Religion im Weltraum Eine Kolumne von Hermann Ritter

30. Januar 2014

Auslöser war wohl (mein) PERRY RHODAN NEO 56. Der Roman wurde von einigen Lesern als Versuch der Bekehrung zum christlichen Glauben verstanden und deswegen abgelehnt. Die Begründung der Leser war, dass es sich bei Religion um eine Flucht handelt und dass Religion nur als Widerspruch zu den Naturwissenschaften zu verstehen ist. Genannt war ausdrücklich die christliche Religion.

Stein des Anstoßes im Roman selbst war eine der Hauptfiguren, die ich selbst eingeführt hatte: ein anglikanischer Priester, der in dem Roman eine nicht unwichtige Rolle spielte.

ManPR NEO 56: »Suchkommando Rhodan« von Hermann Ritter schreibt in Romanen immer auch über sich selbst. Daher seien hier ein paar erklärende Worte zu meiner privaten Situation in diesem Zusammenhang erlaubt. Mein Erststudium begann vor fast 30 Jahren an einer kirchlichen Hochschule – am Ende des Studiums bin ich dann aus der Kirche ausgetreten. Ich würde mich heute selbst als »Heide« bezeichnen, bin aber Mitglied von Organisationen wie den Skeptikern, die sicherlich nicht als prinzipiell religionsfreundlich oder gar unwissenschaftlich gelten dürfen. Aber ich halte mich für liberal (im positiven Sinn) und für gegenüber anderen Glaubensrichtungen sehr offen. Für mich ist Religion Privatsache – aber das hat bei diesem NEO nicht geklappt.

Nun zu meiner inhaltlichen »Rechtfertigung«: Eine weltoffene Serie wie PERRY RHODAN braucht (!) die Auseinandersetzung mit Religion, braucht den Diskurs, das Nachdenken über Philosophie und »endgültige« Fragen. Wie kann man als Leser an ES und Zellaktivatoren glauben, seitenlang lesen, wie Hauptpersonen über die Unsterblichkeit (und ihre Nachteile) nachdenken und die Existenz der Sternengötter akzeptieren, aber nicht akzeptieren, dass ein anglikanischer Priester im NEOversum über Gott nachdenkt – und Seelsorge betreibt. »Da draußen« gibt es offensichtlich Menschen, die diese Schere im Kopf haben, dass alles, was PERRY RHODAN ist, fern von allem sein muss, was irdisch ist – und umgekehrt.

Die Science Fiction hat einige ihrer stärksten Momente im Zusammenhang mit Religion. James Blish, Philip Jose Farmer, Robert A. Heinlein, C. S. Lewis, Michael Moorcock – sie hatten alle mit ihre besten Momente, wenn sie den Umgang von Menschen mit außerirdischen Religionen oder Außerirdischen mit menschlichen Religionen beschrieben (und dass hier keine Autorinnen vertreten sind, liegt nur an meiner Leseprägung in den späten 70ern und frühen 80ern und nicht am Zustand des Genres!). PERRY RHODAN und PERRY RHODAN NEO sind Science Fiction und damit in eine literarische Entwicklung eingebunden, welche die Bearbeitung der »letzten Fragen« immer mitgedacht hat. Zum Glück.

An Bord eines Raumschiffs sollte Platz sein für Wesen jeden Musikgeschmacks, jeder sexuellen Orientierung, jeder Kleidergröße und jeder Religion. Wenn wir das nicht erreichen wollen, brauchen wir meiner Ansicht erst gar nicht in den Weltraum vordringen. Humanismus und Liberalismus dürfen nicht an den Grenzen unseres Sonnensystems und an den Grenzen unseres bürgerlichen Lebens enden.

 

Hermann Ritter