Der Redakteur erinnert sich: »Lemuria«-Planung in Karlsruhe

24. Dezember 2015

Der Donnerstag, 19. August 2004, war sehr warm und sehr sonnig; ideal eigentlich, um an einem Baggersee die Hitze des Tages zu genießen. Ausgerechnet an diesem Tag wollte ich mit den Kollegen einige wichtige Details zum »Lemuria«-Zyklus besprechen. Aber es passte einiges sehr gut zusammen ...

Lemuria 1: »Die Sternenarche«Den Termin legte im Prinzip Oliver Scholl fest. Er rief mich bereits im Juli an, direkt aus Los Angeles. »Ich komme im August nach Deutschland«, kündigte er an, »mal wieder meine Eltern besuchen. Und da würde ich mich gerne mit der Redaktion treffen.« Der Grafiker und Production-Designer wohnte zu diesem Zeitpunkt bereits in Kalifornien, wo er für die Filmindustrie tätig war, unter anderem für den Regisseur Roland Emmerich.

Bei PERRY RHODAN hatte in den 80er-Jahren seine Karriere begonnen; als junger Mann hatte er seine ersten Risszeichnungen angefertigt. Später hatte er die Bekanntschaft mit Roland Emmerich gemacht und war über die Zusammenarbeit mit diesem in die Film-Metropole Los Angeles umgezogen.

Die Zusammenarbeit mit PERRY RHODAN hatte Oliver Scholl erst kurz zuvor wieder aufgenommen. Er hatte die wunderschönen Titelbilder für die Taschenbücher des »Andromeda«- und »Odyssee«-Zyklus gestaltet. Den Kontakt hatte niemand von der PERRY RHODAN-Redaktion hergestellt, sondern Sascha Mamczak, der verantwortliche Science-Fiction-Lektor im Wilhelm Heyne Verlag.

Da Mamczak am Donnerstag, 19. August 2004, gewissermaßen auf der Durchreise war und an Karlsruhe vorbeifuhr, beschlossen wir, ein »Lemuria«-Treffen zu veranstalten. Oliver Scholl wohnte während seines Deutschland-Aufenthalts bei seinen Eltern in der Nähe von Stuttgart; von dort aus hatte er es nicht weit bis in meine Heimatstadt. Auch Frank Borsch, der in Freiburg wohnte, konnte es terminlich einrichten: Er betreute als PERRY RHODAN-Redakteur zu dieser Zeit unter anderem unsere Taschenbücher bei Heyne.

DeLemuria #2 »The Sleeper of the Ages«r »Kaisergarten« in Karlsruhe bot sich für die Besprechung an. Wir saßen in dem schönen Biergarten, genossen das Wetter und die kühlen Getränke. Nach dem Austausch von allerlei persönlichen Informationen diskutierten wir über die bisher gelaufenen zwei PERRY RHODAN-Zyklen, die bei Heyne erschienen waren.

Der »Andromeda«-Zyklus hatte sich sehr gut verkauft, von den meisten Taschenbüchern hatte man Nachdrucke anfertigen müssen. Auch die sechs Bände des »Odyssee«-Zyklus waren im Handel »gut gelaufen«, wie es die Buchhändler nannten. Beide Zyklen waren von Robert Feldhoff konzipiert worden.


Jetzt stand der »Lemuria«-Zyklus vor der Tür. Verantwortlich hierfür war Hubert Haensel als Exposéautor, während Frank Borsch als Redakteur die Abläufe steuerte. Der erste Roman sollte schon im November 2004 erscheinen, er war von Frank verfasst worden.

Zuerst brachten wir uns auf den aktuellen Stand der Dinge. Frank Borsch berichtete über die laufende Arbeit an dem Zyklus, über die Zusammenarbeit mit dem Exposéautor Hubert Haensel und die Romane, die bereits vorlagen oder noch in Arbeit waren.

Besonders angetan zeigte er sich von der »absolut professionellen« Leistung Andreas Brandhorst. Der Autor, der damals in Südtirol wohnte, hatte sich für seinen Roman erst in den PERRY RHODAN-Kosmos einarbeiten müssen. Das hatte er engagiert und intensiv betrieben; sein Manuskript hatten wir sehr gern gelesen.

Sascha Mamczak informierte uns über die Situation im Heyne-Verlag. In den Nuller-Jahren war der Verlag nicht nur einmal verkauft worden. Ab 2004 gehörte er zur Verlagsgruppe Random House und damit zum Bertelsmann-Konzern. Für uns erfreulich: In dem von Sascha verantworteten Science-Fiction-Programm wird PERRY RHODAN weiterhin »ein wichtiger Eckpfeiler« sein. Der Handel sei mit den Verkaufszahlen zufrieden gewesen, man freue sich über weitere PERRY RHODAN-Themen.

Aber man wolle auch mal variieren. »Warum immer sechs Taschenbücher in einem halben Jahr?«, argumentierte der Science-Fiction-Lektor. »Wir könnten doch auch mal vier Taschenbücher machen oder drei Paperbacks oder sonst was in der Richtung.«

Oliver Scholl hatte eine Reihe großformatiger Ausdrucke dabei, die seine Titelbilder für den »Lemuria«-Zyklus in beeindruckender Qualität zeigten. Auf dem Fotopapier wirkten die Bilder fast plastisch. Ich war gespannt darauf, wie sie auf dem gedruckten Taschenbuch aussehen würden. Für Frank hatte der Künstler einen handsignierten Druck dabei, der das erste Buch – »Die Sternenarche« – als Titelbild schmücken sollte.

Darüber hinaus präsentierte Oliver weitere Bilder und erzählte über die Arbeit in der Film-Industrie von Hollywood. Von diesem Geschäftsfeld wussten wir Verlagsleute praktisch nichts, deshalb fanden wir seine Geschichten sehr spannend.

Wir sprachen über Marketing-Möglichkeiten der neuen Taschenbücher, über die Pläne für das kommende Jahr und aktuelle Entwicklungen in der Science-Fiction-Branche. Zeitweise gerieten wir richtiggehend ins Fachsimpeln, kamen dann aber schnell wieder auf das eigentliche Thema zurück. Nach einem Spaziergang durch die Weststadt verabschieden wir uns voneinander.

Oliver Scholl hatte dann eine letzte Botschaft an mich. »Ihr müsst die Romane auch in englischer Sprache herausbringen«, sagte er. »Das ist ein Thema, das interessiert nicht nur die amerikanischen PERRY RHODAN-Fans; damit könnt ihr viele weitere Leser erreichen.« Dass es bis in den Herbst 2015 dauern sollte, bis sein Wunsch erfüllt wurde, hätte ich damals nicht geglaubt ...


Klaus N. Frick