Die Redaktion empfiehlt: »Eine außergewöhnliche Reise« von Denis-Pierre Filippi / Silvio Camboni Origineller Phantastik-Comic

5. November 2015

Ist das nun Steampunk oder eine Parallelwelten-Science-Fiction? Handelt es sich um ein Werk für Jugendliche oder doch eher für Erwachsene? Egal: Mit »Eine außergewöhnliche Reise« hat der Toonfish-Verlag einen außergewöhnlichen Comic in seinem Programm, der auf den ersten Blick so aussieht, als sollte er Jugendliche ansprechen, der aber wegen seiner Anspielungen und originellen Gags vor allem für ein erwachsenes Publikum gedacht ist.

Die Geschichte spielt im Ersten Weltkrieg – allerdings im Jahr 1927, in dem er immer noch anhält. Die deutschen Flugzeuge – irritierenderweise mit dem Hakenkreuz als Zeichen – bombardieren die gegnerischen Hauptstädte; Roboter werden eingesetzt, um die Flugzeuge zu bekämpfen. In dieser Zeit, die sehr stark von unserer bekannten Realität abweicht, sind zwei Zwillinge namens Noémie und Emilien dazu verdonnert, bei Bekannten in der britischen Provinz aufzuwachsen.

Da die beiden sehr findig sind, haben sie sich ein mehrstöckiges Baumhaus mit allen Finessen erbaut, in dem sie wohnen und allerlei Maschinen konstruieren. Eines ihrer Ziele ist, den Jules-Verne-Wettbewerb zu gewinnen, der trotz aller kriegerischen Konflikte ausgetragen wird. Ein anderes Ziel ist zudem, die eigenen Eltern wiederzutreffen. In der Folge werden die Kinder in die Auseinandersetzungen hineingezogen; sie lernen Geheimagenten und kühne Konstrukteure kennen, und sie treten eine Reise nach New York an.

Das mag alles ein wenig schräg klingen, aber nicht sonderlich originell. Richtig toll wird die Geschichte durch die zahlreichen Details, die sowohl der Zeichner als auch der Autor eingebaut haben. Manche Bilder lohnen ein zweites Betrachten, die Geschichte in ihrer dynamischen Art verdient es ebenfalls, genau gelesen zu werden. Die beiden Schöpfer dieses Comics haben auch genügend Ahnung, um zu wissen, wie man so eine Story anlegt.

Denis-Pierre Filippi ist hierzulande zwar durchaus schon publiziert worden (ich mochte sein »Das Buch von Jack« sehr), die meisten dürften seinen Namen aber kaum kennen. Er weiß, wie man eine Geschichte steuert, und er wechselt geschickt zwischen Spannung und Humor, zwischen Krimi und erfundener Historie. Sein Blick auf die europäische Geschichte ist frei von Korrektheiten; man merkt dem Comic an, dass es dem Autor nicht darum ging, eine »korrekte« Parallelwelt zu schaffen. Ich sage nur: flugfähige Roboter im Ersten Weltkrieg, die Nazis als »Dritte Achse« und dergleichen ...

Richtig toll wird der Comic vor allem durch die beeindruckende Grafik des Italieners Silvio Camboni. Laut Biografie hat der Mann auch schon für Disney gezeichnet; das erklärt, warum seine Zeichnungen stets etwas »kindliches« haben, ohne wirklich für Kinder gedacht zu sein. Sie stecken voller Details, die Figuren sind tatsächlich liebevoll gezeichnet, und die Action wirkt stets dynamisch. Vor allem, wenn es darum geht, die Steampunk-Welt zu zeigen, läuft Gamboni zur Hochform auf: Da bergen manche Bilder derart viele Kleinigkeiten im Hintergrund, dass es sich lohnt, die Seiten sehr genau anzuschauen.

»Eine außergewöhnliche Reise« ist in der Tat ein außergewöhnlicher Comic, der auch hierzulande seine Freude finden sollte. Nicht nur die Steampunk-Fans sollten hier einen Blick riskieren, sondern eigentlich all jene, die ihr Vergnügen an schön gezeichneten und unterhaltsam erzählten Comics mit phantastischem Charakter haben. Ich mochte das Album sehr – nicht zuletzt auch deshalb, weil es hervorragend gestaltet und gedruckt worden ist.

Das 152 Seiten starke Buch gibt es für 29,95 Euro überall im Buch- oder Comic-Fachhandel; die ISBN 978-3-95839-900-6 kann bei einer Bestellung behilflich sein. Wer sich von der optischen Qualität einen Eindruck verschaffen möchte, kann dies mithilfe der kostenlosen Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlages tun.
 

Klaus N. Frick

 

Eine aussergewöhnliche Reise
Filippi, Denis-Pierre
toonfish
ISBN/EAN: 9783958399006