Die Redaktion empfiehlt: »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes« von Ted Chiang Phantasievolle Science Fiction ersten Ranges

12. Juli 2012

Science Fiction gilt im Allgemeinen als Ideenliteratur, als eine Beschreibung des »Was wäre wenn« mit möglichst ungewöhnlichen Mitteln. In den 50er-Jahren fabulierten die Autoren von außerirdischen Wesen und schnellen Raumschiffen, heutzutage entwickeln sie komplexe Welten oder stellen seltsame Hauptfiguren vor.

Der amerikanische Schriftsteller Ted Chiang gehört zu jenen, die in den vergangenen Jahren die Science-Fiction-Szene mit schrägen Ideen beeindruckte. Im Golkanda-Verlag erschien »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«, eine Sammlung von fünf Geschichten, die alle auf ihre Art ausgefallen und »abgefahren« SIND. Jede wurde übrigens mit mindestens einem renommierten Genre-Preis ausgezeichnet.

Die Verlagsinformation verspricht »Geschichten, die ein ganzes Universum enthalten«, und damit hat sie recht. Die Titelgeschichte zeigt das sehr schön: Wie wäre es denn, wenn es wirklich Engel gäbe, die auf die Erde kämen und die Menschheit besuchten? Wenn man als Mensch sehen könnte, wer zur Hölle fährt und in den Himmel aufsteigt? Wenn sich Gottes Wunder ständig auf der Erde manifestieren würden? Chiang geht von dieser Idee aus und schreibt sie konsequent fort: Das ist phantastische Literatur im schönsten Sinne, wenngleich es viele Science-Fiction-Leser vielleicht nicht mehr als »echte« SF bezeichnen würden.

Mit »Geschichte deines Lebens« gibt es einen Einblick in den Erstkontakt mit Außerirdischen, den zumindest ich so noch nie gelesen habe: Der Autor beschreibt die komplexe Arbeit, mit linguistischen Mitteln zu völlig fremden Wesen einen Kontakt aufzunehmen, und verschränkt dies mit dem »ganz normalen« Leben einer jungen Frau.

Meine Lieblingsgeschichte ist allerdings »Der Turmbau zu Babel«, in der Chiang ein »Was wäre wenn«-Szenario zu Ende denkt: Was wäre, wenn die Menschen den babylonischen Turm wirklich bis an das real existierende Himmelsgewölbe gebaut hätten? Wie muss man sich das vorstellen, wenn so ein Turm viele Kilometer hoch ist und irgendwann an das massive Gewölbe stößt? Was würde ein Bewohner der Region denken, wenn er es so weit geschafft hat?

Die kurzen Inhaltsangaben zeigen hoffentlich, in welche Richtung Chiangs Geschichten gehen: Er schildert fremdartige Ideen oder geht von ungewöhnlichen Szenarien aus. Solche Szenarien entwickelt er so weiter, dass man mit wachsendem Interesse in sie einsteigt – bis man nicht mehr hinterfragt, dass das Ganze vielleicht nicht »wirklich funktioniert«. Seine Geschichten sind oftmals Gedankenexperimente, eine höchst originelle Weiterentwicklung der klassischen Science Fiction.

Gleichzeitig aber sind sie »emotional« in einem positiven Sinn: Man lebt mit seinen Figuren mit, trauert mit der Mutter, die über den Tod ihrer Tochter sinniert, oder sucht mit einem babylonischen Handwerker nach dem Zugang zum Himmelsgewölbe. Der Autor schafft es, dass man als Leser direkten Anteil an den erfundenen Leben nimmt – und das ist angesichts der Szenarien eine echte Leistung.

Bei jeder der fünf Geschichten musste ich mich ein wenig »eindenken«, was nicht immer einfach war; dann aber packten sie mich. Ted Chiangs Phantasie scheint unerschöpflich, seine Charaktere wirken auf mich überzeugend, und die Ideenvielfalt begeistert. Jede Geschichte ist überraschend – ein gelungenes Buch, das auch sauber übersetzt worden ist.

Erschienen ist die Sammlung als Paperback mit Klappenbroschur; sie umfasst 182 Seiten und kostet 14,90 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-942396-12-7 kann das Buch überall im Buchhandel erworben werden, ebenso über Versender wie amazon.de. Es gibt eine E-Book-Version, unter anderem für den Kindle, die 9,99 Euro kostet.

Wer sich ein wenig vorher informieren möchte, findet auf der Verlags-Homepage eine kostenlose Leseprobe.
 

Klaus N. Frick
 

 

Leider stehen derzeit keine Daten zum Titel zur Verfügung. (9783942396127)