Die Redaktion empfiehlt: »Nichts Böses« von Jakob Schmidt Zehn phantastische Geschichten

12. Dezember 2013

In Berlin haben die Hunde die Macht übernommen; in Rudeln laufen sie durch die Straßen und bedrohen die Menschen, greifen sie an. Längst müssen sich die Menschen dieser fiktiven Zukunft vor den Tieren verstecken und fühlen sich in ihrer eigenen Stadt fast fremd. Doch Jähn, der Hund des Ich-Erzählers, ist anders – er ist ein »guter Hund«, einer der wenigen, die sich nicht gegen ihre »Herrchen« auflehnen. Aber verhält es sich wirklich so?

»Der gute Hund« ist eine von zehn Kurzgeschichten aus der Sammlung »Nichts Böses«. Sie präsentiert Werke des Schriftstellers und Übersetzers Jakob Schmidt, ist in der kleinen, aber feinen Edition Medusenblut erschienen und hat mir richtig gut gefallen. Ich weiß, dass Kurzgeschichten nicht viele Leser finden, aber diese Sammlung mit originellen Texten hätte ein größeres Publikum verdient.

Schmidts Geschichten sind keine Science Fiction und keine Fantasy, aber sie haben stets phantastische Themen. Sie spielen mit der Wirklichkeit und mit der Phantasie: In ihnen kann ein grünes, widerlich wirkendes Monster auf einmal zu einer glaubhaften Figur werden. In ihnen wird aber auch aus dem harmlosen Sohn einer Familie ein monströser Junge, der offensichtlich vom Teufel besessen ist.

In mehreren Geschichten lässt der Autor eine Erfahrungswelt aufblitzen, die für viele Leser schon phantastisch genug sein dürfte: Er ist im »wirklichen Leben« offensichtlich in der linksalternativen Szene verwurzelt; die Figuren seiner Geschichten gehen auf Demonstrationen, wohnen in Wohngemeinschaften oder tragen Dreadlocks. Das allerdings ist für Schmidt kein Dekor, sondern schlicht eine Realität, die er in die Texte einfließen lässt. Damit gestaltet er sie sogar ein Stück weit »realitätsnäher«, was dazu beiträgt, dass ich als Leser auch unglaublich phantastische Elemente auf einmal glaubhaft finde.

Meine Lieblingsgeschichte illustriert das sehr gut. In »Sonnenkinder« beispielsweise verwandelt sich ein eher unterdurchschnittlicher Mann nach einem Strandurlaub in ein seltsames Wesen. Alle Protagonisten wohnen eher chaotisch, leichte Drogen bestimmen ihr Leben. Vor diesem Hintergrund wirkt die Veränderung fast verwirrender, als wenn sie in der üblichen Mittelstandsfamilie stattfände, in der die üblichen Horror-Geschichten angesiedelt sind.

Bizarr wird's in »Eine Phase ungewöhnlicher WG-Buch-Aktivität«, das sich weniger als Phantastik liest denn als eine Satire auf das ganz gewöhnliche Leben in Wohngemeinschaften. Und wenn sich in »Du bist raus« zwei Figuren aufs Land zurückziehen, hat das etwas mit »autonomer« Paranoia und Angst vor den Zugriffen der Polizei zu tun – das phantastische Element ist dennoch beherrschend.

Jakob Schmidt schreibt sauber und elegant, seine Geschichten finde ich streckenweise fast perfekt. Wer unbedingt einen Vergleich möchte, darf gerne Ray Bradbury bemühen: Wie der Altmeister der phantastischen Literatur lässt auch Schmidt gern zu, dass sich Realität und Phantastik vermischen. Das macht er so geschickt, dass man manche Geschichten gleich ein zweites Mal lesen möchte.

Erschienen ist »Nichts Böses« als Band 22 der »Medusenblut«-Reihe; das Taschenbuch umfasst 196 Seiten und kostet 13,00 Euro. (Der vergleichsweise hohe Preis hat etwas mit der vergleichsweise niedrigen Auflage zu tun.) Mithilfe der ISBN 978-3-935901-16-1 kann das Buch überall im Buchhandel bestellt werden, auch bei Versendern wie amazon.de, aber ebenso über den Shop des kleinen Verlages.
 

Klaus N. Frick