Die Redaktion empfiehlt: »Drohnenland« von Tom Hillenbrand Herausragender Science-Fiction-Krimi

17. Juni 2014

In einer vergleichsweise nahen Zukunft, vielleicht im Jahr 2040 oder kurz danach, ist Aart van der Westerhuizen ein Polizist der modernen Schule: Um einen Tatort zu besichtigen, fährt man beispielsweise nicht mehr direkt hin, sondern lässt ihn von Drohnen dreidimensional aufzeichnen. In diese Aufzeichnung wiederum lässt man sich »einspiegeln«, man ist dann im sogenannten Mirrorspace – und so muss man sich nicht aus dem Büro bewegen, um den Spuren eines Mordes zu folgen.

Doch als ein Angehöriger des Europaparlaments auf einem Feld bei Brüssel ermordet wird, verstrickt sich der Polizist in einen Fall, der von Tag zu Tag komplizierter wird. Alle Technik scheint nicht zu helfen, auch modernste Computer führen auf möglicherweise falsche Spuren. Als letztlich im überfluteten Hamburg ein Tatverdächtiger gestellt und – versehentlich – getötet wird, ist van der Westerhuizen so ziemlich der einzige Polizist, der immer noch Fragen stellt.

Soweit der Ausgangspunkt für »Drohnenland«, den ich schon jetzt als einen der besten deutschsprachigen Science-Fiction-Romane der vergangenen Jahre bezeichnen würde. Als Autor zeichnet Tom Hillenbrand verantwortlich, der als »Spiegel«-Redakteur arbeitete und mehrere »kulinarische« Krimis veröffentlichte. Sein Blick auf die Welt ist kritisch und wach. Er extrapoliert in eine Zukunft, die voller phantastischer Ideen steckt und dennoch unglaublich realitätsnah wirkt.

Die Autos in dieser Zukunft fahren per Sprachsteuerung, Computer regeln zahlreiche Details des Lebens. Wegen der Klimakatastrophe stehen weite Teile der Nordseeküste unter Wasser – darunter Städte wie Amsterdam und Hamburg –, während gleichzeitig Portugal dank seiner Gezeitenkraftwerke einen Aufschwung erlebt. In Nordafrika, wo Sonnenkraft für das energiehungrige Europa in Strom umgewandelt wird, führt die Europäische Union einen permanenten Krieg gegen Widerstandskämpfer, und Drohnen sind allgegenwärtig.

In raschen Kapiteln zeichnet der Autor sein Bild der nahen Zukunft. Man folgt als Leser der spannenden Krimihandlung und taucht Seite um Seite weiter ein in ein packendes Science-Fiction-Szenario. Glaubhafte Charaktere, nachvollziehbare Polizeimethoden und ein glasklarer Stil zeichnen den Roman aus, der mich während der gesamten Lektüre auf hohem Niveau unterhalten konnte.

Dass der Roman nur als »Kriminalroman« betitelt wird, obwohl es lupenreine Science Fiction ist, spricht in gewisser Weise Bände: Der Autor ist als Krimi-Schriftsteller bekannt, also ging der Verlag wohl davon aus, dass man ihn als solchen vermarkten müsse. Das Label »Science Fiction« könnte sogar hinderlich sein – da vermuten die Leser vielleicht Raumschiffgeschichten, und der Handel stellt das Buch ins falsche Regal.

Ich finde Genre-Bezeichnungen in einem solchen Fall eher witzig; »Drohnenland« ist sowohl ein hervorragender Krimi als auch ein wacher, intelligenter Science-Fiction-Roman. Leser beider Genres werden an dem glänzend erzählten, durchwegs spannenden und mit zahlreichen Ideen aufwartenden Roman ihre Freude haben.

Erschienen ist »Drohnenland« als großformatiges Taschenbuch bei Kiepenheuer & Witsch; es umfasst 423 Seiten und kostet 9,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-462-04662-5 kann »Drohnenland« in jeder Buchhandlung bestellt werden, ebenso bei Versendern wie Amazon. Es gibt selbstverständlich auch eine E-Book-Ausgabe, unter anderem für den Kindle – diese kostet ebensoviel wie das gedruckte Buch.

Auf der Internet-Seite des Verlages steht eine kostenlose Leseprobe zur Verfügung, ebenso »zwölf Fragen« an den Autor.
 

Klaus N. Frick

 

Drohnenland
Hillenbrand, Tom
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462046625