Die Redaktion empfiehlt: »Jeremiah – Integral 1« von Hermann Science-Fiction-Klassiker mit Western-Charme

27. Juli 2012

Als in den späten 70er-Jahren eine neue Serie in der Comic-Zeitschrift »Zack« veröffentlicht wurde, die als »David Walker« bezeichnet wurde, fand ich das richtig klasse: Die Geschichte spielte in einer nahen Zukunft, hatte aber eindeutig Elemente des Action- und Western-Comics zu bieten. Enttäuschend fand ich, dass die Serie nicht fortgesetzt wurde – bis ich später feststellte, dass andere Verlage die Abenteuer unter dem richtigen Titel »Jeremiah« publizierten.

In den 80er- und 90er-Jahren erschien »Jeremiah« hierzulande bei verschiedenen Verlagen – und ich fand die jeweils neuen Alben von mal zu mal besser. Eine Reihe mit einheitlicher Gestaltung hatte ich allerdings nicht im Regal stehen; es passte wenig zusammen. Dabei fand ich Hermann, den Zeichner und Autor der Reihe, in all den Jahren klasse: Mit »Comanche« hatte er beispielsweise einen der besten Western-Comics überhaupt veröffentlicht.

In den vergangenen Jahren brachten die deutschsprachigen Verlage verschiedene Comic-Klassiker neu in den Handel, allesamt als Gesamtausgaben. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis auch »Jeremiah« in dieser Form veröffentlicht würde. Mit »Integral 1« liegt jetzt der erste Band der Gesamtausgabe beim kleinen Verlag Kult Editionen vor: Es handelt sich um ein schön gestaltetes Hardcover, das drei Abenteuer sowie redaktionelle Beiträge enthält.

Die Handlung ist recht einfach strukturiert: Nach einem hässlichen Bürgerkrieg, der im Abwurf von Atombomben endete, sind die Vereinigten Staaten zusammengebrochen. Kleinstaaten beherrschen das Bild, einzelne Indianervölker haben sich für selbständig erklärt, und überall schlagen sich die Menschen in kleinen Gruppen durch. In dieser Zeit erlebt Jeremiah, ein auf einer Farm lebender Jugendlicher, wie seine Heimat niedergebrannt wird. Zusammen mit Kurdy, einem abenteuerlustigen Herumtreiber, macht er sich auf den Weg, um Rache zu nehmen.

In der Folge stolpern die beiden Jugendlichen von einem Abenteuer in das nächste. Ihre Gegner sind beispielsweise ein mächtiger Mann, der den Sklavenhandel in seiner Gegend organisiert, eine Bande von brutalen Wüstenpiraten oder ein Plantagenbesitzer, der seine Arbeiter ausbeutet. Jeremiah und Kurdy müssen sich mit List und Intelligenz gegen die mächtigen Feinde durchsetzen. Dabei wird viel geschossen und gekämpft, knallige Action herrscht vor.

»Richtige« Science Fiction findet sich nur am Rand. Im Prinzip sind die »Jeremiah«-Geschichten moderne Western, als solche wurden sie oftmals bezeichnet.

Der Zeichenstil, den Hermann in den späten 70er-Jahren hatte, war ziemlich ausgereift. Die Personen wirken sehr realistisch, sie sind stets ein wenig »dreckig« und nie zu sauber. Weder die Helden noch die Bösewichter sehen besonders attraktiv aus, sie sind aber jeweils eigenständig gezeichnet und können klar unterschieden werden. Ähnliches gilt für die Hintergründe, Landschaften und Häuser: Sowohl Panorama-Zeichnungen als auch Details wirken stets überzeugend.

Was bei Hermann damals neu war, heute aber bei Comics zum Allgemeingut gehört, ist die Art und Weise, wie die Bilder aufgebaut sind: Kleine und große Zeichnungen bilden häufig eine Einheit, es gibt schnelle Schnitte, die an Filme erinnern, und die Farbgebung ist oftmals recht ausgefallen. Hermann und einige seiner Wegbegleiter erarbeiteten in den 70er-Jahren die Grundlagen für die modernen Comics für heute; bei »Jeremiah« lässt sich das gut nachvollziehen.

Ich finde den Start der »Jeremiah«-Gesamtausgabe gelungen. Die Geschichten sind nicht mehr sonderlich modern – damit war nicht zu rechnen –, aber immer noch spannend. Das einzige, was mich an dem ansonsten schön gestalteten Buch nicht anspricht, ist das Lettering: Hier hat der Verlag nicht optimal gearbeitet, da ist noch Verbesserungsbedarf.

Mit den drei Abenteuern »Die Nacht der Adler«, »Die Wüstenpiraten« und »Aufstand der Tagelöhner«, die allesamt digital restauriert wurden, sowie den redaktionellen Hintergründen liegt ein gelungener Hardcover-Band vor. Die 152 Seiten gibt's zum Preis von 29,95 Euro. Mithilfe der ISBN 978-90-89820-67-9 kann das Buch überall im Buch- und Comicfachhandel bestellt werden, ebenso über Versender wie amazon.de.

 

Klaus N. Frick