Die Woche der Splitter-Tipps (Teil 3) Michel Plessix / Dieter: Julian B. – Gesamtausgabe

4. Februar 2015

Preisgekrönter Comic jetzt komplett

Als die vier Bände der Comic-Serie »Julian B.« in den frühen 90er-Jahren in deutscher Sprache erschienen, habe ich sie nicht einmal wahrgenommen. Jetzt liegen die vier Bände in einer sehr schönen Gesamtausgabe vor, die der Toonfish-Verlag veröffentlicht hat – ein Imprint des Splitter-Verlages. Ich bin sehr angetan von der Art und Weise, wie hier Geschichten erzählt werden. Kein Wunder, dass »Julian B.« bei seinem ersten Erscheinen mehrere internationale Preise erhalten hat.

Hauptfigur des Vierteilers ist Julian Boisvert, ein Durchschnittsfranzose, wie er im Buche steht: ein wenig langweilig, ein wenig durchschnittlich, anfangs noch stark von der Mutter abhängig und in den späteren Geschichten immer mit außergewöhnlichen Frauen zusammen. In einer nicht exakt bezifferten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt er seine Abenteuer, die ihn an verschiedene Orte der Welt führen.

Seine Reisen führen ihn nach Afrika, wo er sich mit einem Nomadenvolk anfreundet, oder nach Mexiko, wo er eine Kneipe eröffnet, zuletzt in die USA, wo er mit rechtsradikalen Verbrechern kämpft. Auch wenn die einzelnen Bände der vierteiligen Serie nur locker zusammenhängen, schildern sie doch das Leben eines jungen Mannes, der Stück um Stück erwachsener wird.

Die Geschichten stammen von dem Autoren Dieter sowie dem Zeichner Michel Plessix, der bei den Texten ebenfalls mitgearbeitet hat. Sie sind lakonisch erzählt, bringen nur behutsame Action und setzen stattdessen auf nachvollziehbare Charaktere, deren Schicksal man als Leser gerne verfolgt. Die Geschichten sind politisch, sie haben stets eine eindeutige Botschaft – diese wird demLeser aber in einer Art präsentiert, die nichts mit erhobenem Zeigefinger und andauernden Belehrungen zu tun hat.

Vor allem aber lebt »Julian B.« von den zurückhaltenden Zeichnungen. Sie sind recht realistisch, werden aber durch Knollennasen und andere »Funny«-Elemente bewusst gebrochen. Gesichter werden dadurch immer wieder zu Karikaturen, während beispielsweise die Landschaft oder auch Straßenszenen eine angenehme Realitätsnähe aufweisen.

Alles in allem entsteht eine Comic-Geschichte, die mich absolut überzeugt hat. Sie fällt ein wenig aus dem Rahmen, weil sie sich in keine Genre-Konvention einordnen lässt; eine typische »Graphic Novel« ist es allerdings auch nicht. Bei der Lektüre tauchte ich geradezu in die Geschichte ein, folgte mit wachsender Faszination dem Lebensweg des jungen Franzosen. Ich bin sicher, dass dieser Comic vor allem jene Leser packen wird, die den üblichen Superhelden-Klischees oder Fantasy-Epen langsam ein bisschen müde werden.

Wer sich von der Qualität des Comics überzeugen möchte, sollte sich unbedingt die Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlags anschauen. Sie gibt einen schönen Einblick in den ungewöhnlichen Stil des Zeichners.

Das Hardcover-Buch ist hervorragend gestaltet, wie man es von Toonfish auch erwarten kann, und umfasst 192 Seiten. Leider gibt es keine redaktionellen Ergänzungen, die zumindest ich bei Gesamtausgaben sehr schätze – dafür gibt's eben den »puren Stoff«. Der Comic-Band kostet 34,80 Euro und kann mithilfe der ISBN 978-3-86869-758-2 überall im Buch- und im Comicfachhandel bestellt werden. Ebenso gibt's »Julian B.« bei Versendern wie Amazon.

Klaus N. Frick

Julian B.
Plessix, Michel/Plessix, Dieter
toonfish
ISBN/EAN: 9783868697582