Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 5) James Lee Burke: Sturm über New Orleans

13. November 2015

Ungewöhnlicher literarischer Thriller

Im Jahr 2005 bretterte der Wirbelsturm Katrina über die Stadt New Orleans hinweg. Häuser wurden zerstört, Dämme brachen, komplette Stadtteile wurden überflutet, zahlreiche Bürger der Stadt starben. Die Bilder von verzweifelten Menschen gingen um die Welt, die Verantwortlichen vor Ort schienen völlig zu versagen. In dieser Zeit und in den Wochen danach spielt der Roman »Sturm über New Orleans« des amerikanischen Schriftstellers James Lee Burke.

Hauptfigur des Romans, in dem schlaglichtartig viele andere Figuren eine Rolle spielen, ist der alternde Polizist Dave Robicheaux. Im Chaos des Hurrikans und der Tage danach muss er seiner Arbeit nachgehen: Ein schwarzer Jugendlicher wurde erschossen, ein heroinsüchtiger Prediger ist verschwunden, die Vergewaltigung eines weißen Mädchens muss endlich aufgeklärt werden. In einer Stadt, in der die moralischen Grenzen offenbar völlig verloren gegangen sind, versucht der Detektiv, seine Moral zu behalten.

Wenn einige Rezensenten davon schreiben, dass der Autor in seinem Roman den Sturm thematisiere, haben sie wahrscheinlich nur das erste Viertel gelesen. Der Großteil des Romans spielt in den Wochen nach der Katastrophe, weil erst dann die Polizei in der Lage ist, den Verbrechen nachzugehen, die verübt worden sind. Das Netz aus Beziehungen entwickelt sich während des Sturms, teilweise besteht es schon vorher, und es kann auch in den Wochen nach dem Sturm kaum entwirrt werden.

James Lee Burke hat eine meisterhafte Art, seine Geschichte zu erzählen. In knappen Beschreibungen voller klarer Bilder sowie in schnellen Dialogen schildert er eine Stadt im Chaos. Er beleuchtet die Sicht von »kleinen« Gangstern und verzweifelten Vätern, er zeigt eine Polizei, die teilweise mit sich selbst beschäftigt ist, und er macht klar, welche Personen letztlich an der Katastrophe verdient haben: Wenn im »Danach« Milliarden von Dollar in die zerstörte Region fließen, um sie wieder aufzubauen, sind es gewisse Personenkreise, die damit ihren Wohlstand mehren.

Seine Charaktere sind durch die Bank glaubhaft: der schroffe Polizist, der stur seiner Mission folgt, der dümmliche »kleine« Gangster, der auf eine schlimme Katastrophe zusteuert, der fiese Killer, der unbeirrt Menschen tötet, die hilflosen Opfer der Katastrophe, die verzweifelten Obdachlosen und die sturen Bürokraten. Er bringt sie alle in seinem Roman unter, sie alle treiben in einem Strudel aus Gewalt und Verzweiflung, der viele von ihnen nach unten zieht.

Ein klassischer Krimi mit einem eindeutigen Anfang und einem »sauberen Ende« ist das nicht. Fast niemand von den Hauptfiguren des vielschichtigen Romans kommt ungeschoren aus der Geschichte heraus, sie alle tragen Brüche und Verwundungen davon. James Lee Burke packt die amerikanischen Konflikte in einen Roman, lässt seine Leser gewissermaßen wie mit einer Lupe auf den Wahnsinn amerikanischer Großstädte blicken und schafft damit ein Panorama, das seinesgleichen sucht.

»Sturm über New Orleans« fesselt über die gesamte Länge; obwohl der Krimi mit 576 Seiten recht umfangreich ist, hatte ich nie das Gefühl, der Autor habe Zeilen geschunden. Eine absolute Empfehlung von mir – dieser Roman hat nicht zu Unrecht mehrere Preise gewonnen und wurde auf »Bestenlisten« gewählt.

Erschienen ist er als schönes Paperback mit Klappenbroschur im Pendragon-Verlag, er kostet 17,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-86532-450-4 kann jeder Buchhändler den Roman bestellen; er ist zudem auch über Versender wie Amazon erhältlich.

Den Roman gibt es auch als E-Book, unterem für den Kindle; in dieser Variante kostet er 15,99 Euro.

Klaus N. Frick

Sturm über New Orleans
Burke, James Lee
Pendragon Verlag
ISBN/EAN: 9783865324504