Die Redaktion empfiehlt: Thierry Chaffouin / Dominique Monféry / Julia Weber: Tin Lizzie Historisches Comic-Abenteuer mit viel Humor

10. November 2016

Eine ungewöhnliche Geschichte vor einem historischen Hintergrund, den man in Comics eher selten antrifft – so lässt sich »Tin Lizzie« zusammenfassen. Die Geschichte spielt im amerikanischen Bundesstaat Mississippi, und im Jahr 1980 sind hier die Regeln noch klar. Es gibt wohlhabende und arme Weiße, und nach wie vor leben die Schwarzen am Rand der Gesellschaft. Doch der Fortschritt greift auch nach der Kleinstadt Ponchatoula und verändert die bekannten Gegebenheiten.

Das äußert sich in »rassistischen« Dingen – so gibt es Weiße und Schwarze, die ganz selbstverständlich zusammenarbeiten. Vor allem aber das Auftauchen des ersten Automobils sorgt dafür, dass die Menschen aufhorchen und sich vieles verändert. Es ist zwar nur ein Ford T, ein kleines Auto also, aber als »Tin Lizzie« wird das Auto sehr schnell zu einem wichtigen Faktor in der Landgemeinde. Dabei möchte sein neuer Besitzer – ein alter Offizier – das Auto eigentlich auf dem Acker einsetzen ...

Drei ungewöhnliche Freunde haben allerdings ganz andere Ziele mit dem Auto. Der acht Jahre alte Jake hat große Träume, sein erwachsener und eher schlichter Freund Rhod möchte seine ehemalige Freundin zurückerobern, und Louis, ein Schwarzer, sucht seinen Platz in der Gesellschaft. Gemeinsam gehen die drei auf eine große Reise – und später stürzen sie sich in das Abenteuer einer großen Rennfahrt.

Vordergründig handelt es sich bei diesem Comic um die Geschichte eines Jungen, der an der Seite seiner erwachsenen Freunde allerlei Abenteuer erlebt. Ganz nebenbei wird aber auch die Historie der Südstaaten erzählt, wirft »Tin Lizzie« ein faszinierendes Licht auf ein Stück amerikanischer Geschichte. Das ist richtig toll erzählt und ebenso toll gezeichnet – ein wunderbarer Comic in zwei Bänden, der mich echt begeisterte.
Umso erstaunlicher ist diese Qualität, wenn man bedenkt, dass es sich bei diesem Comic um ein Debüt handelt. Thierry Chaffouin und Dominique Monféry sind eigentlich Trickfilmer, die laut den vorliegenden Informationen unter anderem für Disney gearbeitet haben. »Tin Lizzie« ist ihre erste Comic-Arbeit. Von Anfängerschwächen ist in den zwei Bänden allerdings nichts zu entdecken; die Geschichte zeichnet sich durch flotte Dialoge, einen schnellen Verlauf und absolut liebevolle Bilder aus.

Das Geschehen hält die Waage zwischen Witz und Melancholie, es macht richtig Spaß, den den Figuren bei ihren Abenteuern zu folgen. Alle Figuren verhalten sich glaubhaft, sie sind schön charakterisiert und wirken stets liebevoll. Damit schafft es Thierry Chaffouin, mit »Tin Lizzie« tatsächlich einen Comic für die ganze Familie zu liefern.

Das gleiche gilt für die Zeichnungen. Die schwarzen Linien sind fein, die Farben eher dezent; die dadurch entstehende Wirkung ist zurückhaltend. Trotzdem funktioniert die Geschichte über die Bilder: Dominique Monféry zaubert mit den Figuren, er stellt sie sympathisch und eigenständig dar.

Alles in allem liegt mit »Tin Lizzie« ein Comic vor, den man leicht übersehen könnte: Erzählt wird eben keine typische historische Episode, und es ist ebensowenig ein Genre-Thema wie Western, Fantasy oder Science Fiction. Aber er lohnt sich – wer mir nicht glaubt, sollte einfach die kostenlosen Leseproben auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages anschauen.

Band eins trägt den Titel »Die Schöne von Ponchatoula«; mithilfe der ISBN kann man ihn überall im Comic- und im Buchhandel bestellen. Band zwei läuft unter »Rodeo Junction«, seine ISBN ist die 978-3-95839-913-6. Beide Bände umfassen jeweils 48 Seiten und kosten 12,95 Euro. Wer mag, kann sie auch bei Versendern wie Amazon oder direkt im Shop des Splitter-Verlages bestellen.

Klaus N. Frick