekam der Exposéautor, einer ging an den Nachfolgeautor und das dritte Exemplar war für den Selbstbehalt. Einmal war Kurt Mahr mein Nachfolgeautor, also schickte ich ihm die rund 70 Seiten dünnes Durchschlagpapier (gefühlt wogen zehn Seiten davon so viel wie ein Blatt Schreibmaschinenpapier) per Luftpost nach Florida. Ich weiß es nicht mehr genau, aber das Porto für das Leichtgewicht  betrug happige 16 oder 18 DM.

Während des gemeinsamen Mittagessens erzählte mir Klaus schmunzelnd: »Du warst übrigens der einzige, der mir als Nachfolgeautor eine Kopie in die USA geschickt hat, die anderen haben alle die Portokosten gescheut.«

Klaus kehrte nach einer Weile nach Florida zurück, Inge folgte ihm später mit den beiden Kindern. Im Herbst 1985 heirateten Klaus und Inge in den USA, wo sie und die Söhne nach wie vor leben. Auch wenn Klaus leider schon 1993 viel zu früh verstarb, ist die Verbindung über den Großen Teich bis heute nicht ganz abgerissen.

Immer noch schwirren zumindest zu den Feiertagen die Grüße hin und her. Natürlich längst nicht mehr per Luftpost, sondern zeitgemäß per E-Mail.

(Übrigens: Wer mehr über das Leben und Wirken von WiVo erfahren will: Inge Mahn hat unter www.williamvoltz.de die interessante Biografie ihres verstorbenen Mannes mit derzeit 40 Kapiteln ins Netz gestellt. Sie reicht von der Kindheit Willis bis zur Erkrankung und Operation und ist angereichert mit privaten Bildern, Briefen und anderen Dokumenten. Dazu gibt es Information zu seinen Werken und Arbeiten. Absolut lesenswert!«

Durch eine Knochenmarkspende meiner ältesten Tochter konnte meine jüngere Tochter geheilt werden. Sie war das erste Kind mit Neuroblastom, das in Deutschland eine Knochenmarkspende bekam – dies geschah 1984 in der Uniklinik Tübingen.

Seinerzeit gab es nur Berichte und Bücher über krebskranke Kinder, die durch diese Krankheit gestorben sind. Ich wollte ein positives Signal setzen und zeigen, dass die Krankheit doch besiegt werden konnte. Daher schrieb ich ein in Tagebuchform verfasstes Buch, das 1986 im Moewig-Verlag unter dem Titel »Jasmin K. (3 Jahre) Diagnose: Krebs« erschien. Es ist längst vergriffen, aber einige antiquarische Exemplare werden gelegentlich angeboten.