Der Redakteur erinnert sich: Drei Mails im März

31. Dezember 2014

Im Frühjahr 2013 trafen sich Christian Montillon und Wim Vandemaan mit mir in Bonn. Wir besuchten die Science-Fiction-Ausstellung im »Haus der Geschichte« und setzten uns danach im Museums-Café zusammen. Bei Kaffee und Kuchen besprachen wir die aktuelle Entwicklung bei der Exposéarbeit, diskutierten über Romane und Inhalte und kamen zuletzt auch auf Autoren zu sprechen.

Vor allem Christian Montillon setzte sich vehement dafür ein, Michelle Stern in die laufende Erstauflage zu holen. Die Kollegin habe sich bei PERRY RHODAN NEO bewährt, jetzt sei es an der Zeit, ihr einen ersten Roman im Handlungszyklus um das Atopische Tribunal zu geben. Das sei dringend an der Zeit.

Ich sprach mich nicht dagegen aus; schließlich hatte ich selbst mitbekommen, wie sich Michelle Stern von Roman zu Roman gesteigert hatte. Ihre Romane bei PERRY RHODAN NEO gefielen mir, und ich fand eindrucksvoll, wie sie Details zur Handlung hinzufügte, die sie nicht dem Exposé entnahm, sondern sich selbst ausdachte.

Allerdings wusste ich nicht, wie gut sie sich bei PERRY RHODAN auskannte. Michelle schrieb viel für Serien anderer Verlage, wo sie mit packenden Szenen und gut geschilderten Charakteren überzeugte. Sie war allerdings kein klassischer PERRY RHODAN-Fan, damit war sie nicht »großgeworden«. Aber sie hatte mir einmal erzählt, dass sie sich die klassische PERRY RHODAN-Serie in Form der Silber Edition als Hörbuch erschloss. Das klang gut, fanden wir alle drei – und ich erhielt den Auftrag, mit der Autorin in Kontakt zu treten.

Also schrieb ich ihr am Montag nach der Begegnung in Bonn – es war der elfte März 2013 – eine Mail, die den schönen Betreff »Du und der Perry« hatte. In meiner Mail versuchte ich es auf die lockere Methode: »Ich weiß ja, dass du gern mal einen Roman für die PERRY RHODAN-Erstauflage schreiben würdest, und ich würde mich auch nicht dagegen sperren.« Ich stellte die Frage, ob sie es zeitlich schaffen könnte. Sie war für andere Verlage tätig, sie wirkte bei PERRY RHODAN NEO mit, und dort hielt ich sie für eine »unserer wichtigsten Akteure/innen«. Bei NEO wollte ich sie weder verlieren noch kürzer treten lassen.

Ich schrieb noch nichts von einer regelmäßigen Mitarbeit an der Erstauflage, sondern überlegte mir in diesen Stunden nur, ob Michelle einmal einen Gastroman verfassen könnte. Wie gut kannte sie sich eigentlich mit der Serie aus? Musste ich ihr erst einmal einen Packen Lesestoff schicken, oder war sie schon bestens informiert?

Am gleichen Tag kam die Antwort. Michelle Stern hatte nach dem PERRY RHODAN-WeltCon 2011 damit begonnen, die Serie regelmäßig zu lesen. Sie würde die Lektüre intensivieren, wenn sie ein klares Ziel hätte. Zeitliche Probleme mit PERRY RHODAN NEO oder den anderen Serien – etwa »Maddrax« aus dem Bastei-Verlag – sah sie nicht.

Michelles Mail schloss mit einem augenzwinkernden Hinweis: »Ich habe gar nichts dagegen und jede Menge dafür.«

Darüber freute ich mich, und ich schrieb ihr gleich zurück. Ich empfahl ihr, die Lektüre der Serie ab Band 2700 zu intensivieren. »Wir machen da sehr vieles neu und anders«, versprach ich. Wir würden auch »nicht sooo viel vom laufenden Zyklus in den neuen« hinüberziehen; sie müsste also nicht komplette Zyklen nachlesen, um irgendwelche Details zu recherchieren.

Ich informierte die beiden Exposéautoren über die Zusage und sagte Michelle, dass sie sich noch ein wenig gedulden müsse. Im Verlauf der nächsten Wochen komme aber garantiert einer der beiden »wegen eines konkreten Romans« auf sie zu. Das erste Dutzend Romane des neuen Zyklus sei schließlich schon konkret verplant; wir würden uns »aber sicher im Lauf des Frühsommers« melden.

Monate vergingen. Es wurde Juni.

Christian Montillon präsentierte mir seinen Vorschlag: »Lass uns für Michelle ein losgelöstes Setting nehmen«, meinte er. »Wir müssen die Handlung auf dem Mond weiter schreiben, wir müssen den Widerstand auf dem Mond wieder einmal präsentieren, wir müssen das weitere Schicksal der Menschen auf dem Mond in die Handlung bringen.« Das sei ein ideales Thema für Michelle: Sie könnte einen neuen Handlungsschauplatz vorstellen, damit könnte sie zeigen, was sie könne, und sie stiege sofort mit einem Doppelband in die Serie.

Das fand ich klasse. Mit der Anführerin des Lunaren Widerstands würde Michelle Stern gleich eine Figur haben, mit der sie bestimmt gut umgehen könnte – ich war sehr optimistisch, dass alles gut funktionieren würde.

Am 12. Juni 2013 telefonierte ich mit der Autorin; ich schlug ihr den Doppelband als Thema vor, und sie war sofort Feuer und Flamme. Sie wollte den Doppelband gern übernehmen und ließ dafür den Auftrag sausen, für die Bastei-Kollegen eine Ausgabe von »Maddrax« zu schreiben. Allerdings bat sie sich noch einen Tag Bedenkzeit aus, weil sie die Terminlage bei PERRY RHODAN NEO überprüfen wolle.

Der Rest ist Geschichte: Michelle Stern verfasste die zwei Romane über den Lunaren Widerstand – und ganz schnell wurde aus dem geplanten Gastauftritt in der PERRY RHODAN-Serie eine feste Mitgliedschaft im PERRY RHODAN-Team ...


Klaus N. Frick